Pflege ohne Fixierungen und Ruhigstellen durch Medikamente

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Pflege ohne Fixierungen und Ruhigstellen durch Medikamente

Beitrag von Presse » 04.05.2012, 18:24

Siehe auch unter:
viewtopic.php?f=3&t=20665

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Ministerin Steffens:
Pflege ohne Fixierungen und Ruhigstellen durch Medikamente muss unser aller Ziel sein - Konferenz der Heimaufsichten

Das Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen teilt mit:

Die Vermeidung freiheitseinschränkender Maßnahmen in der Pflege war Schwerpunktthema einer Konferenz mit mehr als 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der 53 kommunalen Heimaufsichtsbehörden in Nordrhein-Westfalen sowie weiterer Pflegeexpertinnen und -experten in Düsseldorf. "Unser aller Ziel muss sein, dass in Heimen und bei häuslicher Pflege grundsätzlich auf Fixierungen und ein Ruhigstellen mit Medikamenten verzichtet wird", erklärte NRW-Pflegeministerin Barbara Steffens. "Schon heute gibt es dafür viele erfolgreiche Ansätze. Diese positiven Beispiele wollen wir gemeinsam mit allen Pflegeverantwortlichen erörtern und uns auf diese Weise schrittweise diesem Ziel nähern", kündigte die Ministerin an.

"Das Gefühl, nicht eingeengt zu sein, ist für jeden Menschen von größter Bedeutung - auch dann, wenn man sich nicht mehr körperlich fortbewegen kann", sagt Prof. Dr. Thomas Klie von der Evangelischen Hochschule Freiburg, namhafter Jurist und Gerontologe, der sich seit über 20 Jahren mit Fragen freiheitsentziehender Maßnahmen in der Pflege beschäftigt. Klie ist einer der Autoren von zwei unter dem Namen "redufix" bekannt gewordenen richtungsweisenden Studien über die Vermeidung von Fixierungen im stationären wie im häuslichen Bereich. "Die Praxisleitlinie zu freiheitseinschränkenden Maßnahmen in der Pflege gibt viele Hinweise darauf, wie auf freiheitsentziehende Maßnahmen, die immer ultima ratio sein müssen, verzichtet werden kann", so Klie auf der Konferenz in Düsseldorf. Nicht nur die Pflegeprofis, auch Ärztinnen und Ärzte und vor allen Dingen die Angehörigen müssten ihre Bilder von der Pflege im Alter überdenken. "Das verbreitete Pflegefalldenken stellt die Versorgung, die Satt- und Sauberpflege, in den Vordergrund. Doch auch Mobilität ist ein Menschenrecht und für die Gesundheit und das Selbsterleben von großer Bedeutung", betonte Klie. Das Motto der ReduFix-Kampagne „Eure Sorge fesselt mich“ bringe zum Ausdruck, worum es geht: Anders sehen und anders handeln, wenn es um Fragen der Sorge insbesondere von Menschen mit Demenz geht. "In England sind Bettgitter, Fixiergurte und andere freiheitsentziehende Maßnahmen in der Pflege so gut wie unbekannt", fügte Klie hinzu.

"Auf dem Weg zum fixierungsfreien Heim wollen wir die Pflegeeinrichtungen fachlich unterstützen", kündigte Ministerin Steffens auf der Tagung an. Aufgabe der staatlichen Heimaufsicht sei nicht nur die strenge Kontrolle der Rechtmäßigkeit aller durchgeführten Fixierungen, sondern auch die Unterstützung bei der Umsetzung von Konzepten zur grundsätzlichen Vermeidung sämtlicher Freiheitsbeschränkungen. "Jede und jeder von uns muss damit rechnen, im Alter pflegebedürftig zu werden. Deshalb muss unser aller Interesse sein, Menschen die Angst davor zu nehmen und Konzepte umzusetzen, die uns ein weitgehend selbstbestimmtes Leben bis zum Tod ermöglichen", unterstrich Steffens.

Bereits im Februar hatten rund 500 Pflegeexpertinnen und - experten bei einem vom Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter und dem Landespflegerat gemeinsam organisierten Kongress erstmals breit über das Thema "Gewalt in der Pflege" diskutiert. Nach der Konferenz der Heimaufsichten sollen nun bei einem Workshop unter dem Titel "Das fixierungsfreie Heim", der sich an Vertreterinnen und Vertreter von Heimaufsichten und Pflegeleistungsanbieter richtet, im Herbst in Düsseldorf Konzepte von Heimen, die ganz auf Fixierungen verzichten, vorgestellt werden. Das Thema "Vermeidung von Fixierungen" soll daneben bei der aktuellen Reform des nordrhein-westfälischen Wohn- und Teilhabegesetzes eine wichtige Rolle spielen.

Hintergrundinformationen:
In Nordrhein-Westfalen gibt es knapp 2500 Pflegeheime. Die Zahl der Pflegebedürftigen in NRW wird sich nach aktuellen Prognosen bis 2050 von derzeit rund 500.000 auf rund 1 Million verdoppeln.

Nach dem aktuellen 3. Pflegequalitätsbericht des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) vom April 2012 werden bei etwa 20 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner freiheitsbeschränkende Maßnahmen angewandt. Ohne ausreichende rechtliche Grundlage waren zehn Prozent dieser Maßnahmen.

Freiheitsbeschränkende Maßnahmen werden durchgeführt, um einer Fremd- oder Eigengefährdung zu begegnen. Ein Beispiel ist das hochgefahrene Bettgitter, das ein Herausfallen aus dem Bett verhindern soll.

Weitere Informationen gibt es im Internet unter http://www.mds-ev.de/media/pdf/MDS_Drit ... assung.pdf

Die Gerichte in Nordrhein-Westfalen genehmigten im Jahr 2010 insgesamt 36.778 freiheitseinschränkende Maßnahmen (2009: 32.730). Dazu zählen auch Maßnahmen außerhalb von Heimen wie zum Beispiel in Krankenhäusern oder Privatwohnungen. Genehmigte Maßnahmen müssen nicht zwingend umgesetzt werden.

Die Redufix-Studie im Internet: http://www.redufix.de

Quelle: Pressemitteilung vom 03.05.2012
Ministerium für Gesundheit,
Emanzipation, Pflege und Alter
des Landes Nordrhein-Westfalen
Horionplatz 1, 40213 Düsseldorf
Telefon: 0211-8618-50
Telefax: 0211-86185-4444
http://www.mgepa.nrw.de/ministerium/pre ... /index.php
+++

Das Thema "Fixierung" wurde von hier schon wiederholt aufgegriffen: Näheres u.a. unter:
viewtopic.php?t=15256
viewtopic.php?t=15438
viewtopic.php?t=17163
viewtopic.php?t=16871
viewtopic.php?t=16756

Anschreiben an den Rhein-Kreis Neuss u.a. zum Thema Fixierungen:
viewtopic.php?t=17044

Der 3. MDS-Pflege-Qualitätsbericht 2012 wurde ebenfalls schon vorgestellt und diskutiert. Näheres unter:
viewtopic.php?t=17274
viewtopic.php?t=17142
viewtopic.php?t=17239
...

WernerSchell
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Fixierung als Normalfall kann nicht unsere Lebenswirklichkei

Beitrag von WernerSchell » 25.05.2012, 14:58

Siehe auch Forum:
viewtopic.php?p=66443#66443

Pressemitteilung vom 24.05.2012:

"Fixierung als Normalfall kann nicht unsere Lebenswirklichkeit sein." NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens hat sich erneut gegen die hohe Zahl von Fixierungen in Pflegeheimen, Krankenhäusern und psychiatrischen Einrichtungen ausgesprochen. Zur Eröffnung des JuraHealth Congress 2012 sagte die Ministerin am Morgen in Köln, an erster Stelle müsse immer das Selbstbestimmungsrecht des Menschen stehen, auch im Alter oder im Krankheitsfall. Zum Kongress senden wir Ihnen unten stehend eine aktuelle Medieninformation. Für Rückfragen und weitere Informationen stehen wir jederzeit gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
Martin v. Berswordt-Wallrabe


"Menschenrechte dürfen nicht an Personalengpässen scheitern."

NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens spricht sich beim JuraHealth Congress gegen Fixierungen und Videoüberwachung in der Pflege aus

"Fixierung als Normalfall kann nicht unsere Lebenswirklichkeit sein." NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens hat sich erneut gegen die hohe Zahl von Fixierungen in Pflegeheimen, Krankenhäusern und psychiatrischen Einrichtungen ausgesprochen. Zur Eröffnung des JuraHealth Congress 2012 sagte die Ministerin am Morgen in Köln, an erster Stelle müsse immer das Selbstbestimmungsrecht des Menschen stehen, auch im Alter oder im Krankheitsfall. Steffens erläuterte auch die Abschaffung der Videoüberwachungen in psychiatrischen Einrichtungen in NRW. Viele Einrichtungen gingen nun neue Wege, die natürlich auch entsprechendes Personal benötigten. Steffens betonte jedoch: "Menschenrechte dürfen nicht an Personalengpässen scheitern."
Ursachen von Gewalt im Gesundheitswesen und Strategien zu deren Vermeidung standen im Mittelpunkt des zum bereits fünften Mal stattfindenden pflege- und medizinrechtlichen Fachkongresses. Rund 250 Juristen, Mediziner und Pflegeexperten besprachen die juristischen und organisatorischen Rahmenbedingungen, die Kliniken, Pflegeeinrichtungen, Wohnanlagen oder Therapiezentren schaffen müssen, um Übergriffe zwischen Pflegenden und Patienten zu verhindern oder zu entschärfen. Dabei ging es auch um Alternativen zu Fixierungen und freiheitsentziehenden Maßnahmen.

Dr. Helmut Frohnhofen, der Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Geriatrie der Kliniken Essen-Mitte, verwies eindrucksvoll auf die Gefahren beispielsweise durch einen Muskelverlust, die mit der langen Bewegungsunfähigkeit fixierter Personen einhergehen kann. "Bettruhe ist so gefährlich, dass wir die Patienten eigentlich medizinisch aufklären müssten", sagte der Mediziner. Zusammenhängend mit Gewaltsituationen war zudem der Umgang mit freiheitsentziehenden Maßnahmen und deren juristische Bewertung Thema auf dem Fachkongress in den Kölner Sartory-Sälen. Dabei lieferte die in NRW vorbereitete Abschaffung der Videoüberwachung bei Fixierungen in psychiatrischen Einrichtungen einen aktuellen und brisanten Anlass und sorgte für intensive Diskussionen um die damit einhergehenden personellen und organisatorischen Herausforderungen.
In Leipzig, Berlin und Dresden hatte der JuraHealth Congress in den vergangenen Jahren Themen an der Schnittstelle von Recht und Gesundheit aufgegriffen, wie beispielsweise die Delegation ärztlicher Aufgaben auf die Pflege oder die Neuorganisation von Personalsystemen im Gesundheitswesen. Der JuraHealth Congress 2013 soll sich mit den juristischen Dimensionen der Hygiene in Krankenhäusern, Arztpraxen und
Pflegeeinrichtungen beschäftigen.

http://www.jurahealth.de
Pressekontakt Martin v. Berswordt-Wallrabe
030 / 20 25 – 35 73
presse@pwg-seminare.de
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk (Neuss)
https://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de/
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johannes
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Personalschlüssel unzureichend

Beitrag von johannes » 29.06.2012, 16:44

"Menschenrechte dürfen nicht an Personalengpässen scheitern" sagt NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens.

Diese Worte müssen in den Ohren der Pflegekräfte wie Spott wirken, wenn die Behörden - vom Gesundheitsministerium gesteuert - eine ausreichende Personalausstattung verweigern.

Der Personalschlüssel in Nordrhein-Westfalen - von den Kostenträgern streng gehütet - liegt weit unterhalb des Personalschlüssels von Baden-Württemberg.

Das sagt wohl schon fast alles!
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Rauel Kombüchen
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Personalschlüssel unzureichend

Beitrag von Rauel Kombüchen » 13.07.2012, 07:24

johannes hat geschrieben:"Menschenrechte dürfen nicht an Personalengpässen scheitern" sagt NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens.
Diese Worte müssen in den Ohren der Pflegekräfte wie Spott wirken, wenn die Behörden - vom Gesundheitsministerium gesteuert - eine ausreichende Personalausstattung verweigern.
Der Personalschlüssel in Nordrhein-Westfalen - von den Kostenträgern streng gehütet - liegt weit unterhalb des Personalschlüssels von Baden-Württemberg.
Das sagt wohl schon fast alles!
Hallo,
Fixierungen müssen auf ein Mindestmaß zurückgeführt werden. Denn solche Eingriffe schränken das Grundrecht auf Freiheit ein und müssen Ausnahmecharakter haben.
Richtig ist aber, dass die z.Zt. geltenden Stellenschlüssel in der Heimpflege hinten und vorne nicht ausreichen. Diese Stellenschlüssel müssen zunächst einmal den Bedürfnissen angepasst werden. Dann kann man ernstlich über die gebotenen Verbesserungen in der Pflege reden.
Ich denke, dass so mancher Politiker keine Ahnung davon hat, wie unzureichend die personelle Ausstattung ist. Erst heute gab es in der Rheinischen Post wieder einen interessanten Bericht, in dem von einem Übermaß an Dokumentationsaufgaben die Rede ist.
Man sollte daher Frau Steffens klar machen, dass die Stellenschlüssel dringend verbessert werden müssen. Dann ergeben sich anderweitige Folgerungen von selbst.
MfG Rauel Kombüchen
Pflegeversicherung - Pflegebegriff erneuern und Finanzierung nachhaltig sichern! BürgerInnen müssen mehr Informationen erhalten - z.B. wg. Individualvorsorge!

PflegeCologne
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Personalschlüssel unzureichend

Beitrag von PflegeCologne » 26.10.2012, 07:39

Rauel Kombüchen hat geschrieben: .... Fixierungen müssen auf ein Mindestmaß zurückgeführt werden. Denn solche Eingriffe schränken das Grundrecht auf Freiheit ein und müssen Ausnahmecharakter haben.
Richtig ist aber, dass die z.Zt. geltenden Stellenschlüssel in der Heimpflege hinten und vorne nicht ausreichen. Diese Stellenschlüssel müssen zunächst einmal den Bedürfnissen angepasst werden. Dann kann man ernstlich über die gebotenen Verbesserungen in der Pflege reden.
Ich denke, dass so mancher Politiker keine Ahnung davon hat, wie unzureichend die personelle Ausstattung ist. Erst heute gab es in der Rheinischen Post wieder einen interessanten Bericht, in dem von einem Übermaß an Dokumentationsaufgaben die Rede ist.
Man sollte daher Frau Steffens klar machen, dass die Stellenschlüssel dringend verbessert werden müssen. Dann ergeben sich anderweitige Folgerungen von selbst. ....
Ja, die Stellenschlüssel. Sie sind überall unter dem Maß, das eine wirklich gute Pflege gewährleisten könnte. Es ist richtig: Wenn sich Politiker für eine bessere Pflege stark machen, die Fixierungen zurückführen wollen, dann müssen sie auch über die personelle Ausstattung der Einrichtungen reden. Denn diese Ausstattung ist eigentlich nirgendwo auskömmlich, weder in Nordrhein-Westfalen noch in Baden-Württemberg ...
An anderer Stelle wird gerade über die Gewalt durch die pflegebedürftigen Menschen geschrieben. Dies hat auch mit dem Personalbestand etwas zu tun. Siehe dazu unter: viewtopic.php?t=12892
Deshalb muss aus vielerlei Gründen vorrangig an der Verbesserung der Stellenschlüssel gearbeitet werden. Wenn dies nicht zu vernünftigen Ergebnissen führen sollte, wird sich an der Pflegesituation nichts ändern, und die bekannten "Engel der Alten" können weiter jammern und über die Pflegekräfte herziehen.

Pflege Cologne
Alzheimer - eine Krankheit, die mehr Aufmerksamkeit erfordert! - Pflegesystem muss dem angepasst werden, auch, wenn es teurer wird! - Ich bin dabei:
http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de

WernerSchell
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Eindämmung von Gewalt in Medizin und Pflege

Beitrag von WernerSchell » 06.11.2012, 07:47

Zum Pflegetreff am 14.11.2012 hat Frau Barbara Steffens,
Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes NRW
,
am 05.11.2012 folgenden Text übermitteln lassen:

Herausforderung Kulturwechsel.
Über die Eindämmung von Gewalt
in Medizin und Pflege

Von Gesundheits- und Pflegeministerin Barbara Steffens
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Foto: Barbara Steffens, MdL NRW, Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen

Öffentlich wird nur selten darüber gesprochen, dabei handelt es sich beim
Thema Gewalt in Medizin und Pflege nicht um Einzelfälle. So berichten rund zehn
Prozent der Pflegebedürftigen über körperliche Gewalt und etwa 40 Prozent über
seelische Misshandlungen. Zwar können die Formen der Gewalt verschieden sein,
fast immer steht jedoch eine Kultur der Entmündigung dahinter. Eine Kultur, die das
Recht des kranken oder pflegebedürftigen Menschen auf Selbstbestimmung
missachtet, oft unter dem Vorwand des „Schützens“.
Einseitige Vorwürfe greifen jedoch zu kurz. Nicht selten sind die Täterinnen
und Täter zugleich auch Opfer einer Situation, in der schlechte Arbeitsbedingungen
und Überforderung zum Alltag gehören. Darum müssen wir nach Lösungen suchen,
die diese Rahmenbedingungen verbessern und im Umgang mit den mitunter
ebenfalls Gewalt ausübenden Kranken und Pflegebedürftigen die schwierige Balance
zwischen Selbstbestimmung und Schutz herstellen.
Anfang 2012 hat die Landesregierung NRW einen offenen Dialog begonnen,
in dem wir gemeinsam mit Akteurinnen und Akteuren der Gesundheitsversorgung
nach Ansätzen zur Überwindung und Eindämmung von Gewalt in Medizin und Pflege
suchen. Dabei lassen wir uns vor allem von einer Erkenntnis leiten: Um die Spirale
aus Überforderung und Gewaltanwendung zu unterbrechen, ist ein neues
Zusammenwirken von Medizin, Pflege und Pharmazie im Umgang mit Patientinnen
und Patienten auf Augenhöhe von zentraler Bedeutung. Notwendig sind die Fähigkeit
der Selbstreflexion sowie eine größere Sensibilität und Achtsamkeit gegenüber der
Gewaltanwendung Dritter. Außerdem müssen den Zeuginnen und Zeugen von
Gewalt stärkere Handlungsunterstützung gegeben und den Opfern kompetente
Ansprechpersonen an die Seite gestellt werden.
Ich bin überzeugt, dass ein geändertes Verhalten der professionellen
Akteurinnen und Akteure auch Vorbild für pflegende Angehörige und ehrenamtlich
Helfende sein kann. Das ist sicher nicht von heute auf morgen und allein zu schaffen.
Darum möchte ich Sie bitten, den eingeschlagenen Weg des Kulturwechsels aktiv
mitzugestalten.

gez. Barbara Steffens
Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes NRW
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk (Neuss)
https://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de/
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