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Vorsitzende des Pflege-Selbsthilfeverbandes über die Versorgungszustände

„Pflege wird nur noch als Handwerk am Körper verstanden"

Hundertausendfache Mängel bei der Versorgung Pflegebedürftiger hat jüngst das Deutsche Institut für Menschenrechte (DIM) dokumentiert, zudem wurden zahlreiche Verstöße gegen die Menschenrechte aufgedeckt (siehe unten).

ÄP-Mitarbeiterin Leoni von Manteuffel sprach mit Adelheid von Stösser und Werner Schell, Vorsitzende des Pflege-Selbsthilfeverbandes e. V., über die Situation von Pflegebedürftigen in Deutschland sowie über mögliche Maßnahmen zur Verbesserung der bislang traurigen Zustände.

13.07.06 - ÄP:

Wie haben Sie die Studie des Deutschen Instituts für Menschenrechte aufgenommen?

von Stösser: Hier wurde ein weiterer Beweis geliefert, wie weit die Schere zwischen dem internationalen Recht und den Vorgaben des deutschen Sozial- und Heimgesetzes auf der einen und der täglichen Pflegepraxis auf der anderen Seite auseinander klafft.

Schell: Die Pflegedefizite sind anhand seriöser Quellen herausgearbeitet. Nach den vorgelegten Daten ist eine flächendeckende menschenwürdige Grundversorgung von Pflegebedürftigen in Deutschland nur unzureichend gewährleistet. Zudem handelt es sich bei den untersuchten Kriterien wie Essen und Trinken, Inkontinenzversorgung und Dekubitusprophylaxe nur um die körperliche Grundpflege, auf die sich die Pflege am meisten konzentriert und die als Einziges überhaupt systematisch geprüft wird.

Worin sehen Sie die Ursachen für die strukturellen menschenrechtlichen Mängel?

von Stösser: Es ist neben der knappen Personalbemessung in den Einrichtungen vor allem die Versachlichung in Medizin und Pflege: Pflege wird nur noch als Handwerk am Körper verstanden. Dem Patienten wird dabei die Rolle eines Behandlungs- oder Versorgungsgegenstandes auferlegt. Die psychosoziale Betreuung wurde mehr und mehr reduziert und findet im Leistungskatalog der Kassen derzeit keinerlei Berücksichtigung.

Schell: Die Pflegeversicherung stuft nur anhand körperlicher Defizite ein und bietet keine Anreize für rehabilitative Leistungen. So gesehen ist eine Sanierung der Pflegeversicherung dringend angezeigt.

An welchen Kriterien sollten sich Einrichtungen orientieren, um einer menschenwürdigen Pflege besser zu entsprechen?

von Stösser: Wir plädieren mit den Studienautoren des Deutschen Instituts für Menschenrechte dafür, die „Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen" vom „Runden Tisch Pflege" zur allgemeinverbindlichen Qualitätsrichtlinie zu erklären. Wir schließen uns auch der Empfehlung an, sie zum Bestandteil individueller Heimverträge zu machen. Für den Übergang entwickelt der Pflege-Selbsthilfeverband jetzt Kriterien und ein Gütesiegel für eine menschenwürdige Pflege.

Haben die Prüfungs- und Kontrollsysteme wegen ihres beratungsinternen Ansatzes versagt, wie es die beiden Rechtswissenschaftler ausführen?

von Stösser: Nicht nur deswegen. Die Qualitätssicherung ist viel zu stark auf Strukturqualität fixiert. Daraus hat sich ein Bürokratismus entwickelt, der in keinem Verhältnis zum Nutzen steht. Was soll eine Dokumentation im Stil einer doppelten Buchführung? Was wir brauchen sind Qualitätssysteme, die den Schwerpunkt auf die Ergebnisqualität verlagern. Man würde die Dekubitusrate sofort senken, wenn man eine Sanktion für jeden Dekubitusfall einführen würde. Es ist doch paradox, dass Heime, in denen mehrere Bewohner Druckgeschwüre entwickelt haben, unbeanstandet bleiben, wenn sie die vorgeschriebenen Unterlagen vorweisen, während andere, bei denen kein einziger Fall aufgetreten ist, wegen fehlender Risikoerhebung gemahnt werden.

Wie können effektivere Kontrollen aussehen?

Schell: Heimaufsicht und MDK sollten grundsätzlich nur noch unangemeldet prüfen. Für besonders wichtig halte ich außerdem den Vorschlag, unabhängige Beratungs- und Beschwerdestellen einzurichten.

Kann man von externen Beschwerdestellen durchgreifende Wirkung erwarten?

Schell: Insider wissen, dass Gewalt gegenüber pflegebedürftigen alten Menschen Alltagspraxis ist. Darüber informiert zum Beispiel der aktuelle „Leitfaden Gefahren für alte Menschen in der Pflege" vom Landespräventivrat NRW. Gewaltanwendungen scheinen mir am ehesten durch Hilfestellung vor Ort und Öffentlichkeitsarbeit beeinflussbar.

Aus menschenrechtlicher Sicht befinden sich mehrere Gruppen in einer besonders „verletzlichen" Situation, wie Alleinstehende, Kinderlose, Homosexuelle. Wie soll es hier gelingen, durch psychosoziale Betreuung ein fehlendes familiäres Netz auszugleichen?

von Stösser: Vieles ließe sich präventiv auffangen, durch den Ausbau passender Hilfestrukturen in Städten und Gemeinden. Auch könnten besondere Versorgungsangebote wie betreutes Wohnen und Wohngemeinschaften einen Ausgleich für fehlende familiäre Strukturen schaffen.

Sie gehen in einer Stellungnahme auch auf die ärztliche Versorgung ein. Wo sehen Sie Handlungsbedarf?

von Stösser: Die Ärzteschaft könnte sehr viel dazu beitragen, das Aufkommen an Pflegebedürftigkeit bei alten Menschen zu reduzieren. In vielen Fällen wäre es auch möglich, die Selbstständigkeit weit gehend wieder herzustellen. Aber das Engagement ist oft erschreckend gering. Die Verschlechterung der Mobilität wird zum Beispiel als Alterserscheinung hingenommen, so wie bis vor 20 Jahren ein Dekubitus als natürliche Folge der Bettlägerigkeit verstanden wurde. Anstatt zunächst alle natürlichen Hilfsmittel auszuschöpfen, zum Beispiel auf mehr Bewegung zu achten, greifen viele Mediziner einzig und allein zum Rezeptblock – mit allen schädlichen Nebenwirkungen der Dauermedikation.

Schell: Leider hören wir immer wieder, dass vor allem die fachärztliche Versorgung in stationären Einrichtungen mangelhaft ist. Der Staat hat die Gewährleistungsfunktion für eine menschenwürdige Pflege. Im Pflegealltag müssen sich alle Beteiligten der Situation stellen.

ÄP HINTERGRUND

Unterversorgt und mangelernährt

Auf große Mängel bei der Pflege älterer Menschen hat jüngst das Deutsche Institut für Menschenrechte hingewiesen. Häufig werde gegen Menschenrechte verstoßen. Im Jahr 2003 wurden schätzungsweise 384.000 Pflegebedürftige nicht ausreichend ernährt, etwa 440.000 nicht genügend vor Wundliegen geschützt. Rund 212.500 inkontinente Senioren wurden nicht angemessen versorgt.

Bei den Daten zur Qualität der Altenpflege stützt sich die Studie „Soziale Menschenrechte älterer Personen in der Pflege" auf einen Bericht des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) vom November des Jahres 2004.

Die Mängelliste:

  • Bei 38 Prozent (ambulante Pflege) respektive 28 Prozent (stationäre Pflege) der Pflegebedürftigen existieren Defizite in der Pflegeanamnese.
  • Bei 37 Prozent der Personen (ambulante Pflege) sind Mängel in der Ernährung festgestellt worden, die unmittelbar auf den beauftragten Pflegedienst zurückzuführen waren. Im stationären Bereich wurden Defizite bei 41 Prozent der von der Prüfung des MDS erreichten Pflegebedürftigen aufgedeckt.
  • In puncto Dekubitusprophylaxe bestanden bei 49 Prozent (ambulante Pflege) respektive 43 Prozent (stationäre Pflege) der Pflegebedürftigen Mängel.
  • Bei 25 Prozent (ambulante Pflege) respektive 20 Prozent (stationäre Pflege) der Pflegebedürftigen wurden Qualitätsdefizite in der Inkontinenzversorgung beschrieben.

In Deutschland leben etwa fünf Millionen hilfs- und pflegebedürftige Menschen. Von dieser Gruppe sind knapp zwei Millionen als pflegebedürftig im gesetzlichen Sinne eingestuft. Unter allen Pflegebedürftigen sind 85 Prozent (also etwa 1.700.000 Personen) über 60 Jahre alt.

Quelle: Zeitung „Ärztliche Praxis"
http://www.aerztlichepraxis.de