Zusammenfassung:
Kassenärzte warnen vor Gesundheitschaos
Berlin (dpa) - Auf die Patienten können nach Einschätzung der Kassenärzte undurchschaubare Verhältnisse in der gesetzlichen Krankenversicherung zukommen. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Köhler, warnte vor Tarif-Wirrwarr und großen Versorgungslücken. Alles könnte viel komplizierter werden, sagte er am Montag in Berlin. «Und in vielen Fällen auch teurer.» Zwei Jahre nach der Gesundheitsreform untermauerte Köhler mit dem düsteren Szenario Forderungen nach einer kompletten Neuordnung bei den Ärzten. Bei der Bundesregierung und den Kassen biss die KBV damit auf Granit.
Die rund 137 500 Mediziner drohen laut KBV immer öfter von Anweisungen von Kapitalgesellschaften abhängig zu werden. Deren Einfluss auf Medizinische Versorgungszentren (MVZ) müsse gesetzlich begrenzt werden. «Medizinische Entscheidungen müssen Vorrang haben vor den ökonomischen Interessen von Kapitalgebern.» Von den rund 1260 MVZ mit mehreren Ärzten unter einem Dach sei rund ein Drittel mit Beteiligung von Kapitalunternehmen gegründet worden.
Die Forderung nach einem Erhalt der Freiberuflichkeit erhält Brisanz wegen eines Wandels bei den Ärzten selbst. Anders als früher wollten sich viele junge Ärzte zunächst lieber anstellen lassen, als selbst eine Praxis zu gründen, sagte Köhler. Hier gebe es ein «dramatisches Wachstum». So können Frauen als Angestellte besser Familie und Beruf unter einen Hut bringen. Noch arbeiten rund 5800 Ärzte in MVZ.
Köhler warnte vor einem Ende der bundesweit einheitlichen Medizin- Versorgung. Hintergrund ist, dass alle Kassen Hausarztprogramme anbieten müssen. In der Regel geschieht das auf Basis von Verträgen mit dem Hausärzteverband und somit an den früheren Monopolisten, den Kassenärztlichen Vereinigungen, vorbei. Derzeit laufen dafür bundesweit Schiedsverfahren zwischen einzelnen Kassen und Hausärzten.
Versicherte müssen sich extra für Hausarztprogramme entscheiden, die je Kasse anders gestaltet sein können. Köhler forderte stattdessen bundeseinheitliche Angebote. Versicherte sollten einen Tarif wählen können, bei dem sie gegen Wegfall der Praxisgebühr nur mit Überweisung zum Facharzt gehen können. Bei einem anderen Tarif sollten sie den Arzt selbst bezahlen und sich das Geld wie bei den Privatversicherten dann von der Kasse zurückfordern.
Nur ein halbes Jahr nach dem Start der umstrittenen Ärzte- Honorarreform forderte Köhler eine neue Reform. Pauschalen sollten wieder abgeschafft und durch eine Bezahlung der einzelnen Leistungen ersetzt werden. «Wir sehen keine finanziellen Mehrforderungen damit verbunden», versicherte Köhler. Gute Leistung solle besser entlohnt werden, auch Abschläge bei Qualitätsmängeln schloss Köhler nicht aus.
Der Sprecher von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SDP), Klaus Vater, nannte Köhlers Äußerungen eine Kapitulations-Erklärung.
«Offenbar hat er den Boden unter den Füßen und das Gehör der Ärzte verloren.» Die Versorgung der Kranken funktioniere sehr gut. «Die Ärzteschaft hat es selbst in der Hand, für mehr Qualität zu sorgen.» Das Honorar für die Kassenärzte sei gestiegen. «Weit über 31 Milliarden Euro fließen an die niedergelassenen Ärzte», sagte Vater.
«Jetzt schon wieder etwas Neues zu fordern ist ein schlechter Witz.»
Auch die Kassen reagierten mit Unverständnis: «Schon wieder eine Honorarreform?», fragte der Kassen-Spitzenverband. Die Verbandschefin Doris Pfeiffer warnte vor Versuchen, «den Versicherten mehr Geld aus der Tasche zu ziehen». Der Deutsche Hausärzteverband kritisierte in der «Frankfurter Rundschau», die Hausärzte würden von den Kassenärztlichen Vereinigungen und Ärztekammern «permanent benachteiligt».
Quelle: Pressemitteilung GKV-Spitzenverband Bund, 13.07.2009
https://www.gkv-spitzenverband.de/News_ ... NewsID=860
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Moderator: WernerSchell