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Situationsbericht der Stationären Altenhilfe
Eine Einschätzung aus der Praxis von Peter Junker

Vorwort
Seit Jahren ist die Altenhilfe durch Vorgaben der Kostenträger in eine in vielerlei Hinsicht höchst negative Situation gebracht worden. Als Folgen dieser Reglementierungen macht die Branche beispielsweise ein schlechtes Image, dramatischen Nachwuchsmangel und stetig wachsenden Bürokratismus aus.

Diese Probleme sind stark von den wirtschaftlichen Voraussetzungen abhängig. Der enorme Kostendruck erlaubt es nicht, Leistungen in der Altenhilfe mit entsprechenden Entgelten zu honorieren. Dies trägt nicht gerade zur Verbesserung des Images bei. Gerade von diesem Image, von der öffentlichen Darstellung, ist die Altenhilfe aber im Wesentlichen abhängig. Die Berufstätigkeit in einem Arbeitsumfeld, das von zwischenzeitlich 41 Institutionen und Behörden kontrolliert wird, kann dem potentiellen Nachwuchs nur schwer schmackhaft werden. Junge Leute sind gerade in der Frage des Ansehens ihres Ausbildungsberufes außerordentlich empfindlich. Auch Quereinsteiger können in diesen Berufen nicht mehr die Erfüllung ihrer Erwartungen und Wünsche bei der sinnvollen Auswahl einer Tätigkeit für ihre 2. Lebenshälfte sehen.

Die Branche wäre durchaus dazu in der Lage, ihre Probleme zu lösen – sowohl das Image- wie auch das Nachwuchsproblem – wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse dafür Raum ließen. Dies ist gegenwärtig nicht der Fall. Ganz im Gegenteil, verschlechtern sich die Möglichkeiten ständig. Die nachfolgende Situationsbeschreibung skizziert einige der Problembereiche.

Das Bild der Altenhilfe in der Öffentlichkeit
Meinungsumfragen des Instituts für Demoskopie Allensbach haben ergeben, dass 85 Prozent der Leser/Zuschauer von Medienberichterstattungen über Ereignisse in Altenheimen, diese als negativ-überzogen ansehen. Dennoch stellt sich bei allen Untersuchungen heraus, dass ein Rest von Skepsis bei der Bevölkerung hängen bleibt. Parallel dazu ist es bis zum heutigen Tag nicht gelungen, die tatsächlichen Leistungen von Altenpflegekräften darzustellen. Für die Mehrheit der Menschen besteht deren Pflegetätigkeit aus einfachsten Dienstleistungen wie Nachttöpfe leeren oder Hygienemaßnahmen. Die Professionalität dieses Berufes ist weder in das Bewusstsein der Bevölkerung noch in den öffentlichen Meinungsbildungsprozess eingegangen.

Darauf müssen die in der Altenhilfe tätigen Unternehmen entsprechend reagieren. Die Besonderheit des Produkts Pflege mit seinen reichhaltigen Facetten machen den Einsatz von Image- und Marketingkonzeptionen in der Öffentlichkeit aber schwer nachvollziehbar. Zur besseren Außendarstellung muss deshalb ein Grundkonzept entwickelt werden, das aus einer Kombination des Produkts Pflege in Verbindung mit leitenden Personen der Träger als Kompetenzvermittler besteht.

Die Berichterstattung über die Altenhilfe
Die Medienwelt ist in ihrem Kampf um Marktanteile meist darauf angewiesen interessante, schlagzeilentaugliche und damit in der Regel eher negativ-skandalträchtige Themen zum Gegenstand ihrer Berichterstattung zu machen. Dabei werden oftmals Sinnzusammenhänge konstruiert, die nicht wirklich gegeben sind: So wird beispielsweise die Tatsache des Sturzes eines Bewohners in einem Pflegeheim ursächlich auf dessen Aufenthalt dort zurückgeführt. Der Fakt, dass ein solcher Sturz zum unvermeidbaren Lebensrisiko eines jeden Menschen gehört und es keinen Bericht wert gewesen wäre, wenn dieser Mensch zu Hause gestürzt wäre, wird dabei schlicht ignoriert. So wird das Bild der Altenpflege in der Öffentlichkeit durch Schlagzeilen-Journalismus in eine bestimmte Richtung hin geprägt.

Eine solche Art der Berichterstattung hat deshalb negative Auswirkungen, weil es sich bei der Pflege um ein Vertrauensprodukt handelt, das eben nicht wie andere Dinge zunächst einmal ausprobiert werden kann. Das Produkt wird erst in dem Moment beurteilt, in dem der Kunde es nutzt. Das Vertrauen in die beauftragte Institution ist somit von der ersten Minute an Voraussetzung. Wenn dieses Vertrauen auch nur geringfügig verletzt wird, geht es in der Regel gleich vollständig verloren.

Der Staat und seine Forderungen
Die Vielzahl der Verordnungen, Vorschriften und Gesetze, die für die Altenhilfe in den letzten Jahren erlassen wurden, zeigt die Denkrichtung des Gesetzgebers: Jeglicher potentielle Mangel muss verhindert werden. Dies liegt wiederum daran, dass die Öffentlichkeit sofort bei der Feststellung eines Mangels "schärfere Gesetze" und Maßnahmen des Staates verlangt, die stets Restriktionen zur Folge haben. Dabei ist es kein Geheimnis, dass auch der Staat, solange es um die Arbeit von Menschen geht, Mängel nicht verhindern kann. Es muss ein Umdenken dahin stattfinden, dass man mit einem gewissen Grad an Fehlleistungen vernünftig umgehen kann. Schließlich sind sie nie vollständig zu vermeiden.

Die alte Rechtfertigung, es müsse den "schwarzen Schafen" auf die Finger geschaut werden und wer nicht dazugehöre dem schade das nicht, ist in dem Zusammenhang eine Behauptung, die vor allem in der Öffentlichkeit eher umgekehrt verstanden wird.

Die betroffenen Familien und ihre Vorstellungen
Der Entschluss, einen Menschen, weg von der Familie, in einem Heim unterzubringen, ist für die Angehörigen schwerwiegend. Sie treffen ihn eigentlich nur unter extremen Bedingungen, die oft davon gekennzeichnet sind, dass die Bezugspersonen bis an das Äußerste ihrer Belastbarkeit gegangen sind, sie oftmals sogar überschritten haben und nun Hilfe benötigen. Aus dieser Situation heraus bleibt bei den Familien der bittere Nachgeschmack "versagt" zu haben und damit "schuldig" geworden zu sein.

So entsteht die Vorstellung von einer Heimversorgung, bei der all das, was man zu Hause unter größten Anstrengungen bis hin zur Erschöpfung selber vollzogen hat, nun im Heim stattfinden muss. Aus dem Gefühl heraus zu früh aufgegeben zu haben, kommt nahezu immer noch ein schlechtes Gewissen hinzu. Außerdem wird ein Großteil der familieninternen Auseinandersetzungen aus vergangenen Zeiten dann erneut zum Thema innerhalb der Familie und damit auch zum Gegenstand von Auseinandersetzungen mit der Einrichtung gemacht. Diesem Druck und diesen Anforderungen können sich die Beschäftigten nur schwer entgegenstellen.

Das Machbare
Ein Heimbetrieb kann die eigene Familie nicht ersetzen. Sowohl von den äußeren Umständen wie auch von den emotionalen Bedingungen her gesehen, kann die Rolle der Familie von den Beschäftigten im Heim nicht übernommen werden. Trotz aller Bemühungen stoßen die Menschen, die dort arbeiten mehr oder weniger rasch an ihre Grenzen, wenn Sie den Versuch unternehmen, hier Ersatz zu leisten.

Eine Gemeinschaft von Menschen, egal, in welchem Zustand, erfordert immer eine organisierte Form des Zusammenlebens. Obwohl die Organisationsformen heute eher durchlässig geworden sind und die Umsetzung nahezu aller Wünsche möglich macht, bleiben gewisse Grundstrukturen erhalten. Diese verhindern, der Individualität des Einzelnen in allen Teilen gerecht zu werden. Eine Heimunterbringung ist niemals eine bessere Lösung als das Zuhause. Aber sie ist nahezu immer die machbare Lösung.

Das Nicht-Machbare
Der Anspruch, das häusliche Umfeld mit allen emotionalen Bindungen zu ersetzen ist im Heim nicht erfüllbar. Es geht deshalb nicht, weil von den dort Beschäftigten nicht erwartet werden darf, dass sie diese Anstrengungen überhaupt unternehmen. Die professionelle Ausübung von Pflege mit all ihren emotionalen Bestandteilen führt zwingend zum Ausscheiden der Menschen aus diesem Beruf, wenn man Ihnen zumutet, schicksalhafte familiäre oder familiensoziologische Konflikte im Heim lösen zu müssen.

Das weitverbreitete Bournout-Syndrom zeigt deutlich, dass die emotionale Belastung des Personals im Heim außerordentlich hoch ist – sehr viel höher als in vielen anderen Berufen. Dies liegt in einem nicht unwesentlichen Teil daran, dass die Beschäftigten aus ihren ethischen Überzeugungen heraus den Versuch unternehmen, eine Familienatmosphäre zu kopieren. An die Stelle dieses zum Scheitern verurteilten Versuches muss eine Professionalität treten, die das Personal davor schützt, sich emotional zu übernehmen. Das hat nichts mit der Zurücknahme von Zuneigung und Bindung oder gar Freundlichkeit zu tun. Es bedeutet vielmehr, die schicksalhafte Entwicklung eines alten Menschen nicht nur und ausschließlich als eine persönliche Belastung zu erleben.

Fazit
Die Situation in den Heimen bleibt angespannt. Unter anderem deshalb, weil die Politik derzeit wenig oder gar keine Anstrengungen unternimmt, mit Hilfen oder Abhilfen eine bessere Situation zu schaffen.

Niemand glaubt ernsthaft, dass Heime nicht benötigt werden. Wenn dies aber so ist, dann müssen die Einrichtungen in die Lage versetzt werden, ihren Auftrag im Rahmen der Möglichkeiten zu erfüllen. Dazu gehört Geld, das derzeit nicht zur Verfügung steht und dazu gehört Personal, das bei entsprechender Ausstattung auch eingesetzt und mit viel Kreativität am Arbeitsmarkt akquiriert werden kann. Dazu gehört es aber auch den ständigen Versuch zu unterlassen, durch noch mehr Vorschriften eine bessere Situation herbeizuführen.

Peter Junker
Geschäftsführender Vorstand und Sprecher
der Unternehmensgruppe Dienste für Menschen