Zeitdruck in der Pflege - mehr Pflegepersonal erforderlich!

Arbeits- und Arbeitsschutzrecht, Allgemeine Rechtskunde (einschließlich Staatsrecht), Zivilrecht (z.B. Erbrecht)

Moderator: WernerSchell

Gaby Modig
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Zeitdruck in der Pflege - mehr Pflegepersonal erforderlich!

Beitrag von Gaby Modig » 12.09.2008, 06:22

Zum Thema fand ich einen interessanten und weiter erhellenden Beitrag:

Zeitdruck in der Pflege

Mitarbeiter in Pflegeberufen sind einer Vielzahl von physischen und psycho-mentalen Belastungen ausgesetzt. Neben Leistungsdruck und fehlenden Pausen ist das Arbeiten unter Zeitdruck einer der dominierenden Belastungsfaktoren.

Ursache dafür kann eine enge Personaldecke sein, insbesondere dann, wenn das real verfügbare Personal aufgrund von krankheits- oder anderweitig bedingten Fehlzeiten geringer ist als die „theoretische“ Personalbemessung. Eine weitere Ursache können („zeitfressende“) Mängel in der Arbeitsorganisation sowohl innerhalb des Pflegebereichs als auch in der übergreifenden Zusammenarbeit z.B. mit der Hauswirtschaft oder dem ärztlichen Personal sein. Auch administrative Aufgaben wie z.B. die Pflegedokumentation tragen zusätzlich zur Wahrnehmung von Zeitdruck bei. Schließlich kann auch ein Kenntnismangel über Techniken, die den Arbeitsalltag erleichtern, Ursache des erlebten Zeitdrucks sein.

In absehbarer Zeit werden sich die finanziellen und personellen Rahmenbedingungen für die Pflegemitarbeiter nicht verbessern. Aufgrund dieser Entwicklung ist es notwendig, die körperlichen und psycho-mentalen Belastungen der Mitarbeiter zu reduzieren.

Eigentlich sollte jede Einrichtung wissen, welche Gefährdungen und Belastungen in der Einrichtung vorhanden sind. Denn das Arbeitsschutzgesetz verpflichtet alle Arbeitgeber dazu, Gefährdungen zu ermitteln und festzustellen, welche Maßnahmen des Arbeitsschutzes erforderlich sind, um diese zu beseitigen oder zu minimieren. „Maßnahmen des Arbeitsschutzes“ beziehen sich dabei nicht nur auf die Verhütung von Unfällen, sondern umfassen auch „arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren“ und die „menschengerechte Gestaltung der Arbeit“ - also auch psychische Belastungen. Die Gefährdungsbeurteilung ist dabei eine gute Gelegenheit, den gesamten Betrieb sicherer, gesünder und auch effizienter zu gestalten. Denn eine Gefährdungsbeurteilung unter Einbezug der psychischen Belastungen kann unter anderem auch Informationen darüber liefern, wie verbreitet Zeitdruck in der Einrichtung ist, wie er entsteht, und welche Lösungswege möglich sind. Insofern bietet sich mit der Gefährdungsbeurteilung die Chance, sämtliche Belastungen zu ermitteln und zu beurteilen, um dann maßgeschneiderte Lösungen zum Belastungsabbau entwickeln zu können. Die Art und Weise der Gefährdungsbeurteilung ist nicht vorgeschrieben, empfehlenswert ist aber, die Beschäftigten als „Arbeitsplatzexperten“ einzubeziehen. Denn wer kennt die Mängel eines Arbeitsplatzes besser als derjenige, der sie tagtäglich erlebt? Um dieses Wissen zu nutzen, können z. B. Mitarbeiterbefragungen durchgeführt werden, mit denen erfasst werden kann, welche Belastungen besonders häufig vorkommen oder als besonders stark eingeschätzt werden. Für diese Belastungen können mit den Mitarbeitern gemeinsame praktikable Lösungen entwickelt werden. Dass ein solches Beteiligungsmodell erfolgreich ist, zeigen viele Beispiele aus der Praxis. Auch eine Analyse der anfallenden Arbeit im Tagesverlauf kann dabei helfen „Zeitfresser“ zu identifizieren und langfristig wirksame Maßnahmen zur Reduzierung des Zeitdrucks einleiten zu können. Bei solchen Tätigkeitsanalysen ist der Einsatz von unterstützenden Instrumenten, z.B. EDV-Programme, hilfreich.

Manchmal geht es um Kleinigkeiten, wie das Fehlen von Kopierer und Faxgeräten, wodurch unnötig lange Wege und Wartezeiten entstehen, die sich schnell abstellen lassen. Manchmal zeigen ich aber auch Mängel in der Organisation und in der Zusammenarbeit, die größere und längerfristige Maßnahmen (z.B. Aufgabenverteilung, Führungsverhalten) erfordern.

Zahlreiche Gründe sprechen dafür, dass Pflegeeinrichtungen Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen einleiten: Diese sollten nicht nur nicht krank machen, sondern im Gegenteil ein langes und auch gesundes Berufsleben in der Pflege ermöglichen. Dabei ist die Gefährdungsbeurteilung ein gutes Hilfsmittel mit dem gleichzeitig die Pflicht des Arbeitgebers aus dem Arbeitsschutzgesetz erfüllt wird.

Letztlich bleibt auch die Pflegebranche vom demographischen Wandel nicht verschont – auch das Durchschnittsalter der Pflegenden erhöht sich. Allein diese Entwicklung ist Anlass genug, sich über eine Entschleunigung des Arbeitsalltags in der Pflege intensiv Gedanken zu machen, da Zeitdruck mit zunehmendem Alter als zunehmende Belastung erlebt wird.

Quelle: Berufsforschungs- und Beratungsinstitut für interdisziplinäre Technikgestaltung e.V.

Siehe auch unter
Pflege braucht mehr Zeit
viewtopic.php?p=37397#37397
Pflegesystem verbessern - weg von der Minutenpflege. Mehr Pflegepersonal ist vonnöten!

Pflegefan
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Zeitdruck in der Pflege - Mehr Personal erforderlich

Beitrag von Pflegefan » 13.09.2008, 06:47

Gaby Modig hat geschrieben: .... Mitarbeiter in Pflegeberufen sind einer Vielzahl von physischen und psycho-mentalen Belastungen ausgesetzt. Neben Leistungsdruck und fehlenden Pausen ist das Arbeiten unter Zeitdruck einer der dominierenden Belastungsfaktoren. ....
Siehe auch unter
Pflege braucht mehr Zeit
viewtopic.php?p=37397#37397
Guten Morgen,
genau das ist der Punkt. Ursache ist der chronische Bedarf an Pflegefachpersonal. Politisch muss mit aller Deutlichkeit nachgebessert werden. Ohne mehr Personal wird sich nichts ändern. Alle Klagen verändern nichts, wenn es nicht mehr Zuwendung durch Menschen gibt.
So einfach ist die Botschaft!
Viele Grüße
Pflegefan
"Die Menschenwürde ist unanstastbar" (Art. 1 Grundgesetz). Dies muss in der Pflege oberste Handlungsmaxime sein - für alle!

Hildegard Kaiser
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Mehr Zeit für Zuwendung - mehr Personal

Beitrag von Hildegard Kaiser » 14.09.2008, 06:39

Hallo Pflegefan,
der Leistungsdruck in der Pflege ist in erster Linie im fehlenden Personal begründet. Das wird jeder, der sich nur ein wenig auskennt, zugeben müssen. Wer einerseits von den Pflegekräften stets und ständig vorbildliche Arbeit einschließlich Zuwendung verlangt, muss andererseits für genügend Personalstellen sorgen.
Wer insoweit nicht konsequent auftritt, sollte sich zurückhalten. In diesem Sinne sind auch die Äußerungen von Claus Fussek, der kürzlich unqualifiziert auf die Pflegekräfte "eingeschlagen" hat, purer Populismus, der jeden Boden an realistischer Einschätzung vermissen lässt.
Wer solche Ausfälle als notwendige Pflegekritik "verkauft" bzw. unterstützt, handelt den Interessen der Pflege zuwider und hilft nur, die pflegerischen Rahmenbedingungen zu verschlechtern.
Ich begrüße es sehr, in dieser Homepage bzw. in diesem Forum mit sachlichen Argumenten dagegen gehalten wird. Dafür sage ich einmal Danke!
MfG
Hilde
Mehr Pflegekräfte = bessere Pflege!

Ina Böhmer
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Mehr Zeit für Zuwendung - mehr Personal

Beitrag von Ina Böhmer » 18.09.2008, 06:31

Hildegard Kaiser hat geschrieben: ... der Leistungsdruck in der Pflege ist in erster Linie im fehlenden Personal begründet. Das wird jeder, der sich nur ein wenig auskennt, zugeben müssen. Wer einerseits von den Pflegekräften stets und ständig vorbildliche Arbeit einschließlich Zuwendung verlangt, muss andererseits für genügend Personalstellen sorgen. ...
Guten Morgen Forum,
ich bin auch aus eigenem Erleben der Meinung, dass die Personaldecken einfach zu dünn sind und folglich allerlei Druck entsteht, der auf Dauer nicht auszuhalten ist.
Genau an diesem Punkt muss angesetzt werden. Alles andere ist nur Herumkurieren, ohne Probleme wirklich lösen zu können.
Gruß
Ina
Der Pflegeberuf verdient mehr Anerkennung!

Gaby Modig
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Zollitsch kritisiert einen zunehmenden Leistungsdruck

Beitrag von Gaby Modig » 25.12.2009, 15:07

tagesschau.de berichtet:

Zollitsch kritisiert einen zunehmenden Leistungsdruck
Der Bischofskonferenz-Vorsitzende Zollitsch hat zu mehr Akzeptanz untereinander aufgerufen und einen Leistungsdruck kritisiert. Im Freiburger Münster sagte er, Menschen seien kein Rädchen im Getriebe, bei dem man die Stellschrauben weiter anziehen könne. [mehr]
http://mail.tagesschau.de/red.php?lid=63193&ln=6

Die Mahnung von Bischof Zollitsch ist grundsätzlich begründet. Sind nicht aber die Kirchen kräftig mit dabei, wenn es darum geht, Druck auf die MitarbeiterInnen zu erhöhen? Daher: Jeder kehre vor seiner eigenen Türe!

Gaby
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PflegeCologne
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Monethik statt Ethik - Kirchen müssen nicht abgrenzen

Beitrag von PflegeCologne » 26.12.2009, 08:17

Guten Morgen,
die beiden großen Kirchen sind gefordert, bezüglich einer guten Pflege Vorreiter zu sein. Nicht nur mahnen, sondern handeln. Die Kirchen müssen sich ausklinken aus dem Prinzip "Monethik statt Ethik". Wenn sie das machen, sind sie auch mit ihren anderen Aussagen glaubhaft.
Siehe auch mein heutiger Text zu notwendigen Reformanstrengungen (unten). Mehr Pflegepersonal, gut bezahlt, nimmt auch den Leistungsdruck, macht die Zuwendung zu anderen menschlicher!
LB Grüße
Pflege Cologene

Weihnachtswunsch: Mehr Pflegepersonal auf den Weg bringen

Guten Morgen,
ich rate dringend davon ab, ständig an den Pflegeberufen herumzubastelen. Neue Berufsbezeichnungen, mehr theoretische Ausbildung usw. haben in den letzten Jahrzehnten keinerlei Verbesserungen gebracht. Die Pflege muss auch nicht weiter verwissenschaftlicht werden.
Die Pflegetätigkeit war, ist und bleibt praktisch ausgerichtet. Die Arbeit am Menschen muss im Zentrum der Pflege bleiben.
Ich kann mich den hier immer wieder ausgeführten Statements nur anschließen: Wir brauchen mehr Anerkennung für die Pflegetätigkeit und vor allem mehr gut ausgebildete Pflegekräfte. Die Pflege leidet klar daran, dass nicht genügend Personal vorhanden ist, zum Einsatz gebracht werden kann. Das "Restpersonal" hetzt von einer Betreuungsaufgabe zur anderen, ohne wirklich gute Arbeit abliefern zu können. Wir nennen das dann: Minutenpflege. Daran muss sich etwas ändern!
LB Grüße
Pflege Cologne
Alzheimer - eine Krankheit, die mehr Aufmerksamkeit erfordert! - Pflegesystem muss dem angepasst werden, auch, wenn es teurer wird! - Ich bin dabei:
http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de

Anja Jansen
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Mehr Pflegekräfte - ambulant und stationär

Beitrag von Anja Jansen » 29.12.2009, 08:38

Hallo,
ich teile die hier vielfach geäußerte Meinung, dass die Personaldecken in Krankenhäusern und sonstigen Pflegeeinrichtungen (Heimen) viel zu dünn sind. Wir brauchen eine Ausbildungs- und Einstellungsoffensive in der Pflege, auch mit Rücksicht auf das, was uns noch bevorsteht. In den nächsten Jahren wird es nämlich immer weniger Personen geben, die sich der Pflege wirklich zuwenden wollen, andererseits werden diejenigen Personen zunehmen, die einer, wie auch immer, gearteten Pflege und Betreuung bedürfen. Das ist mit den vielfach diskutierten Angeboten für neue Wohnformen usw. nicht zu regeln. Gar von der Abschaffung der Heime zu reden, ist jenseits jeder vernünftigen Erwägung.
Es muss Berzüglich einer "Personaloffensive Pflege" bald reagiert werden, nicht erst, wenn das "Kind im Brunnen liegt".
Eine Billigpflege darf es bei all den Bemühungen nicht geben. Denn sie geht zu Lasten aller, der Pflegekräfte und der von Pflege betroffenen Menschen.
Lb. Grüße
Anja
Es ist mehr Aufmerksamkeit für dementiell erkrankte Menschen nötig. Unser Pflegesystem braucht deshalb eine grundlegende Reform!

Rita Reinartz
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Zeitdruck in der Pflege - mehr Pflegepersonal erforderlich!

Beitrag von Rita Reinartz » 30.12.2009, 08:09

viewtopic.php?p=49125#49125
Gaby Modig hat geschrieben: .... Ursache dafür kann eine enge Personaldecke sein, insbesondere dann, wenn das real verfügbare Personal aufgrund von krankheits- oder anderweitig bedingten Fehlzeiten geringer ist als die „theoretische“ Personalbemessung. Eine weitere Ursache können („zeitfressende“) Mängel in der Arbeitsorganisation sowohl innerhalb des Pflegebereichs als auch in der übergreifenden Zusammenarbeit z.B. mit der Hauswirtschaft oder dem ärztlichen Personal sein. ....
Die Ursachen sind sicherlich sehr unterschiedlich. Aber eine Ursache steht überall obenan: der Personalmangel. Darüber lässt sich nicht ernstlich streiten. Die Personalbemessung ist - wohl vorrangig aus Kostengründen - völlig unzureichend und muss dringlichst verbessert werden. Ohne eine solche Verbesserung sind alle anderen Anstrengungen nur Stückwerk und letztlich nicht geeignet, den vielfach beklagten Zeitdruck zu beseitigen.

RR.
Menschenwürdegarantie bedarf bei der Umsetzung entsprechender Rahmenbedingungen. Insoweit gibt es aber Optimierungsbedarf!

Presse
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Pflegekräfte am häufigsten krank

Beitrag von Presse » 08.01.2010, 09:11

Von Andreas Heinz
Pflegekräfte am häufigsten krank
Erster Gesundheitsbericht für Berlin und Brandenburg vorgestellt

In den ländlichen Regionen Brandenburgs leben die Arbeitnehmer gesünder als in der hektischen Hauptstadt Berlin. Diese Annahme mussten Gesundheitsexperten der Krankenkassen AOK und BEK nach einer Untersuchung revidieren. Im Durchschnitt lag die Dauer der Krankschreibungen 2008 überall in der Region bei 13,3 Tagen.
... (weiter lesen)
http://www.neues-deutschland.de/artikel ... krank.html
http://www.bibliomed.de:80/cps/rde/xchg ... _17439.htm

Cicero
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Zeitdruck in der Pflege - mehr Pflegepersonal erforderlich!

Beitrag von Cicero » 10.01.2010, 08:42

Gaby Modig hat geschrieben:....Zeitdruck in der Pflege .... Mitarbeiter in Pflegeberufen sind einer Vielzahl von physischen und psycho-mentalen Belastungen ausgesetzt. Neben Leistungsdruck und fehlenden Pausen ist das Arbeiten unter Zeitdruck einer der dominierenden Belastungsfaktoren. ....
Damit sind vielfältige Belastungen in der Pflege nur angedeutet. Die Pflegesituationen sind entscheidend deshalb unzulänglich, weil die Personalausstattungen nirgendwo wirklich auskömmlich sind. Die Anstellung von Pflegekräften, die mit halbherzigen Berechnungsmethoden erfolgt, ignoriert vielfältige Bedürfnisse der pflegebedürftigen Menschen bzw. Patienten. Hier muss sich etwas ändern, und zwar zu Gunsten aller Beteiligten.

Cicero
Politisch interessierter Pflegefan!
Im Gleichklang: Frieden - Ausgleich - Demokratie - und: "Die Menschenwürde ist unantastbar"!

Gaby Modig
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Pflegekräfte am häufigsten krank

Beitrag von Gaby Modig » 10.02.2010, 08:08

Presse hat geschrieben: .... Pflegekräfte am häufigsten krank ....
Nach meiner ersten Texteinstellung gab es zahlreiche Gespräche zum Thema. Die Meinung war einhellig: Die Veränderungen an den pflegerischen Arbeitsplätzen haben eine Verdichtung ergeben, die negative Reaktionen, wie Krankheiten, geradezu produziert. Viele Pflegekräfte würden ihren Beruf aufgeben, wenn er nicht zur Existenzsicherung zwingend notwendig wäre.
Ich denke, dass es überfällig ist, die Probleme endlich aufzugreifen und geeignete Lösungen zu finden.

G.M.
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johannes
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Beitrag von johannes » 13.02.2010, 11:46

Nun, solange die PK durch ihr Handeln beweisen, daß es auch mit einer dünnen Personaldecke geht, wird sich nichts ändern. Wenn dann auch noch durch die Schulnoten der Nachweis gebracht wird, daß es GUT funktioniert, wird sich erst recht nichts ändern.

Da wird wohl ein Umdenken an der Front erforderlich sein. PK müssen sich entscheiden, grundsätzlich nur noch nach SGB XI, § 28, Abs. 4 zu handeln. Was dabei liegen bleibt, bleibt liegen. Erst dann wird auch die Politik wach!
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PflegeCologne
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Überwindung des Pflegenotstandes

Beitrag von PflegeCologne » 13.02.2010, 12:02

Hallo Johannes,

ja, man müsste eigentlich "Dienst nach Vorschrift" machen. Was nicht fachlich einwandfrei erledigt werden kann, bleibt liegen.

Aber dann hätten wir das perfekte Chaos und unendlich viele Haftungsfälle. Denn es ist m.E. so, dass immer mit der erforderlichen Sorgfalt gearbeitet werden muss. Das bedeutet aber auch, dass man bei einer Überlast noch überzeugende Erwägungen darüber anstellen muss, was man macht und was nicht. Dann kommen noch die Erfordernisse mit der Überlastungsanzeige hinzu. ...

Ich denke, dass die Pflegekräfte in anderer Form agieren müssen. Sie müssen "pflegepolitischer" werden und sich deutlicher zu Wort melden, dürfen das Feld nicht dem Oberjammerer Fussek überlassen. Der haut ja im Zweifel noch auf die Pflegekräfte ein.

Ich werde am 27.04.2010 in Neuss sein und dort mit für eine vernünftige Pflegereform - vor allem zur Überwindung des Pflegenotstandes - demonstrieren:
viewtopic.php?t=12279

Es wäre zu wünschen, dass dann auch zahlreiche Pflegekräfte mit mir auf der Matte stehen.

MfG
Pflege Cologne
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http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de

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Beitrag von johannes » 13.02.2010, 17:32

Nun, es gibt doch genug Fachleute des Rechts, die beratend tätig werden können, was ohne Rechtsfolgen für die PK möglich ist. Es wäre unklug, die PK ins offene Messer laufen zu lassen.

Z. B. stell ich mir vor, daß die PK die Betreiber und Kostenträger informieren, daß sie unter diesen Bedingungen nicht mehr arbeiten werden, Fristen setzen, innerhalb deren gehandelt werden muß, und dann loslegen. Wenn dies dann auch noch in den Massenmedien angekündigt wird, können die Kostenträger, die Betreiber und die Staatsorgane nicht mehr sagen, sie wüßten nicht, was Sache ist. Dann ist vorbei mit lustig.

Ich kann mir nicht vorstellen, daß es da keine Wege und Mittel gibt.
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Hildegard Kaiser
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Wirksames Beschwerdemanagement ermöglichen

Beitrag von Hildegard Kaiser » 14.02.2010, 10:44

Reform der Pflegesysteme - "Wir alle sind gefordert" -
Stellungnahme von Pro-Pflege Selbsthilfenetzwerk zum Koalitionsvertrag (Abschnitt 9.2.: Pflege- Weiterentwicklung der Pflegeversicherung) hier
http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwe ... ysteme.php

Dort sind u.a. Ausführungen von Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk darüber zu finden, dass es einen neuen § 612a BGB geben soll / muss. Ich finde die diesbezüglichen Forderungen wichtig, sie sollten umfassend Unterstützung finden!

Hier der Textauszug:

--- Wirksames Beschwerdemanagement ermöglichen

Im Übrigen müssen geeignete Maßnahmen ergriffen werden, für Pflegeeinrichtungen Beschwerdemanagementsysteme zu installieren, die wirksam Pflegemissstände aufklären und beseitigen helfen. Dazu erscheint u.a. eine Vorschrift im BGB erforderlich (= Neufassung des § 612a BGB), die es MitarbeiterInnen in der Pflege nachteilsfrei ermöglicht, offensiver mit Anregungen und Beschwerden umzugehen.

Dazu hat sich Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk 2008 wiederholt an den Deutschen Bundestag gewandt und auf notwendige Beschlussnotwendigkeiten aufmerksam gemacht, erfolglos. U.a. wurde dazu von hier ausgeführt:

Die seit Jahren beklagten Pflegemängel werden weder durch das 2008 reformierte SGB XI (mit neuen Transparenzvorgaben und Bewertungssystemen –„Schulnoten“ für Pflegeeinrichtungen) und die neuen Länder-Heimgesetze (z.B. mit regelmäßigen unangemeldeten Heimprüfungen) noch durch das WBVG entscheidend vermindert werden können.

Daher müssen die MitarbeiterInnen der Pflegeeinrichtungen in die Verbesserung der Pflegesituationen verstärkt eingebunden werden. Beschwerden über organisatorische und personelle Unzulänglichkeiten in den Pflegeeinrichtungen müssen dadurch angeregt bzw. ermöglicht werden, indem die Mitteilungen über solche Zustände durch eine gesetzliche Vorschrift für die MitarbeiterInnen „nachteilsfrei“ gestellt werden (ähnlich dem § 17 Arbeitsschutzgesetz).

Insoweit wird bereits im Deutschen Bundestag eine Gesetzesinitiative diskutiert, die u.a. die Einfügung eines neu gefassten § 612a in das BGB vorsieht:

§ 612a BGB – Anzeigerecht
(1) Ist ein Arbeitnehmer aufgrund konkreter Anhaltspunkte der Auffassung, dass im Betrieb oder bei einer betrieblichen Tätigkeit gesetzliche Pflichten verletzt werden, kann er sich an den Arbeitgeber oder eine zur innerbetrieblichen Klärung zuständigen Stelle wenden und Abhilfe verlangen. Kommt der Arbeitgeber dem Verlangen nach Abhilfe nicht oder nicht ausreichend nach, hat der Arbeitnehmer das Recht, sich an eine zuständige außerbetriebliche Stelle zu wenden.
(2) Ein vorheriges Verlangen nach Abhilfe ist nicht erforderlich, wenn dies dem Arbeitnehmer nicht zumutbar ist. Unzumutbar ist ein solches Verlangen stets, wenn der Arbeitnehmer aufgrund kon­kreter Anhaltspunkte der Auffassung ist, dass
1. aus dem Betrieb eine unmittelbare Gefahr für Leben oder Gesundheit von Menschen oder für die Umwelt droht,
2. der Arbeitgeber oder ein anderer Arbeitnehmer eine Straftat begangen hat,
3. eine Straftat geplant ist, durch deren Nichtanzeige er sich selbst der Strafverfolgung aussetzen würde,
4. eine innerbetriebliche Abhilfe nicht oder nicht ausreichend erfolgen wird.
3) Von den Absätzen 1 und 2 kann nicht zuungunsten des Arbeitnehmers abgewichen werden.
(4) Beschwerderechte des Arbeitnehmers nach anderen Rechtsvorschriften und die Rechte der Arbeitnehmervertretungen bleiben unberührt.

Quelle für das Zitat u.a.: Drucksache des Ausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz – Nr. 16(10)849

Es macht wenig Sinn, von den Pflegekräften stets und ständig engagiertes bzw. couragiertes Verhalten im Betrieb abzuverlangen, sie dann aber anschließend im Stich zu lassen. Es liegt auf der Hand, dass man den Pflegekräften Schutz zu bieten hat. Insoweit scheint der neugefasste § 612a BGB (oder eine entsprechende Vorschrift im WBVG) sehr hilfreich. Dabei wird natürlich nicht verkannt, dass auch eine solche Vorschrift nicht in allen Fällen verhindern kann, dass es gleichwohl Sanktionen gegen unliebsame ArbeitnehmerInnen geben wird. Aber die vorgeschlagene Neuregelung könnte dazu beitragen, eine neue Kultur des Hinschauens zu entwickeln.

Auch die Hauptversammlung des Marburger Bundes hat den Deutschen Bundestag anlässlich seiner Hauptversammlung am 07.11.2009 aufgefordert, für mehr Informationsfreiheit einzutreten, damit endlich der Schutz von Fehlermeldern (Whistleblowers) für das Gesundheitswesen gesetzlich festgeschrieben wird. Dies sei auch Voraussetzung dafür, dass die Idee des Critical Incident Reporting Systems (CIRS), also der Mitteilung von Beinahe-Schadensfällen, nachhaltig Fuß fassen kann. In einer Pressemitteilung des Marburger Bundes vom 07.11.2009 heißt es dazu:

„Die Beschäftigten im Gesundheitswesen dürfen keine arbeitsrechtlichen Folgen befürchten müssen, wenn sie Gefahren und Rechtsverstöße in ihrem Arbeitsbereich melden. Eine Novellierung des § 612a BGB zum Informationsschutz für Beschäftigte mit der Aufnahme eines Anzeigerechtes ist erforderlich“, heißt es in dem Beschluss des Ärzteverbandes.
Mehr Pflegekräfte = bessere Pflege!

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