„Vorsicht bei Strafanzeigen“ - Podiumsdiskussion am 06.10.06

Pflegespezifische Themen; z.B. Delegation, Pflegedokumentation, Pflegefehler und Haftung, Berufsrecht der Pflegeberufe

Moderator: WernerSchell

Antworten
WernerSchell
Administrator
Beiträge: 20659
Registriert: 18.05.2003, 23:13

„Vorsicht bei Strafanzeigen“ - Podiumsdiskussion am 06.10.06

Beitrag von WernerSchell » 14.07.2006, 08:01

Zu dem Thema
„Vorsicht bei Strafanzeigen“wird es im Oktober 2006 in Berlin eine Podiumsveranstaltung geben:

06.10.2006: Pflege-Podium-Berlin Pflegekräfte klagen an!
Zeit: 17.00 - 19.00 Uhr
Ort: Abgeordnetenhauses von Berlin, Niederkirchnerstr. 5,
10111 Berlin-Mitte. Tel.: (030) 2325 1060, Fax: (030) 2325 1068

Rechtsverletzungen im Umgang mit Pflegebedürftigen und Mitarbeitern sind an der Tagesordnung, weil diejenigen, die den Mut aufbringen Missstände anzuklagen oftmals den Kürzeren ziehen. So auch im Falle von Frau Brigitte Heinisch aus Berlin, die gegen ihren früheren Arbeitgeber geklagt und vor Gericht verloren hat. Ihre Geschichte ging durch die Medien (u.a. berichtete Report Mainz am 03.07.2006), auch wegen der großen Solidarität, die dieser engagierten Altenpflegerin entgegengebracht wurde.
In Zusammenarbeit mit der Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. wollen wir zeigen, wie das Rechtssystem funktioniert, weshalb oder woran die Klagenden häufig scheitern und wie Betroffene, Angehörige oder Pflegekräfte vorgehen müssten, damit ihre Klage Aussicht auf Erfolg hat.
Auf dem Podium sitzen: Brigitte Heinisch (Altenpflegerin, Berlin), Dieter Lang (Jurist und Pflegereferent bei der Verbraucherzentrale Bundesverband e.V.), Werner Schell (Pflegerechtsexperte, ....(Krankenschwester, Rechtsanwältin). Moderation: Adelheid von Stösser.
Näheres auch unter
viewtopic.php?t=4243&highlight=strafanzeigen
Zuletzt geändert von WernerSchell am 17.05.2009, 19:13, insgesamt 7-mal geändert.
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk (Neuss)
http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de/
Bild

H.P.

Vorsicht bei Strafanzeigen gegenüber dem Arbeitgeber!

Beitrag von H.P. » 15.07.2006, 07:27

Text aus
viewtopic.php?t=4243

Zeigt Ihr Mitarbeiter Sie an, können Sie fristlos kündigen
Dies gilt zumindest dann, wenn sich die Vorwürfe als haltlos erweisen.


Der Fall: Die Arbeitnehmerin war zunächst als Altenpflegerin beschäftigt gewesen. Nachdem ihr gekündigt worden war, verteilte sie ein Flugblatt, das zum Teil scharfe Angriffe gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber enthielt.

Außerdem erstattete sie wegen Nötigung und Betrugs im Zusammenhang mit der Dokumentation der Pflege Strafanzeige. Daraufhin wurde ihr zusätzlich noch fristlos gekündigt. Gegen diese Kündigung klagte sie nun.

Das Urteil: Die fristlose Kündigung des Arbeitsverhältnisses war nach Ansicht der Richter gerechtfertigt. Die erhobenen Vorwürfe hätten sich in keiner Weise belegen lassen und stellten eine schwere Loyalitätspflichtverletzung dar. Die Arbeitnehmerin hätte erst versuchen müssen, die Vorwürfe innerbetrieblich zu klären (LAG Berlin, 28.3.2006, 7 Sa 1884/05).

Fazit:
Ein Arbeitnehmer darf bei gebotenem Anlass zwar grundsätzlich Strafanzeige gegen Sie erstatten. Zunächst muss er aber versuchen, eine innerbetriebliche Lösung zu suchen – etwa durch ein Gespräch mit Ihnen. Unterlässt er dies und erweisen sich die Vorwürfe dann noch als haltlos – kann eine fristlose Kündigung gerechtfertigt sein.

Quelle: Mitteilung vom 14.7.2006
Personalverlag, ein Unternehmensbereich
der Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG
Theodor-Heuss-Strasse 2 - 4
53177 Bonn
stein@personalverlag.de
Internet: http://www.personalverlag.de

Berliner Zeitung

"Es wird viel zu selten Anzeige erstattet"

Beitrag von Berliner Zeitung » 19.07.2006, 11:55

Berliner Zeitung, 17.7.2006

"Es wird viel zu selten Anzeige erstattet" - Der Arzt Michael de Ridder über Missstände in Pflegeheimen und im Gesundheitswesen

Herr de Ridder, immer wieder werden Fälle von stark vernachlässigten pflegebedürftigen Menschen bekannt. Wann wurde zuletzt bei Ihnen ein Patient eingeliefert, bei dem Sie Mängel in der Pflege festgestellt haben?
Etwa zwei Mal am Tag behandeln wir, gerade in dieser Jahreszeit, pflegebedürftige Patienten, die zu wenig Flüssigkeit bekamen. Generell sehen wir viele Alte, die in einem schlechten Pflegezustand sind. Manche lehnen Pflege ab, dann ist niemandem ein Vorwurf zu machen. Andere erhielten professionelle Pflege und man fragt sich, wie solche Patienten in einen so menschenunwürdigen Zustand kamen.
In welchem Zustand sind diese Patienten?
Oftmals sind sie ungewaschen und nicht eingecremt. Sie leiden unter Infektionen, weil infektionsfördernde Blasenkatheter gelegt wurden, die gar nicht notwendig waren, die aber das Hinführen zur Toilette ersparen. In drastischen Fällen stellen wir riesige Druckgeschwüre an Rücken und Gesäß fest, das Gewebe ist bis auf den Knochen weggefault. Weil sie sozial isoliert sind, sind viele zudem schwer depressiv, in sich gekehrt und haben jede Lebensfreude verloren.
Wie hoch ist die Zahl der Menschen, die allein wegen schwerer Pflegemängel in ein Krankenhaus kommt?
Es gibt keine Statistiken, auf jeden Fall sind es viel zu viele.
….
Weiter unter
http://www.berlinonline.de/berliner-zei ... 69519.html

Pflegeselbsthilfe
Jr. Member
Beiträge: 65
Registriert: 29.11.2005, 07:58

Brigitte Heinisch kämpft für eine würdige Altenpflege

Beitrag von Pflegeselbsthilfe » 02.09.2006, 14:32

Brigitte Heinisch (45) aus Berlin

Sie arbeitete jahrelang in einer Pflegeeinrichtung für alte Menschen und geriet dabei an ihre physischen und psychischen Grenzen. Für die Pflege der Alten standen zu wenig Zeit und Mitarbeiter zur Verfügung. Sie fühlte sich überlastet, ausgebrannt und wurde krank. Die Missstände prangerte sie öffentlich an und fiel damit bei ihrem Arbeitgeber in Ungnade.

Brigitte Heinisch kämpft für eine würdige Altenpflege und erhielt dafür den diesjährigen Publikumspreis von BRISANT BRILLANT 2006.


Brigitte Heinisch ist tief enttäuscht von ihrem ehemaligen Arbeitgeber. Mehrere Jahre hatte sie in der Einrichtung als Altenpflegerin gearbeitet. Gemeinsam mit zwei Helfern musste sie auf zwei Etagen eines Hauses 44 alte Menschen betreuen. "Die Aufgaben waren einfach nicht zu schaffen", erinnert sie sich. Bei der Körperpflege konnte nur das Notwendigste erledigt werden, für die Einnahme des Essens stand viel zu wenig Zeit zur Verfügung. Den alten Menschen etwas Wärme und menschliche Anteilnahme entgegen zu bringen – das war unter diesen Umstanden kaum möglich.

Brigitte Heinisch und ihre Kolleginnen litten unter dieser Situation. Sie fühlten sich völlig überlastet, ausgebrannt und teilten dies auch dem Arbeitgeber mit. Der reagierte jedoch nicht. Ignoriert wurden auch die Verbesserungsvorschläge der Mitarbeiter. Brigitte Heinisch informierte schließlich den medizinischen Dienst der Krankenkassen über die Missstände. Mitarbeiter dieses Dienstes kamen dann mehrfach unangemeldet zu Kontrollen in die Pflegeeinrichtung und mahnten Veränderungen an.

Aufgrund der angespannten Arbeitssituation wurde Brigitte Heinisch immer öfter krank. Sie war physisch und psychisch am Ende. Der Arbeitgeber nutzte diese Gelegenheit und kündigte ihr krankheitsbedingt. Nachdem sie wenig später von Mitgliedern des Arbeitskreises "Menschwürdige Pflege" mit einer Flugblattaktion unterstützt wurde, erhielt die Berlinerin eine zweite Kündigung - diesmal fristlos. Dennoch will sie sich weiter dafür stark machen, dass alte Menschen die letzten Jahre ihres Lebens in Würde verbringen können.

Publikumspreis BRISANT BRILLANT 2006: Brigitte Heinisch
http://www.mdr.de/unter-uns/gaeste/3349 ... 82176.html

Fundstelle: http://www.mdr.de/unter-uns/gaeste/3382 ... 68822.html
Werner Schell ist seit 1.8.2008 Leiter / Ansprechparter bei:
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk vor
http://www.pro-pflege-selbsthilfnetzwerk.de

Hildegard Kaiser
Full Member
Beiträge: 168
Registriert: 14.11.2005, 08:17

Arbeitgeber sitzen offensichtlich am stärken Hebel!

Beitrag von Hildegard Kaiser » 06.01.2007, 18:21

Siehe auch unter
viewtopic.php?p=24224#24224
Arbeitgeber sitzen offensichtlich am stärken Hebel!

Biene Willy
Newbie
Beiträge: 15
Registriert: 01.06.2006, 21:42
Wohnort: München

Wahnsinn!!!

Beitrag von Biene Willy » 07.01.2007, 12:48

Man stelle sich vor: Mitarbeiter im Fleischgroßhandel

Chef handelt mit Gammelfleisch, Mitarbeiter muss erst Chef informieren, diskutieren...
Das Gammelfleisch wird weiter munter verteilt und gegessen! Der Chef "lobt" seinen Mitarbeiter und gewinnt ihn lieb.... :lol:
Er darf den Chef nicht anzeigen!
Warum handelt aber der Chef mit Gammelfleisch???? Weiß es der Chef nicht! :wink:
Wie sieht es in schlechten Pflegeheimen aus? Wer schafft die Bedingungen? Wer hat sie zu verantworten?
Ich glaube NICHT daran, das die oberen Etagen nie etwas wissen!
Sicher gibt es diesen Fall auch und Feedback ist wichtig! Allerdings ist es auch oft unerwünscht! Die Vorgaben passen nicht, aber erscheinen wirtschaftlich! Das Pflegepersonal und die Bewohner haben die folgen auszubaden!
OPFER-Schutz muss gestärkt werden!

Pflegeselbsthilfe
Jr. Member
Beiträge: 65
Registriert: 29.11.2005, 07:58

Pflegemissstände müssen offen benannt werden!

Beitrag von Pflegeselbsthilfe » 07.01.2007, 14:58

Wir brauchen rechtliche Rahmenbedingungen, die es ermöglichen, dass Pflegekräfte - ohne persönliche Nachteile erleiden zu können - bei festgestellten Pflegemissständen an die zuständigen Behörden herantreten oder in Ausnahmefällen sogar Strafanzeigen erstatten dürfen.

Der Vorschlag von Werner Schell geht dahin, dass der Gesetzgeber veranlasst werden muss, eine dem § 17 Arbeitsschutzgesetz ähnliche Vorschrift für den Pflegebereich (ggf. auch für andere Bereiche) zu schaffen. Diesbezüglich wurde bereits das BMG informiert.

Es erscheint auf jeden Fall unerträglich, das Pflegepersonal generell und schutzlos aufzufordern, Pflegemissstände aufzugreifen und zu melden, um diese Kräfte dann bei Problemen mit dem Arbeitgeber, konkret bei einer Kündigung, alleine zu lassen. Es ist auch nicht akzeptabel, Pflegekräfte zu ermuntern, mit anonymen Anzeigen vorzugehen. Wo leben wir denn? Immerhin in einem Rechtsstaat, der es ermöglichen muss, offen mit Menschenrechtsverletzungen umzugehen.

Dass das Kuratorium Deutsche Altershilfe mit erheblichen Bundesmitteln, genau 570.000 Euro, ein Internetforum einrichtet, um ggf. anonym Pflegeprobleme zu melden, ist ein öffentlicher Skandal. So wird mit Steuermitteln das Denunziatentum gefordert, ohne die wirklichen Probleme anzugehen und einer Lösung zuzuführen. - Wo bleibt eigentlich der Aufschrei der Berufsverbände?
Werner Schell ist seit 1.8.2008 Leiter / Ansprechparter bei:
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk vor
http://www.pro-pflege-selbsthilfnetzwerk.de

Service
phpBB God
Beiträge: 1831
Registriert: 14.09.2006, 07:10

"Whistleblower-Preis" an Brigitte Heinisch

Beitrag von Service » 19.03.2007, 11:16

"Whistleblower-Preis" an Brigitte Heinisch

Frau Brigitte Heinisch erhält am Freitag, dem 13. April 2007, 18.00 Uhr, in einer Festveranstaltung im Magnus-Haus (Am Kupfergraben 7) in Berlin-Mitte den gemeinsam von der "Vereinigung Deutscher Wissenschaftler" (VDW) und der Deutschen Sektion der "International Association of Lawyers Against Nuclear Arms" (IALANA) gestifteten diesjährige "Whistleblower-Preis".

Den "Whistleblower-Preis", der auch diesmal mit einem Preisgeld von 3.000 Euro verbunden ist, erhalten im Jahre 2007 gemeinsam
Frau Brigitte Heinisch (Berlin) für ihr Whistleblowing im Zusammenhang mit gravierenden Missständen im Bereich der stationären Pflege von alten und hilfebedürftigen Menschen
und
Frau PD Dr. Liv Bode (Berlin) für ihr Whistleblowing zu Misständen am "Robert-Koch-Institut" in Berlin im Zusammenhang mit der unzureichenden Untersuchung von Blutspenden, die im Verdacht einer Infizierung mit Borna-Viren standen/stehen.

Die bisherigen Preisträger waren (nähere Informationen dazu unter: http://www.vdw-ev.de ):
- 1999: Alexander Nikitin (St.Petersburg)
- 2001: Dr. Margrit Herbst (Bad Bramstedt/Schleswig-Holstein)
- 2003: Dr. Daniel Ellsberg (San Francisco)
- 2005: Prof. Ted Postol (Boston/USA) und Prof. Arpad Pusztai (Aberdeen/Budapest)

Quelle: Mitteilung von Herrn Dr. Dieter Deiseroth - im Namen aller Mitglieder des Auswahl-Komitees - vom 17.3.2007 (übermittelt am 19.3.2007, E-Mail: dieter.deiseroth@gmx.de

Antworten