Pflegeversicherung - Reform in Richtung Privatisierung ?

Gesundheitswesen, Krankenhaus- und Heimwesen, Katastrophenschutz, Rettungsdienst, Arzneimittel- und Lebensmittelwesen, Infektionsschutzrecht, Sozialrecht (z.B. Krankenversicherung, Pflegeversicherung) einschl. Sozialhilfe und private Versorgung

Moderator: WernerSchell

G. Fröhlich- Rockmann
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Deutschland ein Wintermärchen

Beitrag von G. Fröhlich- Rockmann » 23.10.2009, 22:13

Heinrich Heine 1844

" Im traurigen Monat November war's,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber.

Und als ich an die Grenze kam,
Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen
In meiner Brust, ich glaube sogar
Die Augen begunnen zu tropfen.

Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
Da ward mir seltsam zumute;
Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
Recht angenehm verblute.

Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.

Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.

Sie sang vom irdischen Jammertal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew'gen Wonnen.

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

Und wachsen uns Flügel nach dem Tod,
So wollen wir euch besuchen
Dort oben, und wir, wir essen mit euch
Die seligsten Torten und Kuchen.

Ein neues Lied, ein besseres Lied!
Es klingt wie Flöten und Geigen!
Das Miserere ist vorbei,
Die Sterbeglocken schweigen.

Die Jungfer Europa ist verlobt
Mit dem schönen Geniusse
Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,
Sie schwelgen im ersten Kusse.

Und fehlt der Pfaffensegen dabei,
Die Ehe wird gültig nicht minder -
Es lebe Bräutigam und Braut,
Und ihre zukünftigen Kinder!

Ein Hochzeitkarmen ist mein Lied,
Das bessere, das neue!
In meiner Seele gehen auf
Die Sterne der höchsten Weihe -

Begeisterte Sterne, sie lodern wild,
Zerfließen in Flammenbächen -
Ich fühle mich wunderbar erstarkt,
Ich könnte Eichen zerbrechen!

Seit ich auf deutsche Erde trat,
Durchströmen mich Zaubersäfte -
Der Riese hat wieder die Mutter berührt,
Und es wuchsen ihm neu die Kräfte."
Es ist der Mensch und nicht die Krankheit

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Beitrag von Care Manager » 24.10.2009, 06:41

G. Fröhlich- Rockmann hat geschrieben:Wo sind wir blos hin gekommen????
Wir sind an die Kreuzung gekommen, wo wir entscheiden müssen ob wir nur noch in Klischees denken, allgemeine Appelle machen, alles moralisieren oder emotionalisieren, oder ob wir uns von solche beschränkte Denkstrukturen befreien und uns die Realität stellen.
Nun wie ich den heutigen Nachrichten entnehmen kann verabschiedet man sich in Deutschland von der Sozialversicherung sowohl im Bereich Krankenversicherung als auch der Pflegeversicherung wird in die private Verantwortung gegeben um Zwei- und Dreiklassensysteme auf- bzw. auszubauen.
Daran ist das Dreiklassensystem im Kopf, nicht die politische Umsetzung, schuld. Alle Menschen sind konditioniert zu funktionieren, und wir stufen die Menschen in „erfolgreich“, „mäßig erfolgreich“ und „erfolglos“, wobei die Begriffe durchaus mit krassen Beispielen von Bewunderung bzw. Verachtung ersetzt werden können. Wir alle haben Menschen im Sinn, denen wir ihr Erfolg gönnen, und andere nicht, genau wie wir Menschen ohne Erfolg mal Verständnis oder Verachtung entgegenbringen. Diejenigen, die mäßig Erfolg haben sind mal „graue Mäuse“ oder „sicherheitsbedacht“. So Inkonsequent denken wir über Menschen.
Von daher macht es wohl wenig Sinn solche Diskussionen fort zu führen, da künftig der Inhalt von Geldbörse und Kontenstand über Gesundheit und Pflegezustand entscheiden werden.
Sie verweigern der Diskussion aber aus anderen Gründen. Es ist einfacher andere die Schuld zu geben und herummeckern, anstatt den Grips anzustrengen und neue Wege zu finden aus dem Knäuel von Verstrickungen in dem wir stecken. Daran haben Sie genauso Schuld wie wir alle. Die „Unterlassungssünden“ sind die Folgen unseres Verhaltens, die am längsten nachhallen. Die Abhängigkeit von akademischen Lösungen, die gesetzlich untermauert werden, bremst jegliche Innovation und die moralischen Vorurteile, die wir jeweils im Kopf haben, sind wie Zucker in Benzin oder Sand im Getriebe.

Ihre polemischen Bemerkungen über der „3. Welt“ zeigt, dass Sie noch nicht begriffen haben, dass es nur eine Welt gibt und dass alle Menschen alt und pflegebedürftige Mitmenschen bei sich haben. Wie kommen andere damit zurecht? Ist unsere bisherige Lösung die einzige Lösung? Wohl kaum! Offensichtlich gibt es verschieden „Coping-Modelle“, in der die Pflegebedürftigen ihre Würde behalten, doch ist es perfekt? Was ist das: Perfekt?
Ich nehme stark an, dass der Vergleich mit den Hotels schneller zutreffen wird als erwartet. In der Großstadt in der ich lebe sind die an jeder Ecke befindlichen Hotels kaum ausgebucht und ich denke mal das Eine oder Andere kann dann zu Armenhäusern umfunktioniert werden....
Sie mögen Recht behalten, wenn man nur noch herumsitzt und meckert. Wenn wir aber aktiv an Innovation teilnehmen und unsere Sturheit überwinden können, dann haben wir vielleicht 2030 eine einigermaßen adäquate Antwort gefunden.
Vielleicht hilft die Eine oder Andere arbeitslose Pflegekraft ja dann dort aus und dokumentieren muss man da wohl nicht viel.
Das ist vielleicht gar nicht so weit von einer Lösung entfernt, wie Sie denken. Wenn ich umsehe, wäre der Synergie-Effekte einer solchen Interessensgemeinschaft vielleicht eine sinnvolle Schritt in der richtige Richtung – nur, wer Pflegekraft ist und arbeitslos, der wird noch so unterstützt, dass er keine Not spürt und deswegen keinen Drang verspürt, selbst aktiv zu werden.
Die andere Lösung ist gefunden und lautet: "Seht zu wie ihr klar kommt!"
Leider ist diese Aussage schlicht und einfach populistische Lüge einer gescheiterten Gruppe. Wenn man jahrelang für ein längst bekanntes Problem keine Lösung findet, dann sollte man sich fragen, ob er an die richtige Stelle sucht.

Take Care
Zuletzt geändert von Care Manager am 24.10.2009, 07:03, insgesamt 1-mal geändert.
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Pflege braucht nicht mehr Geld ....

Beitrag von Presse » 24.10.2009, 06:56

Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung:
Koalitionsvertrag ist kein großer Wurf für die Gesundheitspolitik - Pflege braucht nicht mehr Geld, sondern zukunftsfähige Lösungen

Berlin. "Leider wurde eine große Chance vertan", kommentiert Eugen Brysch, Geschäftsführender Vorstand der Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung, die Ergebnisse der Koalitionsverhandlungen in Fragen zukünftiger Gesundheits- und Pflegepolitik. Die Idee der Einführung einer obligatorischen Zusatzversicherung für die Pflegeversicherung ist genau das Gegenteil des erhofften Neuanfangs. Vielmehr wird das alte System eines unverbundenen Nebeneinanders von Krankenkasse und Pflegekasse weiter zementiert. "Kosten werden also auch zukünftig hin und her geschoben und das meistens zu Lasten der Betroffenen. Gerade in den letzten 12 Monate des Lebens, also in der Zeit, in der das Gesundheitssystem am meisten für den Versicherten aufwendet, kommt zu wenig an für die Begleitung und Pflege der Betroffenen. Der Drehtüreffekt ist offenkundig. Zwischen zuhause, Pflegheim und Krankenhaus wird der Patient hin und her gespielt. Dabei wird viel Geld verdient, aber der Patient hat nichts davon. Nicht mehr Heilungstherapie muss finanziert werden, sondern mehr Begleitungstherapie", so Brysch.

Politik hat nach Angaben der Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung die Aufgabe, den Schwächsten beizustehen. Dafür müssen Prioritäten gesetzt, das Nebeneinander von Kranken- und Pflegekasse aufgelöst und stattdessen mehr medizinisches Know-how in die Pflege eingebunden werden. Brysch stellt klar: "Bei 245 Milliarden Euro, die jährlich im Gesundheitssystem ausgegeben werden, brauchen wir nicht mehr Geld im System, sondern ein tragfähiges Zukunftssystem mit Prioritäten für die Pflege. Die Politik hat sich aber nicht getraut, in das Haifischbecken der Gesundheitslobby einzutauchen, um soziale Regeln aufzustellen", bemängelt Brysch.

Hintergrund
Die gemeinnützige und unabhängige Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung ist die Sprecherin der Schwerstkranken und Sterbenden. Sie finanziert sich ausschließlich aus Spenden und Beiträgen von über 55.000 Mitgliedern und Förderern.

Quelle: Pressemitteilung vom 23.10.2009
Bei Rückfragen und Interview-Wünschen:
Stephan von der Trenck: Tel.: 030/ 2 84 44 84 0 trenck@hospize.de
http://www.hospize.de

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Re: ... reformieren und Personalnotstände überwinden

Beitrag von PflegeCologne » 24.10.2009, 07:17

ProPflege hat geschrieben: ...... Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk hält es für dringlich, die Pflegeversicherung mit Rücksicht auf die demografische Entwicklung und das Anwachsen der Gruppe von Menschen mit dementiellen Erkrankungen grundlegend zu reformieren. Eine Neuordnung des Pflegebedürftigkeitsbegriffes und die Behebung der grafierenden Personalnotstände in den Pflegeeinrichtungen erscheinen zwingend geboten. Dabei sollten endlich bundesweit geltende Personalbemessungssysteme vorgesehen werden, die eine seriöse Berechnung der Personalerfordernisse sicherstellen.
Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk meint: Die allseits geforderte Anhebung der Pflegequalität ist weder allein durch Schulnoten noch durch mehr Transparenz umsetzbar. Zuwendung und Überwindung der Minutenpflege erfordert deutlich mehr Pflegefachpersonal. ....
Guten Morgen,

die bisherigen Erklärungen zur Neuordnung der Finanzierung betr. Pflegebedürftigkeit sorgen momentan für Diskussionsstoff. Zahlreiche Statements befassen sich allein mit den Anmerkungen dazu, dass die Solidarität in Gefahr zu sein scheint. Es läuft ja fast auf einen Überbietungswettbewerb hinaus, wer denn die sozial denkendste Institution ist.
Fast nichts hört man aber von der gebotenen inhaltlichen Neuausrichtung der Pflegeversicherung.
Ich halte es daher mit Pro Pflege .... für notwendig, gerade auch jetzt die notwendigen strukturellen Korrekturen anzumahnen. In diesem Punkt muss mehr "Druck" gemacht werden. Insoweit müssen sich die Politiker outen.
Die Frage der Finanzierung ist für mich erst in zweiter Linie bedeutsam. Finanzierungsfragen gehören in einen breiteren politischen Ordnungsrahmen und müssen in das Gesamtgefüge passen. Tatsache ist, dass wir uns in den verschiedenen Sozialsystemen in den letzten Jahrzehnten "kräftig verhoben" haben und eine Neuausrichtung, die im Ergebnis natürlich sozialverträglich sein mjuss, unausweichlich ist.

MfG
Pflege Cologne
Alzheimer - eine Krankheit, die mehr Aufmerksamkeit erfordert! - Pflegesystem muss dem angepasst werden, auch, wenn es teurer wird! - Ich bin dabei:
http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de

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Beitrag von G. Fröhlich- Rockmann » 24.10.2009, 10:50

nochmal zu Take Care:

Bitte nehmen Sie doch zur Kenntnis, dass ich hier nicht rum sitze und meckere, sondern seit 5 Jahren selbst an 24 Stunden des Tages, 7 Tage die Woche, an jedem Wochenende und Feiertag für den Grundsicherungsbetrag eines Hartz IV Empfängers einen schwerstpflegebdürftigen, schwerstbehinderten Menschen selbst pflege.

Damit spare ich ihrem so beschissenen System ca. 2.500 € monatlich.

Das ist nichts besonderes weil es ca 670.000 Andere (und das werden nach jüngsten Entwicklungen dann wesentlich mehr werden) auch tun.

Leider haben heute und auch 2030 nicht jeder Pflegebedürftige solche Bekloppten an ihrer Seite, wobei ich nur für Jeden hoffen und wünschen kann solche zu finden.

Ihre Denkstrukuturen sind sehr tunnelhaft, sonst ginge Ihnen auf, dass bei gleichzeitiger Einführung einer 3 Klassenmedizin in der Gesundheitsfürsorge die Zahl derer die 2030 zu pflegen sein werden weit höher liegen wird als heute angenommen.

In 2030 wird man dann feststellen das man sich ein bischen verrechnet hat weil man den Blödsinn den man heute veranstaltet nicht berücksichtigt hat.

Die gleiche politische Gruppierung die heute reformiert hat vor 15 Jahren das Pflegekassengesetz eingeführt. Vor den Ergebnissen stehen wir heute und weshalb sollte plötzlich dann heute der Stein des Weisen gefunden worden sein ?

Was Sie meinen über mich zu wissen ist einfach nur lächerlich und wer mich kennt und weiß was ich tue wird des bestätigen.

Ihre oberlehrerhafte Bevormundung könnte sicherlich aus der täglichen Einübung im Umgang mit Pflegebedürftigen herrühren?

Es gab und gibt in Deutschland keine tatsächlich menschenwürdige Lösung die diesen Namen verdient! Auch Sie werden das noch ganz praktisch zu spüren bekommen und jede noch so freundliche Lösung wird wohl nicht durch einen Koalitionsvertrag tatsächlich in die Realität umgesetzt werden können, es sei denn die Demokratie in Deutschland wurde auch gleich noch mit abgeschafft.
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Beitrag von G. Fröhlich- Rockmann » 24.10.2009, 11:34

Ich denke dass ein Pflegesystem das sich vorwiegend an Kosten und Geldbeträgen orientiert nicht tatsächlich sinnvolle Veränderungen bringen kann.

Eine Orientierung an tatsächliche Hilfebedarfe (nicht nur an körperlich orientierten Hilfebedarfe) und die Möglichkeit Leistungen tatsächlich am Bedarf erbringen zu können würde sehr viel sinnvolles in Bewegung setzen!

Deutschland hat sehr gute und fachlich hoch qualifizierte Arbeitskräfte, auch in diesem Bereich sind wir international sicherlich nicht schlecht. Auf Sie sollte man hören und ihre Erfahrung nutzen wenn man denn sinnvoll was ändern will.

Was man hört aus der Koalitionsrunde ist orientiert an der Wirtschaft und nicht am Menschen. Möge man irgendwann zu der Einsicht kommen das ohne Menschen keine blühende Wirtschaft zu Stande kommen kann!

In dem Sinne unterstütze ich jede Stimme die sich tatsächlich am hilfebedürftigen Menschen (egal in welcher Phase des Lebens) orientiert!
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Beitrag von Care Manager » 24.10.2009, 11:49

Hallo Pflege Cologne,
Guten Morgen,

die bisherigen Erklärungen zur Neuordnung der Finanzierung betr. Pflegebedürftigkeit sorgen momentan für Diskussionsstoff. Zahlreiche Statements befassen sich allein mit den Anmerkungen dazu, dass die Solidarität in Gefahr zu sein scheint. Es läuft ja fast auf einen Überbietungswettbewerb hinaus, wer denn die sozial denkendste Institution ist.
Fast nichts hört man aber von der gebotenen inhaltlichen Neuausrichtung der Pflegeversicherung.
Ich halte es daher mit Pro Pflege .... für notwendig, gerade auch jetzt die notwendigen strukturellen Korrekturen anzumahnen. In diesem Punkt muss mehr "Druck" gemacht werden. Insoweit müssen sich die Politiker outen.
Ich stimme Ihnen zu, doch bei wem muss Druck entstehen? Die Politiker sind unfähig und die Wohlfahrtsverbände waren in der Vergangenheit unwillig die Pflegeversicherung auf vernünftige Weise auszurichten. Leider scheint mir eine Haltung nach „mein Hemd ist mir näher als der Rock“ großem Anklang zu finden. Der Weg in dem Individualismus schwächt unsere soziale Kohärenz und macht uns alle weniger verbindlich. Die sozialen Netze der Vergangenheit, die manches aufgefangen haben, auch wenn sie nicht optimiert waren, fehlen heute.

Die Pflegeversicherung kann nicht die Kosten von flächendeckende Pflegeinstitutionen decken, sondern es muss eine stärkere Bewegung zu Wohn- und Pflegegemeinschaften kommen, die eher in dem ambulanten Bereich anzusiedeln wären, als in der stationäre, doch die mehr leisten als die bisherige ambulante Wohngemeinschaften. Dieses setzt Räume und Personal voraus, die auch Palliativpflege leisten können, wenn auch der Schwerpunkt nicht dort liegt, sondern bei der begleitenden Kompensation bei gesundheitlichen Problemen.

Das Ziel wäre, eine Wohnsituation zu schaffen, indem sowohl Pflegebedürftige als auch Personal Bewohner sind. Die Frage ist, welche Grundlage hat eine solche Gemeinschaft? Es kann eine Interessensgemeinschaft sein, ob mit politische, religiöse oder kulturelle Hintergrund; es kann eine familiäre Gemeinschaft sein oder auf tiefe Freundschaften basieren. Wichtig ist, dass es eine verbindliche Lösung ist, die auch Schule macht und weitere Teilnehmer findet. In der Vergangenheit haben nicht selten religiöse Orden die Verantwortung für solche Aufgaben übernommen, weil sie ihre Aufgabe als Ausdruck ihres Bekenntnisses angesehen haben. Heute könnten wir diese Art Hingabe immer noch gebrauchen.
Die Frage der Finanzierung ist für mich erst in zweiter Linie bedeutsam. Finanzierungsfragen gehören in einen breiteren politischen Ordnungsrahmen und müssen in das Gesamtgefüge passen. Tatsache ist, dass wir uns in den verschiedenen Sozialsystemen in den letzten Jahrzehnten "kräftig verhoben" haben und eine Neuausrichtung, die im Ergebnis natürlich sozialverträglich sein mjuss, unausweichlich ist.
Leider ist es so, dass die Finanzierung sich nicht in der zweite Reihe schieben lässt, denn geeignete Räumen, der Lebensunterhalt der Pflegenden, sowie die materielle Erfüllung der gesetzlichen Vorgaben müssen gesichert sein, wenn neue Konzepte gefunden werden sollen.

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Beitrag von thorstein » 24.10.2009, 12:09

Sehr geehrter Care-manager,

es würde mich ernsthaft interessieren, welches gesellschaftliche Modell ihrer Argumentation zugrundeliegt. Dass wir angesichts einer globalen Krise unsere Ansprüche zurückschrauben müssen, würde ich sogar unterstützen. Was dies aber mit den grundgesetzlich verankerten Ansprüchen Pflegebedürftiger zu tun hat, erhellt sich mir nicht.
Synergieeffekte von Interessengemeinschaften setzen ein echtes Interesse voraus. Ich hoffe, sie verwechseln hier nicht Interesse mit Zwang. Interesse, dass aus einer Not heraus entsteht oder sogar gezielt erzeugt werden soll, ist meiner Überzeugung nach keine Lösung.

Ob eine Gesellschaft funktioniert beurteile ich immer noch danach, wie sie mit den Schwächsten umgeht. Ich bin auch Altenpfleger und verdiene mir keine goldenen Nase, trotzdem würde ich mit keinen Harz4-Empfänger tauschen wollen. Ich verspüre also keinen Drang, meine Aktivitäten einzustellen.

Grüße

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Beitrag von G. Fröhlich- Rockmann » 24.10.2009, 12:17

7 von 10 Pflegebedürftigen leben heute bereits ins solchen Gemeinschaften und werden dort erfolgreich in hoher Qualität gepflegt und das schon seit Jahren ohne kluge Sprüche von Leuten die heute das erfinden wollen was seit Jahren erfolgreich läuft.

Das Erfolgsgehimnis war dabei die Leute die ein System das es nicht schafft 3 von 10 Leuten menschenwürdig zu pflegen ans Ende zu bringen vor der Wohnungstür zu lassen und es tut jeder gut daran es weiter so zu handhaben!

Von hier aus stehender Beifall für "thorstein", wobei eine Anmerkung erlaubt sei: Zahlreiche Hartz IV - Empfänger pflegen zu Hause und leisten schon eine Arbeit die aber in Deutschland eben als solche nicht anerkannt ist. Hier wird die Chance vertan 670.000 Arbeitsplätze zu schaffen und somit 670.000 Beitragszahler in die Sozialsysteme zu holen.
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Beitrag von Care Manager » 24.10.2009, 12:24

G. Fröhlich- Rockmann hat geschrieben:Bitte nehmen Sie doch zur Kenntnis, dass ich hier nicht rum sitze und meckere, sondern seit 5 Jahren selbst an 24 Stunden des Tages, 7 Tage die Woche, an jedem Wochenende und Feiertag für den Grundsicherungsbetrag eines Hartz IV Empfängers einen schwerstpflegebdürftigen, schwerstbehinderten Menschen selbst pflege.
Respekt, doch der Wut im Bauch wird die Aufgabe nicht leichter machen. Es sind viele Faktoren, die wir hier nicht ausbreiten können, die zu Ihrer Situation beigetragen haben. Wir können aber es nicht zum Prinzip machen, dass irgendwelche Politiker in Bereichen, in die sie sich nicht auskennen, Lösungen finden sollen. Die Gesellschaft muss eigene Ideen entwickeln, Strukturen schaffen, Stiftungen gründen und Aufgaben übernehmen, sonst werden wir nur noch von irgendwelche Funktionäre verwaltet und bekommen gesagt was geht und nicht geht. Die Liberaler Weg ist der Weg aus der Abhängigkeit von irgendwelchen Behörden-Bonzen, die alles nur nach Schema-F umsetzen.
Leider haben heute und auch 2030 nicht jeder Pflegebedürftige solche Bekloppten an ihrer Seite, wobei ich nur für Jeden hoffen und wünschen kann solche zu finden.
Solange sogar Sie sich selbst als einen „Bekloppten“ bezeichnen, werden die restlichen Menschen in unsere Gesellschaft, die Sie unterstützen könnten, nicht so „bekloppt“ sein wollen. Diese Haltung ist es, was uns zerbricht. Ihren Dienst an einen Hilfebedürftigen Menschen ist hoch zu schätzen, und nicht abschätzig zu werten.
Die gleiche politische Gruppierung die heute reformiert hat vor 15 Jahren das Pflegekassengesetz eingeführt. Vor den Ergebnissen stehen wir heute und weshalb sollte plötzlich dann heute der Stein des Weisen gefunden worden sein ?
Ich stehe ebenso kritisch gegenüber die Pflegeversicherung, und es wurde gelogen, als es eingeführt wurde – sowie (von den gleichen Leuten) gelogen wurde über die Renten. Nur, was die Pflege tatsächlich kostet haben die Wohlfahrtsverbänden gegenüber den Arbeitskommissionen nicht sagen wollen (oder können). Das heißt, sie haben ins Blaue hinein geplant. Das Ergebnis ist wie wir es vorfinden.

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Beitrag von Care Manager » 24.10.2009, 13:00

thorstein hat geschrieben:es würde mich ernsthaft interessieren, welches gesellschaftliche Modell ihrer Argumentation zugrundeliegt. Dass wir angesichts einer globalen Krise unsere Ansprüche zurückschrauben müssen, würde ich sogar unterstützen. Was dies aber mit den grundgesetzlich verankerten Ansprüchen Pflegebedürftiger zu tun hat, erhellt sich mir nicht.
Das Recht auf Pflege ist bei uns erst seit dem 1. Januar 1995 in Form der Pflegeversicherung im Grundgesetz verankert – als fünfte Säule der Sozialversicherung. Zum ersten Mal wurde damit ein Versicherungsschutz für fast die gesamte Bevölkerung eingeführt. Die Frage bleibt aber, welche Qualität wird damit zugesichert? Wenn die Pflegemitarbeiter unter die gegebene Umständen ihren Dienst verweigern würden (was nicht so abstrakt ist im Anbetracht der Schwierigkeit fähige Fachkräfte zu bekommen) und es keine oder nicht genügend Menschen gibt, die (sich selbst als „Bekloppte“ bezeichnend) diesen Dienst übernehmen, wer garantiert dann die Pflege?

Ich bezeichne die Situation der Pflegebedürftigen in Deutschland als ein Teil der Globalisierung, da wir offensichtlich Armut importieren in dem Maße, wie unser Vorteil gegenüber bisher ärmeren Ländern verschwindet. Globalisierung gleicht Nationen aus, so dass die bisherigen Herrscher starke Konkurrenz bekommen. Der einzige Weg diesen Wettlauf zu bremsen ist zu zeigen, wie wir alle mit weniger Aufwand mehr erreichen können.
Synergieeffekte von Interessengemeinschaften setzen ein echtes Interesse voraus. Ich hoffe, sie verwechseln hier nicht Interesse mit Zwang. Interesse, dass aus einer Not heraus entsteht oder sogar gezielt erzeugt werden soll, ist meiner Überzeugung nach keine Lösung.
Früher waren Menschen „frei“, die innerhalb der Mauern einer Stadt lebten (im Englischen heißen Ehrenbürger immer noch „Freemen“), doch sie hatten die Verpflichtung, die Sicherheit der Stadt mit zu unterstützen. War das eine Interesse oder ein Zwang?

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Beitrag von G. Fröhlich- Rockmann » 24.10.2009, 13:18

Pflegeversicherung findet auf Grund des Pflegekassengesetz (also dem SGB XI) statt welches tatsächlich 1995 eingeführt wurde und 2009 nun zu einem privaten Zweig der Versicherungswirtschaft umgebaut wird.

Im gesamten Grungesetz steht nicht ein Wort zur Pflegeversicherung. Da steht eher was von Würde des Menschen, was aber nicht zwingend was mit Pflege in Deutschland zu tun hat.

Den Blödsinn den wir hier veranstalten sollten wir schon selbst verantworten und nicht versuchen das Menschen die vermutlich nicht mal wissen was hier so abgeht oder aber sich vor Lachen den Bauch halten versuchen in die Schuhe zu schieben....
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Reformen braucht das Land

Beitrag von Cicero » 24.10.2009, 13:28

Hallo Forum!

Nur um keine Irritationen aufkommen zu lassen:
Die Pflegeversicherung ist nicht im Grundgesetz beschrieben, sondern im Sozialgesetzbuch, und zwar im Teil XI (= SGB XI). Allerdings nimmt das SGB XI auf die Menschenwürdegarantie des Grundgesetzes Bezug, so dass unschwer gefolgert werden kann, dass die durchzuführende Pflege menschenwürdig zu gestalten ist.
Aber genau hier fängt das Problem an. Die politisch Verantwortlichen haben es bis jetzt nicht einmal zustande gebracht, die "Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen", die die menschenwürdige Pflege in Grundzügen näher beschreibt, zum Gegenstand von subjektiv-öffentlichen Rechtsansprüchen zu machen. Pro Pflege ... hat das wiederholt angemahnt, hat aber bislang kein Gehör gefunden - siehe z.B. unter:
http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwe ... eilung.php
http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwe ... eilung.php
http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwe ... eilung.php
Im Übrigen sind die strukturellen Verhältnisse in den Pflegesystemen so, dass mangels Personals die von den Menschen erwartete gute / angemessene Pflege meist nicht gewährleistet werden kann. Folglich müssen die strukturellen Verhältnisse geändert werden, damit die Pflege möglich wird, die allseits erwartet wird und auch grundgesetzlich gewährleistet sein soll.
Reformen braucht das Land - und das wird erheblich mehr Geld kosten. Mit dem Ruf nach den Solidarkassen allein ist es nicht getan. Mehr Eigenverantwortung ist dringendst einzufordern. Die Belastung der Arbeitskosten ist nicht grenzenlos möglich, es sei denn, wir nehmen den langfristigen Einbruch unserer Wirtschaftsleistung in Kauf. Das wäre ein k.o. für alle. Die Zeiten wohl geordneter nationaler Wirtschaftssysteme sind endgültig vorbei. Wirtschaften muss nach weltweiten Maßstäben ausgerichtet werden. Davon ist, ob man das will oder nicht, auch die Pflege betroffen.

Cicero
Politisch interessierter Pflegefan!
Im Gleichklang: Frieden - Ausgleich - Demokratie - und: "Die Menschenwürde ist unantastbar"!

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Beitrag von G. Fröhlich- Rockmann » 24.10.2009, 13:40

Nun Wirtschaft und Arbeitskosten entlasten sich schon selbst durch Kurzarbeit und Entlassung.

Höhere Eigenverantwortung von Einkommensfreien Menschen zu verlangen hat weder was mit Wirtschaft zu tun noch mit Menschenwürde noch mit gesunden Menschenverstand.

Sozialer Ausgleich über Steuern setzt ein steuerpflichtiges Einkommen voraus. Wo soll das ohne Arbeit herkommen und wo findet dann ein sozialer Ausgleich statt?

Wirtschaft wird sehr deutlich diese Auswirkungen zu spüren bekommen erst Recht der "Sozial"staat. Die Zeit wirds zeigen.
Es ist der Mensch und nicht die Krankheit

Cicero
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Eigenverantwortung ist Teil der Menschenwürde

Beitrag von Cicero » 24.10.2009, 13:55

Hallo,

der politische Handlungsbedarf ist vorrangig bezüglich der inneren Strukturen geboten. Siehe dazu:
http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwe ... 102009.php
Die Finanzierungsfrage kann man ernstlich erst dann stellen, wenn man weiß, was man ausgabenwirksam will. Daher ist die jeztige "Weichenstellung" zunächst ein theoretisches Modell. Mich interessiert aber mehr der zukünftige Inhalt von würdevoller Pflege.
Wegen der Finanzierung: Der Sozialstaat kann wie auch andere Staaten nur das verteilen, was er einnimmt. Insoweit sind dem Sozialstaat auch Grenzen gesetzt. Die Menschenwürdegarantie schließt Eigenverantwortung und die klare Einforderung dieser Eigenverantwortung nicht aus. Man kann sogar sagen, dass diese Eigenverantwortung Teil der Menschenwürde ist.
Was auch richtig ist: Wer seine eigenen Möglichkeiten ausgeschöpft hat und nicht mehr allein zurecht kommt, braucht natürlich der Hilfe der Gesellschaft. Das ist das eigentliche Kerngebot des Sozialstaates. Das kann nicht ernstlich infrage gestellt werden. Es geht letztlich um die Abgrenzung zwischen zweifelsfrei vorhandenen Notlagen und Situationen, in denen zumutbar eigene Initiativen möglich und vertretbar sind.

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