Neue Leitlinie zur Behandlung älterer Patienten vorgestellt: „Das geriatrische Assessment muss verändert werden"

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Neue Leitlinie zur Behandlung älterer Patienten vorgestellt: „Das geriatrische Assessment muss verändert werden"

Beitrag von WernerSchell » 08.01.2020, 16:52

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Neue Leitlinie zur Behandlung älterer Patienten vorgestellt: „Das geriatrische Assessment muss verändert werden"

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Es gibt mittlerweile zahlreiche Methoden, mit denen die Probleme und noch erhaltenen Funktionen eines älteren Patienten bewertet werden. Bei diesem „Geriatrischen Assessment“ geht es in der ersten Stufe darum, ob es sich bei einer älteren Person überhaupt um einen Patienten mit Bedarf an geriatrischer Behandlung handelt. In einer zweiten Stufe kommen standardisierte Testverfahren unterschiedlicher diagnostischer Tiefe hinzu, teils als Befragung, teils als durchzuführende Aufgabe. Doch welche der zahlreichen Instrumente passen am besten zu einem bestimmten geriatrischen Patienten? Hier kann sich der Mediziner leicht überfordert fühlen.

Damit dies nicht passiert, hat eine Expertengruppe, die sich hauptsächlich aus Mitgliedern der Arbeitsgruppe Assessment der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) zusammensetzt, eine neue S1-Leitlinie „Geriatrisches Assessment der Stufe 2“ erarbeitet.

Diese wurde jetzt beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) in Frankfurt am Main vorgestellt. Im Interview spricht AG-Leiterin Dr. Sonja Krupp, wissenschaftliche Leiterin der Forschungsgruppe Geriatrie Lübeck am Krankenhaus Rotes Kreuz Lübeck Geriatriezentrum, über neue Erkenntnisse beim geriatrischen Assessment, die Forderung an Kostenträger und den Nutzen für Geriater bei der täglichen Arbeit.

Frau Dr. Krupp, warum ist eine Leitlinie zum Geriatrischen Assessment der Stufe 2 notwendig?

Die Leitlinie ist notwendig, weil nach Einführung des sogenannten Barthel-Index zum systematischen Erfassen der Selbstständigkeit und Pflegebedürftigkeit, dem Timed-Up-and-Go-Test, der Mini Mental State Examination und der Geriatrischen Depressionsskala mit 15 Ja-Nein-Fragen diverse weitere Instrumente verfügbar geworden sind, aber bei vielen Geriatern Unklarheit darüber besteht, bei welchen Patienten diese neueren Verfahren den früheren Klassikern überlegen sind. Ein neues Testverfahren am eigenen Hause einzuführen, will wohl überlegt sein, denn die Umstellungsphase wird immer als Mehrbelastung empfunden. Es darf aber nicht sein, dass die verständliche Überforderung von Kollegen – auch denen beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung –, die Vor- und Nachteile der nachrückenden Testgenerationen zu überblicken, zum Beharren auf dem Status von vor über einem Jahrzehnt führt. Eine noch längere Stagnation passt nicht zu einem innovativen Gebiet wie der Geriatrie.

Welche Faktoren standen im Fokus der Leitlinienarbeit?

Zunächst ging es um die Suche nach erfahrenen Kolleginnen und Kollegen, die trotz der meist maximalen beruflichen Anspannung sowohl Kraft als auch Lust aufbringen, mindestens ein Assessment-Instrument zu „adoptieren“ und im Kontext darzustellen. Dann mussten wir aufpassen, diesen neuen Werkzeugkoffer nicht so groß zu machen, dass die Komplettierung der Leitlinie immer wieder verschoben werden müsste. Es finden noch immer einige Instrumente keine Erwähnung, die bestimmten Kollegen zu Recht ans Herz und Hirn gewachsen sind. Nicht „drin“ zu sein, heißt nicht, überflüssig zu sein.

Was genau sind die Besonderheiten beim Geriatrischen Assessment der Stufe 2?

Diese Stufe enthält fast alle von klinisch tätigen Geriatern eingesetzten Assessment-Instrumente und bildet unter Einbezug der Anamneseerhebung, körperlichen Untersuchung und sonstiger Beobachtungen die Basis der Therapieplanung und -kontrolle. Die Identifikation als geriatrischer Patient ist bei Aufnahme in die Geriatrie in der Regel bereits erfolgt, ein Assessment der Stufe 1 also überflüssig. Ein Assessment der Stufe 3 ist nur punktuell erforderlich – und wird nur selten vom Geriater eigenhändig durchgeführt, sondern oft von beispielsweise Psychologen oder Logopäden.

Und wo liegen hier genau die aktuellen Herausforderungen?

In Deutschland wird zur Abrechnung medizinischer Leistungen ein Operationen- und Prozedurenschlüssel (OPS) herangezogen. Das korrekte Durchführen des Assessments der Stufe 2, auch als „geriatrisches Basisassessment“ bezeichnet, ist demgemäß eine der obligaten Voraussetzungen zur Kodierung der geriatrischen frührehabilitativen Komplexbehandlung. Ohne den daraus folgenden Erlös wäre das Vorhalten des im Team eng zusammenarbeitenden hoch spezialisierten Personals unterschiedlicher Professionen nicht finanzierbar. Wird auch nur in einem der vorgeschriebenen Bereiche das Assessment gemäß Interpretation des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen nicht ordnungsgemäß durchgeführt, so kann die Kodierung dieser Prozedur komplett wegfallen; das erscheint mir nicht verhältnismäßig – aber natürlich ist es mir ein Herzensanliegen, dass alles therapierelevante Assessment in einem sinnvollen zeitlichen Rahmen tatsächlich erfolgt. Geriater und der Medizinischer Dienst der Krankenkassen brauchen dringlich Kriterien dafür, wie das Assessment der Stufe 2 individueller und sinnvoller gestaltet werden kann. Dabei hilft die neue Leitlinie.

Welche neuen Erkenntnisse flossen in die Leitlinien-Arbeit ein?

Eine Erkenntnis ist, dass wir auch Bereiche erfassen sollten, die nicht für die oben angeführte OPS erforderlich sind, aber möglicherweise wichtig für unseren Patienten. Dazu gehören Schmerz, Ernährung, Handmotorik, Schläfrigkeit und Sucht. Sowohl die begrenzten zeitlichen Ressourcen auf Seiten des geriatrischen Teams, die mangelnde Belastbarkeit der Patienten und weitere Erkrankungen, die die Assessment-Ergebnisse möglicherweise verzerren, müssen bei der Zusammenstellung des optimalen „Assessment-Fahrplans“ berücksichtigt werden.

Auf welche wesentlichen Kernaussagen lässt sich die Leitlinie zusammenfassen?

Unsere Kernforderung an alle Geriater lautet: Betreiben Sie personalisierte Medizin nicht nur in der Wahl der Medikamente, sondern auch bei der Wahl des Assessments! Die Forderung an Kostenträger lautet: Würdigen Sie das bedarfsgerechte und individualisierte Assessment als eine Form der Qualitätssteigerung – zur besseren Versorgung Ihrer Versicherten!

Wie genau kann diese neue Leitlinie den Geriatern jetzt bei der täglichen Arbeit helfen?

Die Leitlinie enthält eine kurze Darstellung der Kerndaten zu den genannten Assessment-Instrumenten und praktische Tipps zu deren Anwendung. Klassische Fragen aus dem Arbeitsalltag sind: Welche kurzen Tests eignen sich, solitär eingesetzt, um Therapiebedarf in einem bestimmten Bereich auszuschließen, wenn die Anamnese und Befunde bzw. Beobachtungen damit konform gehen? Welche Tests könnten eingesetzt werden, wenn in einem Bereich bereits Hinweise auf Therapiebedarf bestehen? Wie beziehe ich, wenn ich es auf die Untersuchung eines Bereichs abgesehen habe, Funktionsdefizite in anderen Bereichen in meine Überlegungen zur Auswahl des geeignetsten Instrumentes ein? Bei diesen Fragen möchten wir Orientierung bieten. Hausintern können so Entscheidungswege für ein standardisiertes Vorgehen im interprofessionellen Team besser gestaltet werden. Das nimmt uns die Leitlinie nicht ab.

Welche Punkte des geriatrischen Assessments müssen mit den neuen Leitlinie-Erkenntnissen jetzt neu überdacht werden?

Das geriatrische Assessment muss nicht nur überdacht, sondern verändert werden: Das Überstülpen der gleichen Assessment-Schablone über alle geriatrischen Patienten passt in kein Setting! Ich hoffe, dass die neuen Assessment-Möglichkeiten stärker in die Teambesprechungen integriert werden. Das sollte dazu führen, dass das gesamte interprofessionell agierende Team die Ressourcen und Probleme der Patienten schneller kennenlernt und differenzierter darauf eingeht.

Welche Bilanz ziehen Sie persönlich nach der rund dreijährigen Zusammenarbeit mit der Leitlinien-Gruppe?

Ich bin sehr froh, dass unsere zielorientierte Zusammenarbeit nun eine öffentlich sichtbare Frucht getragen hat, von der jeder nehmen darf. Die meisten der 18 Mitglieder der Leitliniengruppe waren vorher bereits in der DGG-Arbeitsgruppe Assessment aktiv – und sind es weiterhin. Dort wurden auch wesentliche vorbereitende Arbeiten geleistet. Professor Jürgen Bauer hat im Februar 2017 als Präsident der DGG Dr. Helmut Frohnhofen, Abteilungsarzt für Altersmedizin der Klinik für Nephrologie, Altersmedizin und Innere Medizin am Alfried Krupp Krankenhaus in Essen, und mich um die Koordination der Leitliniengruppe gebeten. Die Zusammenarbeit klappte trotz des arbeitsbedingten Zeitmangels der Beteiligten insgesamt sehr gut. Positiv berührt hat mich die Bereitschaft bekannter Autoren, zugunsten dieser Gemeinschaftsproduktion Anpassungen ihrer Textpassagen vorzunehmen oder zuzulassen. Dafür bin ich sehr dankbar. Auch die Projekt-Unterstützung durch die Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie, die Österreichische Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie, die Schweizerische Fachgesellschaft für Geriatrie, die Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie sowie die Deutsche Schmerzgesellschaft haben der Leitlinie sehr gutgetan und werden sicherlich ihre breite Akzeptanz enorm stärken. Wir brauchen nun erst einmal Rückmeldungen aus der Anwendung der S1-Leitlinie – dann möchte ich damit beginnen, darauf aufbauend gemeinsam die Leitlinien-Leiter um eine weitere Sprosse zu erklimmen – die Konsensfindung wird jedoch sicher mehrere Jahre in Anspruch nehmen.

Pressekontakt der DGG
Torben Brinkema
medXmedia ConsultingKG
Nymphenburger Str. 19
80335 München
Tel: +49 (0)89 / 230 69 60 21
Fax: +49 (0)89 / 230 69 60 41
E-Mail: presse@dggeriatrie.de

Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG)
Die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) ist die wissenschaftliche Fachgesellschaft der Ärzte, die sich auf die Medizin der späten Lebensphase spezialisiert haben. Wichtige Schwerpunkte ihrer Arbeit sind unter anderem Bewegungseinschränkungen und Stürze, Demenz, Inkontinenz, Depressionen und Ernährungsfragen im Alter. Häufig befassen Geriater sich auch mit Fragen der Arzneimitteltherapie von alten Menschen und den Wechselwirkungen, die verschiedene Medikamente haben. Bei der Versorgung geht es darum, den alten Menschen ganzheitlich zu betreuen und ihm dabei zu helfen, so lange wie möglich selbstständig und selbstbestimmt zu leben. Die DGG wurde 1985 gegründet und hat heute rund 1.700 Mitglieder.

Weitere Informationen:
https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/084-002.html
https://www.dggeriatrie.de/presse/press ... n%E2%80%9C


Anhang attachment icon PM:
Neue Leitlinie zur Behandlung älterer Patienten vorgestellt: „Das geriatrische Assessment muss verändert werden“
>>> https://idw-online.de/de/attachment73051


Quelle: Pressemitteilung vom 18.09.2019
Torben Brinkema Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG)
https://idw-online.de/de/news723715

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Deutsches Ärzteblatt vom 27.11.2019:
Depressionen bei älteren Menschen unterschätzt
Berlin – Depressionen bei älteren Menschen werden nach einer Umfrage in Deutschland massiv unterschätzt. So glaubt eine große Mehrheit der Bevölkerung (83 Prozent), dass die Krankheit vor allem im jungen und mittleren Lebensalter auftritt, teilte die... [mehr] > http://170770.eu1.cleverreach.com//c/31 ... 975-q1l9cf
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk (Neuss)
https://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de/
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Versorgung und Betreuung von Bewohnerinnen und Bewohnern mit Depression in Altenpflegeheimen verbessern

Beitrag von WernerSchell » 22.01.2020, 07:49

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Versorgung und Betreuung von Bewohnerinnen und Bewohnern mit Depression in Altenpflegeheimen verbessern

HessIP entwickelt Supervisions- und Schulungskonzepte zur Qualifikation von Pflegefachpersonen und weiteren Berufsgruppen

Obwohl Depression nach den Demenzen die zweithäufigste psychische Erkrankung im Alter ist, gibt es bei der Versorgung der Betroffenen in Pflegeheimen große Defizite, insbesondere was die Psychotherapie angeht. Die Erkrankung wird zudem häufig nicht erkannt. Dementsprechend ist es Ziel des Projektes „Depression im Altenpflegeheim: Verbesserung der Behandlung durch ein gestuftes kollaboratives Versorgungsmodell“ (DAVOS), Depressionen bei Bewohnerinnen und Bewohnern in stationären Pflegeeinrichtungen frühzeitig zu erkennen und die medizinische, pflegerische und psychotherapeutische Behandlung zu verbessern. Durch das Hessische Institut für Pflegeforschung (HessIP) mit Sitz an der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) werden im Rahmen des Forschungsprojektes unter der Teilprojektleitung von Prof. Dr. Ulrike Schulze Schulungskonzepte zur Qualifikation von Pflegefachpersonen und weiteren Berufsgruppen auf Grundlage von Ergebnissen teilnehmender Beobachtungen entwickelt und formativ evaluiert, also stetig an die Bedürfnissen und Bedarfen der Schulungsteilnehmenden angepasst. Ziel ist es, die Bedürfnisse der Bewohner/-innen mit Depression im Rahmen der Betreuung stärker zu berücksichtigen und Pflegefachpersonen sowie Betreuer/-innen hinsichtlich dieser Erkrankung zu sensibilisieren. Das Projekt DAVOS wird seit April 2018 bis 2021 vom Innovationfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) gefördert und erfolgt in Zusammenarbeit mit der Goethe-Universität Frankfurt am Main sowie der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Die Konsortialführung obliegt der Goethe-Universität (Institut für Allgemeinmedizin). Die Initiatoren kooperieren mit zehn Pflegeeinrichtungen zweier Träger im Frankfurter Raum (Frankfurter Verband und Agaplesion Markus Diakonie).

Das HessIP hat die teilnehmenden Beobachtungen im ersten Projektjahr in vier Altenpflegeeinrichtungen durchgeführt, indem insbesondere Pflegende bei ihrer Arbeit begleitet wurden. Hierbei konnten umfangreiche Einblicke in die Tagesstruktur der Pflegenden, Betreuer/-innen und Bewohner/-innen gewonnen werden. Die Ergebnisse der teilnehmenden Beobachtung zeigen, dass sich die Pflegenden im Rahmen ihrer Tätigkeit in einem Spannungsverhältnis zwischen Anforderungen der Einrichtung und den Erwartungen der Bewohner/-innen bewegen. Um diesen teils widersprüchlichen Erwartungen und Anforderungen zu begegnen, entwickeln die Pflegenden in ihrem beruflichen Alltag individuelle Strategien. So zeigte sich beispielsweise, dass es sich auf das Team entlastend auswirken kann, wenn die an den Bewohner/-innen orientierte Aufgabenverteilung gemeinsam priorisiert wird. Dies fördert eine begleitende Teamkultur und die Pflegenden fühlen sich nicht als Einzelkämpfer/-innen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist es – im Sinne der Selbstfürsorge – einen Rückzugsort bzw. Räume zu schaffen, die individuell vom Team gestaltet sind. Dort ist der Ort um inne zu halten oder sich im Team auszutauschen, denn bei steigendem Druck wird das kurze Durchatmen oder das Gespräch mit den Kolleginnen und Kollegen als Ausgleich empfunden.


Auf Basis der Erkenntnisse der teilnehmenden Beobachtung wurden unterschiedliche Spannungsverhältnisse ermittelt, die sowohl aus der Perspektive der Bewohner/-innen mit Depression als auch der Pflegenden relevant sind. Diese werden nun im Rahmen der Qualifizierungsmodule aufgegriffen und mögliche Lösungswege gemeinsam erarbeitet.

Beispielsweise stellt der Einzug in die stationäre Pflegeeinrichtung ein einschneidendes Erlebnis für die Bewohner/-innen dar. Es werden persönliche Gegenstände wie Möbel und Bilder zurückgelassen sowie individuelle Gewohnheiten zugunsten einer pflegerischen Versorgung aufgegeben. Der entstehende Zwiespalt wurde im Projekt durch die Gegenpole „Öffentlichkeit und Privatheit“ als Spannungsbogen abgebildet und unter dem Aspekt, eine vertraute Umgebung schaffen und ein Stück Heimat erhalten zu wollen, den Mitarbeitenden vorgestellt und von ihnen eingeschätzt, welche Möglichkeiten sich hierfür bieten. Aus Sicht der Mitarbeitenden können dies bereits kleine Aufmerksamkeiten im pflegerischen Alltag sein: Wahrung der Privatsphäre durch das Anklopfen und Warten an den Zimmertüren der Bewohner/-innen, Gespräche über die Vergangenheit, Biographiearbeit, Berücksichtigung individueller Wünsche oder die Gestaltung von Gemeinschaftsräumen und persönliche Einrichtungsgegenstände in den Zimmern der Bewohner/-innen. „Die rege Diskussion mit den Berufsgruppen verdeutlichte, dass vonseiten der Mitarbeitenden ein großes Interesse an einem Austausch zu dem Thema ,Depression im Altenpflegeheim‘ besteht“, betont Prof. Dr. Ulrike Schulze, Professorin für Pflegewissenschaft/Klinische Pflege an der Frankfurt UAS und Leiterin des HessIP. „Die Spannungsbögen ermöglichen eine kritische Reflexion und einen berufsübergreifenden Erfahrungsaustausch mit Lösungsorientierung und sensibilisieren gleichzeitig für die Bedürfnisse der Bewohner/-innen mit Depression“, resümiert Schulze. Im Rahmen der Diskussionen wurde zudem deutlich, welcher Handlungsspielraum im pflegerischen Alltag den Pflegenden trotz Vorgaben der Einrichtung zur Verfügung steht und wie dieser im Hinblick auf eine bedürfnisorientierte Pflege gestaltet werden kann. So wurde an einem vorgetragenen Fallbeispiel deutlich, wie die Zeit, in der pflegerische Tätigkeiten stattfinden, trotz Zeitmangel intensiv genutzt und ausgeschöpft werden kann, um Gespräche zu führen und Anliegen der Bewohner/-innen aufzugreifen. Hierbei nimmt auch die berufsgruppenübergreifende, sich ergänzende Zusammenarbeit einen wichtigen Stellenwert ein. Wie diese gelingen kann wurde ebenfalls thematisiert und diskutiert.

Die vorläufige Konzeption der Schulungseinheiten wird im Herbst 2020 inklusive der Durchführung erster Pilot-Schulungen abgeschlossen sein. Besonderheit des Vorgehens ist es somit, dass die Schulungseinheiten im engen Austausch mit der Praxis entwickelt werden, sodass Anregungen und Wünsche der Pflegendenden und Betreuer/-innen, fortlaufend aufgegriffen werden können und bestimmte fachliche Themen oder Übungs- und Arbeitsformen in das Schulungskonzept einfließen können. Mögliche Informationsbedarfe der Mitarbeitenden beispielsweise Verhaltensweisen und Haltungen in schwierigen Gesprächen oder in der Gesprächsführung, werden durch das HessIP kontinuierlich aufgegriffen, didaktisch aufbereitet und im Rahmen der Schulungen vermittelt. Das partizipative Vorgehen stellt sicher, dass die Inhalte auch langfristig in den Altenpflegeeinrichtungen umsetzbar sind und die Berufsgruppen hinsichtlich der Betreuung von Menschen mit Depression unterstützt werden. Ziel wird es sein, den Mitarbeitenden einen Raum zu bieten, um sich über ihren Berufsalltag in Bezug auf die Betreuung von Menschen mit Depression auszutauschen und diesbezüglich Lösungsmöglichkeiten für mögliche Herausforderungen zu entwickeln. „Insbesondere der berufsgruppen- und einrichtungsübergreifende Rahmen kann durch das Einbringen der unterschiedlichen Perspektiven auf Problemstellungen förderlich sein“, so Lisa Luft, wissenschaftliche Mitarbeiterin des HessIP. „Zum Beispiel im Umgang und der bestmöglichen Auslastung der zur Verfügung stehenden Zeit für die einzelnen Bewohner/-innen können die Mitarbeitenden im Austausch voneinander lernen und im Berufsalltag profitieren. Darüber hinaus wurde im Rahmen des Austauschs häufig herausgearbeitet, wie sich die Berufsgruppen im Alltag gut ergänzen können, was gleichzeitig zu einer gegenseitigen Anerkennung von Expertise führte“, ergänzt Katja Kraus, ebenfalls wissenschaftliche Mitarbeiterin im HessIP.

Ein zentraler Schwerpunkt des Projektes ist es, den Bewohnerinnen und Bewohnern mit Depression Zugang zu Psychotherapie zu ermöglichen. Dazu werden ausgewählte Pflegefachpersonen und/oder Betreuer/-innen aus den zehn kooperierenden Altenpflegeheimen als Case-Manager/-innen geschult, um eine entsprechende Versorgung im interprofessionellen Kontext sicherzustellen. Im Rahmen dieses Versorgungskonzepts wird beispielsweise ein Instrument zur Einschätzung möglicher Symptome einer Depression im Alter angewendet und es werden Gruppen zur Verbesserung des Wohlbefindens für die Bewohner/-innen angeboten. Um die Mitarbeitenden bei der Umsetzung ihrer neuen Aufgaben und ihrer neuen Rolle sowie bei der Einführung der neuen Versorgungsformen kontinuierlich zu unterstützen, wurde durch das HessIP ein Supervisionskonzept entwickelt und Supervisionen durchgeführt. „Die Supervision schafft durch unterschiedliche Übungen und Arbeit mit Fallbeispielen Raum für soziales Lernen und fördert Handlungssicherheit im beruflichen Alltag. Bei Bedarf sind ergänzende Einzelsupervisionen vorgesehen“, so Schulze.

„Zwischen dem, was in Form evidenzbasierter und konsentierter Empfehlungen in medizinischen Leitlinien niedergelegt ist, und dem, was in der Praxis am Ende davon ankommt, klafft manchmal eine große Lücke. De facto findet eine Therapie der Depression im Pflegeheim so gut wie gar nicht statt“, erläutert Prof. Dr. med. Johannes Pantel, Leitung Arbeitsbereich Altersmedizin am Institut für Allgemeinmedizin der Goethe-Uni und Konsortialführer von DAVOS. „Mit dem Projekt DAVOS wollen wir einen praxisnahen Weg aufzeigen, um diesen Missstand in Zukunft abzumildern“, so Pantel weiter.

Die Zwischenergebnisse des Projekts DAVOS wurden im Rahmen von Vorträgen auf dem Kongress Lernwelten in Klagenfurt sowie dem 5. Internationalen Kongress New Generation – ADVANCED PRACTICE NURSE 2.0 präsentiert und der Fachöffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

HessIP
Das Hessische Institut für Pflegeforschung (HessIP) wurde 2001 von drei hessischen Hochschulen mit Pflegestudiengängen, der Evangelischen Hochschule Darmstadt, der Fachhochschule Frankfurt am Main –heute Frankfurt University of Applied Sciences – und der Hochschule Fulda mit Geschäftsstelle in Frankfurt gegründet. Neben Erforschung pflegewissenschaftlicher Fragestellungen und deren Umsetzung in die Praxis, ist die Vernetzung von Forschung und Lehre ein weiteres Hauptaufgabengebiet des Instituts. Studierende der drei Hochschulen und darüber hinaus aus der gesamten Bundesrepublik sowie aus dem europäischen Ausland nutzen die Möglichkeit des Praktikums im HessIP. Das HessIP ist mit einer Vielzahl an innovativen, pflegewissenschaftlichen Projekten eine der wichtigsten Anlaufstellen für Pflegeforschung in Hessen.
Weitere Informationen zum HessIP unter: http://www.hessip.de

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Frankfurt University of Applied Sciences, Fachbereich 4: Soziale Arbeit und Gesundheit, Prof. Dr. Ulrike Schulze, Telefon: 069/1533-2845, E-Mail: uschulze@fb4.fra-uas.de; Hessisches Institut für Pflegeforschung (HessIP), 069/1533-3245, buero@hessip.de

Quelle: Pressemitteilung vom 08.01.2020
Sarah Blaß Kommunikation und Veranstaltungsmanagement
Frankfurt University of Applied Sciences
https://idw-online.de/de/news729633
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk (Neuss)
https://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de/
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