Strafanzeige gegen Altenheim wegen Ruhigstellung

Pflegespezifische Themen; z.B. Delegation, Pflegedokumentation, Pflegefehler und Haftung, Berufsrecht der Pflegeberufe

Moderator: WernerSchell

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Strafanzeige gegen Altenheim wegen Ruhigstellung

Beitrag von Service » 04.03.2013, 07:37

Strafanzeige gegen Altenheim wegen Ruhigstellung
Publiziert am 3. März 2013 von Anette Dowideit
Vor rund einem Jahr hatten wir in der Welt am Sonntag berichtet: Schätzungsweise fast eine Viertelmillion Demenzkranker in Deutschland werden mit Medikamenten ruhiggestellt, weil völlig überforderte Altenpfleger sich nicht anders zu helfen wissen. Nun reagiert eine Münchener Rechtsanwältin auf den Bericht: Mit einer Strafanzeige gegen den Leiter eines Altenheims und einen Arzt. …. (weiter lesen unter)
http://investigativ.welt.de/2013/03/03/ ... gstellung/

Anja Jansen
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Strafanzeigen helfen nicht weiter

Beitrag von Anja Jansen » 11.03.2013, 11:32

Strafanzeigen wegen Pflegemängel helfen ernstlich nicht weiter. Die Bedingungen unter denen in den Pflegeheimen gearbeitet werden muss,
sind dringend zu ändern, u.a. in Richtung mehr Personal. Das ist hier oft gesagt worden und muss im Zweifel auch wiederholt werden.
Es muss eine ordentliche Pflegereform auf den Weg gebracht werden, die diesen Namen verdient. Ohne grundlegende Änderungen im System
wird sich leider nichts zum Besseren wenden - auch nicht per Strafanzeigen.
Anja Jansen
Es ist mehr Aufmerksamkeit für dementiell erkrankte Menschen nötig. Unser Pflegesystem braucht deshalb eine grundlegende Reform!

Lutz Barth
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Strafanzeigen

Beitrag von Lutz Barth » 11.03.2013, 15:59

Selbstverständlich gehören Straftaten ermittelt und entsprechend bestraft. Immerhin handelt es sich hierbei um schützwerte Rechtsgüter, namentlich die physische und psychische Integrität auch demenzerkrankter Bewohner. Allein der Hinweis auf einen "Pflegenotstand" und "systemische Mängel" hilft hier nicht weiter, zumal, wenn es sich um schwerwiegende Körperverletzungstatvestände handelt.
Wir vertreten nicht immer die herrschende Lehre!

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Strafanzeigen

Beitrag von Anja Jansen » 11.03.2013, 18:29

Lutz Barth hat geschrieben:Selbstverständlich gehören Straftaten ermittelt und entsprechend bestraft. Immerhin handelt es sich hierbei um schützwerte Rechtsgüter, namentlich die physische und psychische Integrität auch demenzerkrankter Bewohner. Allein der Hinweis auf einen "Pflegenotstand" und "systemische Mängel" hilft hier nicht weiter, zumal, wenn es sich um schwerwiegende Körperverletzungstatvestände handelt.
Hallo Lutz,
natürlich gehören schwerwiegende Strafvorwürfe aufgeklärt und ggf. muss auch eine entsprechende Ahndung des Fehlverhaltens folgen.
Es ist aber aus meiner Erfahrung so, dass vielfach gedacht wird, mit der Einschaltung der Justitia könne man das System bessern.
Dies wäre eine falsche Annahme - und darauf wollte ich nur aufmerksam machen.
Mir sind eine Reihe von Strafanzeigen im Lauf der Zeit bekannt geworden, die allesamt im Nichts endeten. Die Folge: Frohlocken des Angezeigten.
Lb Grüße Anja
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Strafrechtliche Vorwürfe sorgsam prüfen

Beitrag von Rauel Kombüchen » 13.03.2013, 08:04

Hallo Forum!

Natürlich sind bei klaren Rechtsverstößen ggf. Strafanzeigen das Mittel der Wahl. Allerdings sollten die Voraussetzungen, ob eine strafbare Handlung wirklich vorliegt
und die Anzeige auch eine gute Chance für weitere Ermittlungen bietet, sorgsam bedacht werden.
Leider habe ich in einigen Fällen erleben müssen, in denen verärgerte Angehörige im Schnellschussverfahren Strafanzeige stellten und nach wenigen Wochen lag der
Einstellungsbescheid vor. An den Vorwürfen war - straflich betrachtet - nichts dran oder es gab keine Person, der man ernstliche Vorwürfe hätte machen können.

MfG Rauel Kombüchen
Pflegeversicherung - Pflegebegriff erneuern und Finanzierung nachhaltig sichern! BürgerInnen müssen mehr Informationen erhalten - z.B. wg. Individualvorsorge!

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Strafverfahren nicht voreilig in Gang setzen

Beitrag von Hildegard Kaiser » 14.03.2013, 08:19

Ich kenne einen Heimpflege-Fall, wo es nach einem Sturz mit erheblichen Gesundheitsschäden zu einer Strafanzeige kam. Das Prüfverfahren zog sich lange hin - einen Schuldigen im Sinne des Strafrechtes fand man aber nicht. Daher gab es keine Anklage und erst recht keine Bestrafung.
Dies hat mir gezeigt, dass eine Strafanzeige grundsätzlich nachvollziehbar ist, aber meist doch nicht weiter hilft. Daher neige ich auch zu der Meinung, dass Pflichtwidrigkeiten aufgeklärt gehören, aber dann - je nach den Einzelumständen - nicht übereilt, aber mit sorgfältigem Abwägen, die richtigen Maßnahmen ergriffen werden. Das kann Einschalten der Heimaufsicht, MDK, Trägerverantwortliche (Verband), Ministerium, Politiker, Medien ... sein.

Hilde
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Pflegereform - Politik muss Gestaltungswillen aufbringen

Beitrag von Rob Hüser » 17.03.2013, 08:56

Richtiges muss auch wiederholt vorgetragen werden:
Allein Reformen können die vielfältigen Pflegeprobleme auflösen helfen!

Siehe auch:
Pflegepersonal - bedarfsgerecht qualifizieren - dringend !
viewtopic.php?t=18558
Pflegenotstand - Personalbemessungssystem muss her
viewtopic.php?t=18285
Demenzkrankenbetreuung: Die Aus-, Fort- und Weiterbildung
viewtopic.php?t=18537
Gewalt in Medizin und Pflege - Gute Pflege - Handlungsbedarf
viewtopic.php?t=17416
Pflegetreff am 28.05.2013 - Demenz, Pflegebegriff ....
viewtopic.php?t=18156
Das Pflegesystem muss dringend zukunftsfest reformiert werden!

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Medikamente zur Ruhigstellung - nicht selten praktiziert

Beitrag von Nursing-Neuss » 20.03.2013, 08:04

Mir sind natürlich auch vielfältige Situationen bekannt, wo es um Medikamente ging, die möglicherweise nur zur Ruhigstellung verabreicht wurden. Nicht selten war fraglich, ob die Medikation rechtlich und tatsächlich in Ordnung war.
Man darf nun gespannt sein, wie die hier vorgestellte Strafanzeige behandelt wird und ob es zu einer Anklage kommt.
Nursing-Neuss
Das Pflegesystem muss grundlegend reformiert werden. U.a. ist deutlich mehr Pflegepersonal erforderlich!

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Beitrag von Lutz Barth » 20.03.2013, 11:08

"Mir sind natürlich auch vielfältige Situationen bekannt, wo es um Medikamente ging, die möglicherweise nur zur Ruhigstellung verabreicht wurden", so Nursing Neuss.

Dies ist der springende Punkt. Medikation ohne entsprechende "Indikation", es sei denn, wir erblicken im chronischen Mangel an Pflegefachkräften einen "Grund".
Ich persönlich glaube, dass hier nach wie vor ein erheblicher Aufklärungsbedarf besteht, ohne dabei zu der hier im Forum allgemein gescholtenen "Skandalisierung" zu neigen.

Es kann jedenfalls nicht darauf ankommen, die "Pflege zu verklären", sondern gelegentlich auch die Missstände deutlich aufzuzeigen, im Zweifel eben auch durch die Staatsanwaltschaft. Dass hierbei die Ärzteschaft nicht immer eine rühmliche Rolle spielt, dürfte allen bekannt sein. Gegenseitige Schuldzuweisungen helfen allerdings dem Patienten nicht weiter, der mit der chemischen Zwangskeule ruhig gestellt wird.
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Pillen zur Ruhigstellung - Ärzte in der Verantwortung

Beitrag von Anja Jansen » 28.03.2013, 08:41

Lutz Barth hat geschrieben: .... Es kann jedenfalls nicht darauf ankommen, die "Pflege zu verklären", sondern gelegentlich auch die Missstände deutlich aufzuzeigen, im Zweifel eben auch durch die Staatsanwaltschaft. Dass hierbei die Ärzteschaft nicht immer eine rühmliche Rolle spielt, dürfte allen bekannt sein. Gegenseitige Schuldzuweisungen helfen allerdings dem Patienten nicht weiter, der mit der chemischen Zwangskeule ruhig gestellt wird.
Um es nochmals herauszustellen, ich bin nicht gegen das Aufdecken von Missständen und Strafanzeigen. Allerdings wird mir im Zusammenhang von Ruhigstellungen mittels Pillen auch allzu schnell von "Pflegemängeln" gesprochen. Tatsache ist doch, dass die Diagnostik und Therapie eine den Ärzten vorbehaltene Tätigkeit ist und daher ruhigstellende Medikamente nur verfügbar sein können, wenn ein Arzt dies so gewollt hat. Ärzte entscheiden auch über sog. Bedarfsmedikamenten. Solche Vorgänge sind also zunächst einmal im ärztlichen Verantwortungsbereich anzusiedeln. Daher gehören m.E. in erster Linie die maßgeblichen Ärzte auf die Anklagebank.

Anja Jansen
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Beitrag von Lutz Barth » 29.03.2013, 06:49

Chemische Gewalt setzt Demenzkranke außer Gefecht
Die Behandlung Demenzkranker ist arbeitsintensiv und teuer. Viele Pflegeheime verabreichen den Patienten starke Medikamente, gefördert von Pharmafirmen.
Von Anette Dowideit
Quelle: Die Welt v. 25.03.13 >>> http://www.welt.de/wirtschaft/article13 ... fecht.html <<< (html)

Übermedikation bei Demenz-Patienten
Demenz-Kranke werden mit Arzneien ruhig gestellt
Oftmals erhalten Demenz-Kranke ruhigstellende Neuroleptika Medikamente
Quelle: Heilpraxis.net v. 15.06.2011 >>>http://www.heilpraxisnet.de/naturheilpr ... n-2092.php <<<

Demenz: Pillen statt Pflege
Pillen statt Pflege
aus der Sendung vom Donnerstag, 31.5.2012 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Quelle: SWR >>> http://www.swr.de/odysso/-/id=1046894/n ... 0/1kfofju/ <<< (html)

„Chemische Gewalt gegen Ältere“
v. L.Barth (2009) unter >>> http://www.iqb-info.de/Chemische_Gewalt ... h_2009.pdf <<< (pdf.)
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