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Wo bleiben die Ärzte in Altenheimen?
Eine Studie entdeckt kaum bewusste Defizite im Pflegesystem

Ein Beitrag von Eckart Klaus Roloff

Die „Studie zur ärztlichen Versorgung in Pflegeheimen" erforscht, wie die ärztliche Versorgung von HeimbewohnerInnen geregelt ist. Die Ergebnisse sind erschreckend: Es gibt kaum HeimärztInnen, die meisten BewohnerInnen haben keine Möglichkeit, in eine Arztpraxis zu gelangen, und die fachärztliche Versorgung ist fast nicht vorhanden.

Es gibt sie selbstverständlich dort, wo viele Patienten sind: in Krankenhäusern und Reha-Kliniken. Es gibt sie auch da, wo weniger zu behandeln ist: in großen Betrieben und Haftanstalten. Und sogar auf Kreuzfahrtschiffen. In Alten- und Pflegeheimen aber mit sehr vielen Schwerstkranken gibt es sie extrem selten: ÄrztInnen.

Auf dieses öffentlich kaum bewusste, dennoch schwere Defizit macht die „Studie zur ärztlichen Versorgung in Pflegeheimen" aufmerksam. An ihr haben für die Stiftung „Daheim im Heim" mitgewirkt: die Gerontologin und frühere Bundesgesundheitsministerin Ursula Lehr, die frühere Bundesseniorenministerin Hannelore Rönsch, die Pflegewissenschaftlerin Christel Bienstein und der Epidemiologe Johannes Hallauer.

Diese Studie, erschienen im Verlag Vincentz Network Hannover, ist einmalig, auch wenn sie nur eine scheinbar alltägliche Frage aufwirft: Welche Rolle spielen ÄrztInnen in Alten- und Pflegeheimen, ob als niedergelassene Mediziner von außerhalb oder als Ärzte in Heimen? Diese Frage wurde schriftlich und bundesweit an 8.775 Heime gestellt, von denen 782 (gleich 8,9 Prozent) antworteten. Das ist unbefriedigend, erlaubt aber Auskunft über knapp 65.000 Pflegeplätze in allen 16 Bundesländern. Möglich ist, „dass die antwortenden Heime besonders gut organisiert sind", heißt es in der Studie. Mit anderen Worten: Die Realität ist noch schlimmer.

1,02 Prozent der Heime haben eigene ÄrztInnen

Das zentrale Ergebnis der Arbeit: Nur acht der 782 Heime, also 1,02 Prozent, werden ausschließlich durch angestellte HeimärztInnen versorgt, weitere zwölf zum Teil durch solche. Für 93 Prozent der Bewohner gilt die Pflegestufe 1 bis 3; sie sind also deutlich eingeschränkt. Sie haben Probleme mit dem Hören und Sehen, mit Herz, Kreislauf und Atmung, mit den Zähnen, der Verdauung, der Mobilität. Viele sind inkontinent, depressiv und dement. Nichts müsste näher liegen, als für sie Ärzte unter demselben Dach zu haben, so wie in Kliniken. Doch die sind weit weg.

Für 81 Prozent der BewohnerInnen ist ein Praxisbesuch unmöglich

Nun sind Heimärzte, so viel sie auch zu tun hätten, nicht unbedingt das beste Rezept. Es käme sehr auf deren Kompetenz, Erfahrung und Mitmenschlichkeit an. Auch dürfte es keinen Zwang geben, zu ihnen zu gehen. Wir haben schließlich freie Arztwahl – obwohl diese in Krankenhäusern, vielen kaum bewusst, durchaus eingeschränkt ist. Ein Ausweg wäre die Einbeziehung der Ärzte aus nahen Praxen. Doch viele von ihnen, so die Studie, gehen nicht in Heime; die Bewohner müssen zu ihnen kommen. Das aber schafften (bezogen auf den Monat vor der Befragung) selbstständig nur 3,3 Prozent, weitere 15,8 Prozent in Begleitung. Für knapp 81 Prozent war ein Praxisbesuch unmöglich. Das ist ein ebenso alarmierender Befund wie der folgende: Allgemeinmediziner treten zwar relativ häufig auf, aber die ebenso wichtigen Internisten, Neurologen, Augenärzte, Urologen, Zahnärzte, HNO-Ärzte, Pneumologen und Orthopäden spielen eine völlig nachrangige Rolle. Die Gründe dafür sind vielfältig: Oft glauben Angehörige und Betreuer, das Heim allein sei für Arztvisiten verantwortlich, doch das ist umstritten. Viele Bewohner können ihre Bedürfnisse nicht mehr klar artikulieren. Hausbesuche durch Kassenärzte sind ohnehin seltener als früher. Und die Regelung ihrer Vergütung (EBM 2000plus) ist unbefriedigend.

Die Studie belegt eine Zwei-Alters-Klassen-Medizin. Je älter und kränker Menschen werden, desto geringer ist ihre Chance, medizinisch individuell versorgt zu werden. Doch Heime mit ihren oft hohen Kostensätzen müssten speziell ausgebildete Ärzte haben. Kinder- und Jugendärzte gibt es viele. Gut so! Wo aber sind die Mediziner für die andere Seite des Lebens? Ursula Lehr ist sich sicher: „Wie oft könnte eine Facharztbehandlung nicht nur der Lebensqualität und größeren Selbstständigkeit der Bewohner helfen, sondern auch den Pflegeaufwand reduzieren!" Und: „Die Mängel bei den medizinischen Standards in Heimen müssen uns wachrütteln." Wird das geschehen?

Der Autor:
Eckart Klaus Roloff, geb. 1944, ist Medizinjournalist. Er leitet das Ressort Wissenschaft und Praxis der Wochenzeitung „Rheinischer Merkur".

Quelle: Zeitschrift „Dr. med. Mabuse – Zeitschrift für alle Gesundheitsberufe" Nr. 162 - Juli / August 2006, Seite 8
http://www.mabuse-verlag.de


Die Vorstellung des Beitrages erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Autor – Danke!