Pflegemissstände - was können Pflegekräfte dagegen tun?

Pflegespezifische Themen; z.B. Delegation, Pflegedokumentation, Pflegefehler und Haftung, Berufsrecht der Pflegeberufe

Moderator: WernerSchell

Rita Reinartz
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Pflegemissstände - was können Pflegekräfte dagegen tun?

Beitrag von Rita Reinartz » 24.08.2006, 18:18

Hallo,

ich möchte für eine Nachbarin, die als Pflegerin in einem Altenheim arbeitet, nachfragen:

Sie, die Pflegerin, ist mit den Arbeitsbedingungen im Heim nicht einverstanden. Offensichtlich gibt es zu wenig Personal. Daher können die pflegerischen Leistungen nur eingeschränkt ausgeführt werden. Es gibt immer wieder von vorgesetzten Kräften Druck, auch konkrete Hinweise: dies und jenes zu lassen. Verweise auf Missstände und mögliche Schäden werden zurückgewiesen und gleichzeitig angedroht, man möge ja nicht mit schriftlichen Protesten kommen.
Die Pflegerin leidet unter diesen Zuständen beträchtlich, so dass ich befürchte, sie wird bald ausfallen, d.h. schwerer krank werden. Zur Zeit schleppt sie sich zur Arbeitsstelle Heim. Sie will ja auch die pflegebedürftigen Menschen nicht im Stich lassen. Sie fürchtet, wenn sie krank geschrieben ist, werden die verbleibenden Kräfte noch mehr nicht tun können. Die Bewohner werden es ausbaden müssen.

Was kann man der Pflegerin raten? Wie soll sie sich verhalten?

Mit freundlichen Grüßen
Rita

Herbert Kunst
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Pflegemissstände - Überlastungsanzeige schreiben

Beitrag von Herbert Kunst » 25.08.2006, 18:42

Rita Reinartz schrieb u.a.:
... Pflegerin, ist mit den Arbeitsbedingungen im Heim nicht einverstanden. Offensichtlich gibt es zu wenig Personal. Daher können die pflegerischen Leistungen nur eingeschränkt ausgeführt werden. Es gibt immer wieder von vorgesetzten Kräften Druck, auch konkrete Hinweise: dies und jenes zu lassen. Verweise auf Missstände und mögliche Schäden werden zurückgewiesen und gleichzeitig angedroht, man möge ja nicht mit schriftlichen Protesten kommen. ...

Hallo Rita,
ich kann nur darauf aufmerksam machen, dass in der beschriebenen Situation wohl der einzig vernünftig Weg darin gesehen werden kann, den Arbeitgeber, also den Heimträger, auf die konkreten Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen. Davon sollte man sich auch nicht abbringen lassen. Andere Arbeitskräfte sollten ggf. ähnlich verfahren. Arbeitgeber müßten eigentlich froh darüber sein, über schlechte Arbeitsbedingungen informiert zu werden. Ein internes Beschwerdemanagement müßte diesbezügliche Hinweise aufgreifen.
Eine solche Mitteilung an den Arbeitgeber nennt man Überlastungsanzeige. Dazu gab es in diesem Forum wiederholt Hinweise. Siehe u.a. unter
viewtopic.php?t=3518
Gruß
Herbert Kunst
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Lutz Müller-Bohlen
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Re: Pflegemissstände - was können Pflegekräfte dagegen tun?

Beitrag von Lutz Müller-Bohlen » 26.08.2006, 12:37

Eine Möglichkeit ist eine anonyme Mitteilung an die Heimaufsicht.

Grundsätzlich wird sich aber in den Pflegeheimen wenig ändern, wenn die MitarbeiterInnen nicht bereit sind, für eine menschenwürdige Pflege und anständige Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte einzutreten. SAGT NEIN !!!! Sonst seid ihr moralisch und ggf. sogar haftungsrechtlich mit verantwortlich. Kein einziger Grund rechtfertigt, zu einer gefährlichen Pflege von Schutzbefohlenen beizutragen.


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Lutz Müller-Bohlen

Rauel Kombüchen
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Pflegemissstände - was können Pflegekräfte dagegen tun?

Beitrag von Rauel Kombüchen » 26.08.2006, 12:46

Lutz Müller-Bohlen hat geschrieben: ---- Eine Möglichkeit ist eine anonyme Mitteilung an die Heimaufsicht. ... Grundsätzlich wird sich aber in den Pflegeheimen wenig ändern, wenn die MitarbeiterInnen nicht bereit sind, für eine menschenwürdige Pflege und anständige Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte einzutreten. SAGT NEIN !!!! Sonst seid ihr moralisch und ggf. sogar haftungsrechtlich mit verantwortlich. Kein einziger Grund rechtfertigt, zu einer gefährlichen Pflege von Schutzbefohlenen beizutragen. ...
Hallo Lutz
klar, anonyme Meldungen sind möglich. Aber, Behörden kümmern sich eher selten um solche Meldungen. Bedenkenswert erscheint mir, dass eine anonyme Meldung meist einem bestimmten Mitarbeiter (mutmaßlich) zugeordnet werden kann. Spätestens dann beginnen die "Gegenmaßnahmen" - Mobbing und Kündigung.
Auch andere Ratschläge müssen gut durchdacht werden, denn sonst ist der Arbeitsplatz schnell weg. Dies sicher auszuschließen, kann wohl keiner garantieren.
Gruß Rauel Kombüchen

Lutz Müller-Bohlen
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Re: Pflegemissstände - was können Pflegekräfte dagegen tun?

Beitrag von Lutz Müller-Bohlen » 26.08.2006, 14:19

Wegen anonymer Mitteilungen an die Heimaufsicht: Ob Behörden sich selten kümmern ist die Frage. Wenn mans von vornherein nicht tut, findet man es nicht heraus !

Ansonsten kann ich mich nur wiederholen mit dem alten Borchert-Satz: SAGT NEIN !!!!!


mfG
Lutz Müller-Bohlen

Herbert Kunst
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Pflegemissstände - Überlastungsanzeige!

Beitrag von Herbert Kunst » 27.08.2006, 12:11

Rita Reinartz hat geschrieben: .... Verweise auf Missstände und mögliche Schäden werden zurückgewiesen und gleichzeitig angedroht, man möge ja nicht mit schriftlichen Protesten kommen. ...
Hallo Rita,
ich melde mich noch einmal kurz. In dieser Homepage gibt es im Rechtsalmanach Nr. 16 einige Beiträge die weiter helfen. Siehe u.a.:

Die Überlastungsanzeige (Artikel von Frau Sabine Dörpinghaus)
http://www.wernerschell.de/Rechtsalmana ... zeige2.htm
"Die Überlastungsanzeige" und "Wer haftet im Schadensfall nach erfolgter Überlastungsanzeige? (Beitrag von U. Ammer)"
http://www.wernerschell.de/Rechtsalmana ... nzeige.htm

Gruß Herbert Kunst
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Wever
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Beitrag von Wever » 28.08.2006, 08:57

Müller-Bohlen fährt aber schweres Geschütz auf: "Moral", "Mitschuld" und dann noch "der alte Borchert-Satz: <Sagt Nein!>"...

Zweifellos sollte es für jeden eine Art "rote Linie" geben, die man nicht überschreitet. Trotzdem halte ich in der Sache hier "Borchert-Sätze", die sich so herrlich für Sonntagsreden eignen, fehl am Platze. Aber die Verlagerung der Verantwortung auf die unterste Ebene ist ja ein beliebtes Spiel. Die TV-Magazine sind ja ebenfalls ganz scharf darauf, dem Publikum durch Vorführen von Monster-PflegerInnen ins Gedächtnis zu schreiben: Wie schön könnte es in Altenheimen sein, wenn es nicht diese bösen PflegerInnen gäbe...

Mit dem ollen "Borchert-Satz" landet man ganz schnell (siehe z.B. hier: viewtopic.php?t=4895&highlight=nacht%2A ) auf der Straße. Und es wäre nun eine interessante Frage, ob z.B. die eigenen Kinder den "Borchert-Satz" essen können. Aber Brecht wollen wir hier nicht auch noch hineinziehen.

Zum Himmel schreiende Zustände sind in deutschen Altenheimen Standard. Alle auch in diesem Forum geposteten Mißstände laufen - zumal unter Anbringung einer so windigen Materie wie dem "Arbeitsrecht" - darauf hinaus: "Gut. Werden Sie deutlich, aber stellen Sie sich auf eine Kündigung ein..." Oder darauf, konzertiert gemobbt zu werden.

Ganz dicht am Thema sind wir vielleicht, wenn wir hier im Forum lesen, daß Baden-Württemberg auch im Pflegesektor die Bürokratie minimieren will - und daher künftig auf eine Anzeige von Personalveränderungen verzichten will. :P

"Pflege" wird von PflegerInnen geleistet. Und wenn der Personalschlüssel nicht stimmt, kann auch die Pflege nicht stimmen. In den Altenheimen (deren Leiter sich ja nun als Unternehmer fühlen sollen...) ist für alles Mögliche Geld vorhanden. Für PCs, mit denen die Leute nicht umgehen können, für ganze Heerscharen abgebrochener GermanistInnen, die für hohe Summen alle möglichen Konzepte verfassen, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt werden, etc. pp. - Schon durch die Personalpolitik wird von oben vielfach eine clandestine "Verschwörung des Schweigens" (um mal im Bilde des Borchert-Genres zu verweilen!) gefördert. Stationsleitungen etc. werden immer wieder gerne mit Leuten besetzt, die sogenannten "Dreck am Stecken" haben, weil man auf deren stillschweigendes Dulden von Mißständen vertrauen darf. Wieviele dieser Leute müßten den "Borchert-Satz" geradezu herausschreien, und die Heimaufsicht verständigen, wenn sie jeden Monat die Dienstpläne herausgeben...

Und wenn man neulich in einer FAZ-Beilage lesen konnte, daß der Pflegesektor in Zukunft noch mehr als bisher schon eine Goldgrube für Investoren werden wird, dann kann man sich an seinen fünf Fingern abzählen, daß sich nichts ändern wird. Ganz im Gegenteil! Schade nur, daß man immer nur den vermeintlich kleinsten Rädchen solche "Borchert-Sätze" vor die Nase hält...
"Es gibt eine Form von Toleranz beim Menschen, die nichts anderes ist als ein Mangel an Würde." Joseph Schumpeter

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Stellenschlüssel für das Heimpersonal - Überlastungsanzeige

Beitrag von Herbert Kunst » 28.08.2006, 09:52

Wever hat geschrieben: ....wenn der Personalschlüssel nicht stimmt, kann auch die Pflege nicht stimmen ... .
Hallo,
genau das ist ein entscheidender Punkt. Siehe daher in diesem Forum auch unter
Stellenschlüssel für das Heimpersonal
viewtopic.php?t=3917
Es darf nicht sein, dass Pflegekräfte pauschal aufgefordert werden, sich schlicht zu verweigern. So stehen sie, wie zahlreiche Beispiele belegen, schnell auf der Straße. Das kann so niemand von Pflegekräften verlangen, auch dann nicht, wenn sie mutig sind.
Gegen die Missstände in der Pflege muss mit einem "abgestuften" Verfahren vorgegangen werden. Dazu gehört auch die von mir bereits erwähnte Überlastungsanzeige (oder wie das nennen mag).
Gruß
Herbert Kunst
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Beitrag von enno » 29.08.2006, 23:06

was können pflegende tun ?
endlich mal ein taem sein und nicht ständig nach macht und kompetenz suchen(jobbehalt,sich selbst weiterbilden,mobbing?),wenn mann 5 bis 8 jahre nach hängt und das im medizinischen bereich,dann frage ich mich,als pflegende angehörige,wem soll man nur vertrauen.
bücher,heilen verboten,abgezockt,alt und ,virus alarm.
suche nur noch medizinische hilfe bei vertrauen,pillen nur selten.
habe erlebt,wie hilflos eine notarztbesatzung ist(magensonde,einsetzen einer tk und umlagern auf transportliege).
weiß,jetzt auch ,warum angehörige ,weggeschickt werden.
was braucht die medizin,versuchsk..... für die pharmaindustrie,oder um die preise in die höh zutreiben,oder ihre macht zu beweisen?

vertrauen ist gut,kontrolle ist besser,aufklärung noch besser(rechte und pflichten).

mfg enno

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Pflegemissstände - was können Pflegekräfte dagegen tun?

Beitrag von Herbert Kunst » 30.08.2006, 06:12

Rita Reinartz hat geschrieben: .... Was kann man der Pflegerin raten? Wie soll sie sich verhalten? .....
Der Pflege-Selbsthilfeverband e.V. wird genau zu diesem Thema am 6.10.2006 in Berlin eine Podiumsdiskussion durchgeführen. Siehe u.a. unter
viewtopic.php?t=4885

Gruß
Herbert Herbert
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didado
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Beitrag von didado » 07.09.2006, 15:51

hi Ihr !

Nochmal zurück zu Rita Reinartz ganz oben.

Das Management des Altenheims sieht die Überlastungs des Pflegepersonals auch, und deswegen bringen Proteste und Überlastungsanzeigen erst mal nichts.
Und kurzfristige Änderung sind faktisch ausgeschlossen.
Es bleibt nur der Selbstschutz, - krank feiern - .

Das Problem ist das Management selber, denn die müssten zur Entlastung selber auf den Stationen arbeiten, machen sie aber nicht, denn dann müsste sich das Management selbst verpflichten.

Das Management könnte selbstverständlich die Bürokratie im eignen Hause drastisch senken, das brächte Kapazitäten im Pflegebereich, aber dann fällt die schöne überflüssige Zettellei weg, und damit das bequeme Leben in der Administration ebenfalls.

Die Frage:
Wie kann das Management und deren bequem gewordene Gefolgschaft zur Arbeit in der Pflege genötigt werden ?
Antwort:
Ganz einfach, mit Streik !


wiederschreiben
didado

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Beitrag von enno » 08.09.2006, 01:55

fragen sie doch mal pflegende angehörige,die sich arangeiren und nicht nur"vertrauen".welche probleme sie haben.
aber es wird sich ändern,und das medizinische personal wird an macht gewinnen,wenn die "alte"generation weg ist und nur noch die lämmer da sind.

Herbert Kunst
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Angehörige - die beste Heimaufsicht!

Beitrag von Herbert Kunst » 08.09.2006, 08:14

Hallo,
ich denke, dass die Angehörigen bei der Heimpflege die beste Heimaufsicht sind. Sie müssen "auf der Matte" stehen und die gute Pflege notfalls tagtäglich einfordern.
Es ist übrigens bekannt, dass die pflegebedürftigen Menschen, die öfter Besuch bekommen, besser versorgt sind. Warum wohl? Eigentlich ist das ein Skandal - aber so sind die Fakten.
Das Pflegepersonal muss in jeder Hinsicht stark gemacht werden, damit es optimale bzw. angemessene Pflege für alle einfordern / gewährleisten kann.
Gruß
Herbert Kunst
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Beitrag von enno » 10.09.2006, 00:29

meine unterstützung haben gute pflegende.
habe auch einen pflegedienst gefunden,dem ich vertraue,aber noch kein krankenh.,oder reha,geschweige einen kompetenten arzt,der mich über die "krankheit" und behandlung aufklärt bzw mit einbezieht (ferndiagnose?).
angehörige sind einfach läßtig.
mfg enno

WernerSchell
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Pflegemissstände ohne Ende!

Beitrag von WernerSchell » 09.05.2007, 06:17

Siehe auch die weiteren Beiträge in diesem Forum, z.B. unter

Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen
viewtopic.php?t=6238

Neue Internet-Plattform - Keine Hilfe für Pflegekräfte!
viewtopic.php?t=5607

Ärztliche Versorgung in Heimen oft mangelhaft!!
viewtopic.php?t=3387

„Vorsicht bei Strafanzeigen“ - Podiumsdiskussion am 06.10.06
viewtopic.php?t=4885

... weitere Beiträge unter
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http://www.wernerschell.de/Medizin-Info ... pflege.htm
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk (Neuss)
http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de/
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