Sechs Pflegerinnen an einem Tag verloren
Stuttgart, 22. Mai 2012: In deutschen Haushalten betreuen mehr als 100.000 Frauen aus Osteuropa ältere Menschen. In Rumänien kämpfen währenddessen viele Pflegeheime um Arbeitskräfte. Das Altenheim der rumänischen Diakonie in Hermannstadt/Sibiu verliert regelmäßig Arbeitskräfte an Träger in Westeuropa. „Ende letzten Jahres haben wir sechs Pflegerinnen an einem Tag verloren. Da weiß man nicht mehr weiter“, berichtet Ortrun Rhein, Leiterin des Pflegeheims.
Bei einem Besuch bei Partnern der württembergischen Diakonie hat sich der Diakoniechef Oberkirchenrat Dieter Kaufmann über die Situation in den Partnerländern informiert. Seitdem der Arbeitsmarkt der EU für Rumänien geöffnet wurde, suchen zahlreiche Rumänen Arbeit in Spanien, Italien oder Deutschland. Rund zwei der insgesamt rund 19 Millionen Rumänen arbeiten im Ausland, geschätzt sind es noch viel mehr. „Die Abwanderung der jungen Frauen und Männer hat schlimme Folgen für das rumänische Sozialsystem, insbesondere in der Pflege. Wir müssen uns dafür einsetzen, dass die Abwanderung, wo sie nicht verhindert werden kann, sozialverträglich gestaltet wird. In unserem Projekt FairCare versuchen wir dies“, so Diakoniechef Kaufmann.
"Uns geht eine wertvolle menschliche Substanz verloren, die gerade jetzt zur wirtschaftlichen und sozialgerechten Entwicklung des Landes nötig wäre", so der Bischof der evangelischen Kirche A.B. in Rumänien, Reinhart Guib. „Die Vernetzung mit anderen Sozial- und Diakoniepartnern ist uns sehr wichtig“. Er hofft, dem Fachkräftemangel durch einen regen Austausch mit deutschen Partnern im Bereich Ausbildung, Fortbildungen und Praktika entgegenzuwirken. Von der rumänischen Regierung fordert Bischof Guib, die soziale Verantwortung für die Menschen stärker in den Vordergrund zu stellen und strukturell und finanziell zu unterstützen.
Die Abwanderung der Menschen bringt Pflegeheime in Rumänien in eine schwierige Notlage. Da ihre Angehörigen in Westeuropa leben, sind hilfsbedürftige, alte Menschen allein zurückgeblieben und brauchen Unterstützung. „Über 100 Personen warten auf einen Platz in unserem Heim“, berichtet die Heimleiterin Rhein. Den Bedarf kann das Altenheim gemeinsam mit den zwei staatlichen Altenheimen in der Stadt im Zentrum Rumäniens bei weitem nicht decken. Rhein kämpft täglich darum, den Betrieb des Pflegeheims aufrecht zu erhalten. „Kaum sind unsere Pflegerinnen angelernt, gehen sie ins Ausland. Wenn wir sie zwei Jahre halten können, sind wir froh.“
Qualifizierte Pflegekräfte werden gezielt nach Deutschland, in die Schweiz und nach Norwegen abgeworben. „Heute organisiert wieder eine Agentur Vorstellungsgespräche in der Stadt. Es kann sein, dass ich schon Ende der Woche einige Mitarbeiterinnen weniger habe“. Die Folgen der Abwanderung junger Frauen und Männer für die Kinder wird in der Schülerhilfe und Sozialküche des orthodoxen Vereins Christiana in Cluj / Klausenburg spürbar. Dort kommen täglich viele Kinder hin, deren Eltern im Ausland arbeiten „Oft hängt der schulische Misserfolg der Kinder damit zusammen, dass die Eltern fehlen. Manche Kinder werden verhaltensauffällig oder depressiv,“ berichtet Pfarrer Claudiu Precup, Projektleiter.
Die meisten Frauen gehen ins Ausland, weil ihr Lohn nicht ausreicht, um ihre Familien zu ernähren oder weil sie aufgrund der Finanzkrise verschuldet sind und die Kredite nicht abbezahlen können. „Die Frauen, die zu uns kommen, sind verzweifelt. Wir kämpfen dafür, dass sie nicht zu Opfern von Arbeitsausbeutung werden“, sagt Elena Timofticiuc, Leiterin der Frauenrechtsabteilung der ökumenischen NGO AIDRom in Rumänien. In Westeuropa können die Frauen zwar oft das zwei- oder dreifache ihrer Löhne in Rumänien verdienen. Das Risiko, in irregulären Beschäftigungsverhältnissen ausgebeutet zu werden, ist jedoch vor allem für Frauen ohne Berufsausbildung groß. In den Frauenberatungsstellen von AIDRom, die durch die württembergische Hilfsaktion „Hoffnung für Osteuropa“ unterstützt werden, werden Frauen in der Migration über ihre Rechte aufgeklärt. Sie lernen, legale und faire Beschäftigungsverhältnisse von ausbeuterischen zu unterscheiden. Außerdem vermittelt AIDRom Frauen in Notsituationen Jobs in rumänischen Unternehmen oder Beschäftigungsmöglichkeit zu fairen Bedingungen in Deutschland im Projekt „FairCare“ der Diakonie Württemberg.
Quelle: Pressemitteilung Diakonisches Werk Württemberg
Heilbronner Str. 180, 70191 Stuttgart
Tel. (0711) 1656-0
http://www.diakonie-wuerttemberg.de/
Sechs Pflegerinnen an einem Tag verloren
Moderator: WernerSchell