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Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben stellt Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa vor: Sterbehilfe ist für die meisten Deutschen kein Tabu

Von Karl H. Brückner
Berlin. Immer mehr Menschen in Deutschland sind der Auffassung, daß Sterbehilfe für unheilbar Kranke erlaubt sein sollte: Das ist das Ergebnis einer Repräsentativumfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa. Auftraggeber der Umfrage war die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS). Sie hat die Erhebung in Berlin vorgestellt und sieht sich bestätigt: Über 80 Prozent der Befragten sprachen sich im Mai 2000 für die Sterbehilfe aus, vor einem Jahr waren es 78 Prozent. Die Zahl der Gegner von Sterbehilfe stagniert bei zwölf Prozent, jeder zehnte Befragte wollte sich nicht festlegen.

Die telefonische Befragung von 1002 deutschsprachigen Personen ab 14 Jahren, die nach der Methode der systematischen Zufallsauswahl ermittelt wurden, zeigt unter anderem folgende Meinungstrends:

  • Für ein Gesetz, das regelt, unter welchen Bedingungen Sterbehilfe geleistet werden darf, sprechen sich 71 Prozent der Befragten aus, 13 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Die Zahl derjenigen, die eine gesetzliche Regelung ablehnen, ist um zehn Punkte auf 24 Prozent zurückgegangen.
  • Etwa jeder zweite gibt an, er würde sein eigenes Leben im Fall einer unheilbaren und qualvollen Krankheit verkürzen. Ein Drittel der Bevölkerung lehnt dies für sich ab; überdurchschnittlich häufig gilt dies für Frauen, mindestens 60jährige und die Anhänger der katholischen Kirche.
  • Erstmals wurde in der neuen Studie eine Frage zum Thema "Koma" gestellt: "Sollte man Menschen, die ins Koma gefallen sind, die möglicherweise unter Schmerzen leiden und die wahrscheinlich nie mehr erwachen, in jedem Fall am Leben erhalten?" Insgesamt sprachen sich nur 28 Prozent dafür aus, auch in diesem Falle sollte alles zur Lebenserhaltung erforderliche getan werden, fast 60 Prozent meinen dagegen, lebenserhaltende Maßnahmen sollten unterbleiben. Die DGHS nennt hält dieses Ergebnis für "überraschend".
  • Interessant ist auch, was die Bevölkerung zum Thema "Verfügungsgewalt über das Leben" als persönliche Überzeugung zu Protokoll gegeben haben. Die Befragten sollten sich für eine von drei vorgegeben Antworten entscheiden. Im Kern ging es darum, ob der Mensch allein die Verfügungsgewalt über sein Leben hat oder ob nur Gott über das Ende entscheiden dürfe. Auch diese Frage wurde in diesem Jahr erstmals gestellt. Ergebnis: Drei Viertel der Befragten sehen den Menschen allein in der Verantwortung für sein Leben. Er könne damit auch selbst über sein Ende bestimmen.

Die bundesweit aktive DGHS mit Sitz in Augsburg setzt sich seit fast 20 Jahren vordringlich für das Selbstbestimmungsrecht der Patienten ein und fordert unter anderem eine gesetzliche Regelung der Sterbehilfe. Für aktive Sterbehilfe plädiere der Verband aber nur "in sehr engen Grenzen", wenn der Patient dies zweifelsfrei in aussichtslosen Situationen wolle und sich ein Arzt dazu bereit erkläre, erläuterte DGHS-Geschäftsführer Dr. Kurt F. Schobert in Berlin.
Der vor Jahren ins Zwielicht geratene Verein arbeitet seit längerem mit einigem Erfolg daran, sein Negativ-Image als dubioser Sterbehilfe-Club zu überwinden. Patientenverfügungen gehören schon seit jeher zu den Aufgaben der DGHS. Ganz neu ist jetzt eine Verfügung, mit der man sich gegen den Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen auch bei schwersten Erkrankungen und im Sterbeprozeß aussprechen kann (wir berichteten).
Die Gesellschaft hat noch weitere Themen besetzt. So fordert sie unter anderem auch, das Arzneimittel- sowie das Drogen- und Betäubungsmittelgesetz zu liberalisieren. Ärzte sollen bei aufgeklärten Patienten, die dies im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte wünschen, auch solche harten Drogen und Betäubungsmittel verstärkt einsetzen können, deren Einsatz der Gesetzgeber bislang wesentlich erschwert oder blockiert.
Die Schmerztherapie, deren Defizite in Deutschland seit Jahren beklagt werden, hat der Verein zu einem wichtigen Betätigungsfeld gemacht. So gibt es seit längerer Zeit ein Info-Telefon zur Schmerz- und Palliativmedizin mit Informationen über Schmerztherapeuten und Palliativstationen. Es ist werktags von 8.30 bis 17.30 Uhr besetzt, die Telefonnummer lautet 01 80/5 91 99 91.
Auch Broschüren, aktuelle (Fach-)Literatur und fachspezifischen Artikel der Verbandszeitschrift "Humanes Leben und Humanes Sterben" widmen sich dem Thema Schmerzen.
Broschüren für Ärzte hält der eingetragene Verein ebenfalls bereit, etwa zur Schmerzanamnese und Therapieverlauf bei Dauerschmerzen, zu Analgesien ohne BtM-Rezept. Auch ein Leitfaden zur medikamentösen Schmerztherapie bei Tumorpatienten wird angeboten.
Ein Patientenrecht auf Sterbehilfe durchzusetzen, bleibt zentrales Anliegen der DGHS. Der Verband hofft jetzt auf eine entsprechende interfraktionelle Initiative, die Abgeordnete des Deutschen Bundestages ergreifen wollen. Die Ergebnisse der neuen Forsa-Umfrage machen immerhin deutlich, daß es sich hierbei nicht um ein von Randgruppen verfochtenes exotisches Anliegen handelt.

Quelle: Ärzte-Zeitung vom 7.6.2000 (Zustimmung zur Übernahme erteilt am 9.6.2000)

Werner Schell (10.6.2000)