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Schwester Maria
Euthymia Üffing
(1914 - 1955)

und die Pflege von Kriegsgefangenen und Fremdarbeitern

 

 

 

 

Schwester Maria Üffing

Kindheit und Jugend
Emma Üffing, die spätere Ordensschwester Euthymia Üffing, wurde am 8. April 1914 in Halverde, heute Kreis Steinfurt, als Kind von August Üffing (1869-1932) und seiner Ehefrau Maria, geb. Schmitt (1878-1975) geboren. Die Eltern arbeiteten als Landwirte auf ihrem eigenen Hof. Mit 18 Monaten erkrankte Emma an Rachitis. Ihre Entwicklung verzögerte sich und die Folgen der Krankheit begleiteten sie ihr ganzes Leben: körperlich blieb sie schwächlich, litt unter Gehschwierigkeiten, ihr linkes Augenlid hing etwas herunter, sie erreichte eine Körperlänge von 1,56 m.
Trotz ihrer Entwicklungsverzögerung arbeitete Sie auf dem Bauernhof und wenn andere ihr eine Arbeit abnehmen wollten, antwortete sie: "Dat kann ick wuoll!" (Das kann ich wohl). Zu Ihrer eisernen Willenskraft trat schon früh eine außergewöhnliche Frömmigkeit. Mit 17 Jahren äußerte sie erstmals den Wunsch Ordensschwester zu werden.

Zeit des Wartens
Der Weg ins Kloster verlief allerdings nicht ohne Hindernisse. Emma arbeite zunächst als Hauswirtschaftslehrling im Sankt Anna-Krankenhaus in Hopsten. Die schwere Lungenerkrankung des Vaters zwang Emma, ihre Zeit in Hopsten zu unterbrechen, um ihren Vater zu pflegen. Nach dem Tode des Vaters kehrte sie wieder in das Sankt Anna-Krankenhaus zurück. In diesem Krankenhaus arbeiteten Clemensschwestern, und die Vorsteherin, Euthymia Linnenkemper, wurde Vorbild für Emma. Am 26. Februar 1934 betete Emma am Sterbebett von Schwester Euthymia und etwa 4 Wochen später verfaßte sie einen Brief an das Mutterhaus der Clemensschwestern und bat um Aufnahme in das Kloster. Die Genossenschaft der Barmherzigen Schwestern von der Allerseligsten Jungfrau und Schmerzhaften Mutter Maria, so der offizielle Name der Clemensschwestern, war 1808 von Clemens August von Droste zu Vischering gegründet worden, um Kranke in ihren Wohnungen zu pflegen. 1934 umfaßte die Gemeinschaft 2638 Mitglieder. Emmas Wunsch, in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden, wurde zunächst nicht entsprochen. Die damalige Generaloberin lehnte das junge Mädchen wegen des kränklichen Eindrucks ab. Emma gab jedoch nicht auf. Ein ärztliches Attest und gute Zeugnisse führten doch noch zu einer Zusage.

Klösterliche Zeit
Am 23. Juli 1934 öffnete sich die Klosterpforte und Emma wurde aufgenommen. Acht Wochen später erhielt Sie den von ihr gewünschten Namen: Euthymia. Obwohl das Klosterleben kein "Zuckerschlecken" war: 5 Uhr Aufstehen, Gebet und Meditation, 6 Uhr Besuch der Heiligen Messe, 6.45 Uhr Frühstück und danach ununterbrochene Arbeitszeit, nur von einer kleinen Gebetszeit unterbrochen, zeigen die Briefe an ihre Mutter eine tiefe Zufriedenheit, ja Glückseligkeit.
Kurze Zeit nach ihrer Einkleidung nahm sie an der staatlichen Prüfung zur Desinfektorin teil und begann anschließend die Ausbildung zur Krankenschwester. Am 11. Oktober 1936 legte sie die Gelübde der Armut, der Ehelosigkeit und es Gehorsams ab, 19 Tage später erfolgte ihre Versetzung in das Sankt Vinzenz-Krankenhaus nach Dinslaken. Hier arbeitete sie zunächst auf der Frauenstation, ein Jahr später begann sie den Dienst auf der sogenannten Isolierstation Sankt Barbara. Am 21.9.1939 bestand Schwester Euthymia die Krankenpflegeprüfung mit der Note: Sehr gut.

Pflege der Kriegsgefangenen
Im Februar 1943 erhielt die Leitung des Sankt Vinzenz-Krankenhauses den Befehl, die Bettenzahl der Sankt Barbara-Baracke zu erhöhen und kranke Kriegsgefangene und Fremdarbeiter aus dem naheliegenden Lager in Walsum aufzunehmen. Schwester Euthymia pflegte nun Franzosen, Belgier, Holländer, Italiener, Russen, Ukrainer und Polen mit Infektionskrankheiten wie: Krätze, Gesichtsrose, Tuberkulose, Typhus und Geschlechtskrankheiten. Ohne Rücksicht auf die dauernde Überbelegung wurden die Kranken manchmal wie Bauschutt vor die Baracke gekippt. Die Angst vor den Deutschen in den Augen, unterernährt, die Kleidung zerlumpt und voller Ungeziefer lagen sie auf der Erde. Schwester Euthymia wusch Sie, versorgte sie mit sauberen Kleidern, legte frische Verbände an und fand immer noch einen Schlafplatz.
In der Sankt Barbara-Baracke herrschte ein anderer Ton als im Lager. Ein französischer Kriegsgefangener schrieb: „Dort im Vinzenz-Hospital gab es keine SS noch SA mehr, sondern wahre christliche Nächstenliebe. Dort wurde ich wieder als menschliches Wesen behandelt und mit Güte. Ich danke der Schwester Euthymia, die sehr gut war." (Mussinghoff 2000)

Stiller Widerstand
Schwester Euthymia entsprach nicht dem Typus der Braunen Schwestern und pflegte, ohne die nationalsozialistischen Vorschriften zu beachten. Sie unterschied nicht nach Rasse, Nationalität und Religion, alle Kranken sollten angemessene Hilfe erhalten. Als ihr eigener Bruder von Russen getötet wurde, ließ sie ihren russischen Patienten keine schlechtere Pflege zukommen.
Mehrmals mußte sie sich vor den nationalsozialistischen Inspekteuren verantworten. Eine Rüge erhielt sie, weil sie trotz des Verbotes Kranke mit dem Lift transportiert hatte. Seit diesem Vorfall trug sie die Patienten die Treppen hinauf.
Für die allgemeine Bevölkerung waren die Nahrungsmittel sehr rar und für die ausländischen Kranken gab es noch weniger Lebensmittel. Die Rationen durften nicht verbessert werden. Schwester Euthymia schaffte es dennoch, Nahrungsmittel zu erbetteln und sie vor den Spionen in sauberen Abfallbehältern verschwinden lassen. Aus diesem Versteck konnten die Fremdarbeiter unbemerkt die Brote entnehmen.
Verbandstoffe, Salben, Jodtinkturen, Sulfonamide und Betäubungsmittel fehlten ebenfalls. Ein Hilfspfleger, der französische Pfarrer Emile Eche (1903-1965), „hamsterte und organisierte", was die Ordensschwester stillschweigend duldete.
Die humane Behandlung des „Feindes" wurde bekannt und viele Fremdarbeiter kamen ins Krankenhaus, um Hilfe zu erhalten. Der Lagerführer des Ausländerlagers in Dinslaken zweifelte an der Pflegebedürftigkeit der Gefangenen. In einem Brief an seine Vorgesetzten machte er eine Meldung über die auffallend hohe Zahl von Fremdarbeitern. Schwester Euthymia mußte sich langen Verhören unterziehen und Spitzel sollten sie beobachten. Angst vor den Nazis hatte sie jedoch nicht.
Für die Vermittlung und Einschleusung des Geistlichen Heinrich Theisselmann (1882-1969) hätte sie bei Entdeckung die Todesstrafe erhalten. Sie schaffte es immer wieder mittels eines geheimen Codewortes, diese Besuche zu arrangieren, um den Gefangenen auch geistlichen Beistand zu ermöglichen.
Ihr Leben riskierte sie auch während der Bombardierungen. Nach dem Transport der Kranken in den Luftschutzkeller lief sie immer wieder zurück, um bei den nichttransportfähigen Kranken und Sterbenden in den Zimmern zu bleiben; "keiner der vielen Kranken der Baracke starb, dem die Ordensschwester nicht beigestanden hätte" (Meyer, 1988).
Kurz vor dem Ende des Krieges wurde das Sankt Vinzenz-Krankenhaus von einem Bombenhagel zerstört. Schwester Euthymia half bei der Verlegung der Kranken. Während der Kriegswirren wurde sie mehrmals verschüttet, sie gab niemals auf.
Die Kriegsgefangenen und Fremdarbeiter nannten sie: Engel von Sankt Barbara.

Neue Aufgaben und Faszination bis Heute
Nach der Errichtung des Hilfskrankenhauses versetzte die Generaloberin Schwester Euthymia, die ihren Beruf sehr liebte, in die Waschküche des Sankt Vinzenz-Krankenhauses, und ab Januar 1948 übertrug sie ihr die Leitung der Wäscherei des Mutterhauses und der Sankt Raphaels Klinik in Münster.
Am 9. September 1955 erlag Schwester Euthymia einem Krebsleiden. Seit diesem Tage erfolgte eine große Verehrung dieser zu Lebzeiten eher unscheinbaren Schwester. Viele Menschen waren und sind fasziniert von dieser vorbildlichen Krankenschwester und tief religiösen Frau. Im Mutterhaus der Clemensschwestern gingen bisher über 150.000 Briefe ein, die von der Verehrung Schwester Euthymias zeugen. Am 29. Oktober 1959 wurde der Seligsprechungsprozess eröffnet, er konnte am 1. Juli 2000 erfolgreich abgeschlossen werden. Die feierliche Seligsprechung wird am 7. Oktober 2001 in Rom stattfinden.

Literaturhinweise
Eche, Emile: Ich diente und mein Lohn ist Frieden. Die Clemensschwester Maria Euthymia in den Erinnerungen des Kriegsgefangenen Soldatenpriesters Emile Eche, Münster, 1994
Füsser, Ulrich: Engel der Zwangsarbeiter. Schwester Maria Euthymia pflegte Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, in Krankendienst 74 (2001) 1, Seite 13
Loy, Johannes u.a.: Schwester Euthymia „Alles für den großen Gott", Münster, 2000
Meyer, Wendelin: Schwester Maria Euthymia, Münster, 1988
Mussinghoff, Heinrich: Schwester M. Euthymia (1914 - 1955), Ein verborgenes Leben für Gott und die Menschen, Kevelaer, 2000
Padberg, Magdalena: M. Euthymia, Clemensschwester, Recklinghausen, 1977
Artikel Ungerechte Kränkung, Münsterisches Bistumsblatt, Februar, 1935
Quellen aus dem Archiv des Mutterhauses der Clemensschwestern, Münster

Bildquelle
Mutterhaus der Clemensschwestern Münster

Autor:
Ulrich Füsser
Regina-Protmann-Schule
am Sankt Katharinen-Krankenhaus
Seckbacher Landstr. 65
60389 Frankfurt