In Europa gemeinsam aus medizinischen Fehlern lernen

Rechtsbeziehung Patient – Therapeut / Krankenhaus / Pflegeeinrichtung, Patientenselbstbestimmung, Heilkunde (z.B. Sterbehilfe usw.), Patienten-Datenschutz (Schweigepflicht), Krankendokumentation, Haftung (z.B. bei Pflichtwidrigkeiten), Betreuungs- und Unterbringungsrecht

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In Europa gemeinsam aus medizinischen Fehlern lernen

Beitrag von Presse » 07.11.2009, 07:52

In Europa gemeinsam aus medizinischen Fehlern lernen

Patienten sind sowohl im stationären als auch ambulanten Bereich dem Risiko ausgesetzt, dass bei ihrer Behandlung Fehler geschehen können. Ein Forscherteam des Frankfurter Instituts für Allgemeinmedizin (Direktor: Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach) arbeitet in einem neuen Forschungsvorhaben der EU, gemeinsam mit Partnern aus fünf weiteren europäischen Ländern, an Maßnahmen zur Verbesserung der Patientensicherheit in hausärztlichen Praxen.

Studien zeigen: Bis zu jeder zehnte Patient in einem Krankenhaus erleidet infolge eines kritischen Ereignisses einen Schaden. Über die Häufigkeit solcher unerwünschter Ereignisse im ambulanten Bereich gibt es keine zuverlässigen Angaben. Die Gesundheitsversorgung des 21. Jahrhunderts ist also nicht so sicher, wie sie sein sollte und könnte. Unter dem Überbegriff Patientensicherheit beschäfti-gen sich Forscher und Experten für das Gesundheitswesen mit der Häufigkeit von unerwünschten Ereignissen und Maßnahmen zur Fehlervermeidung.

Mangelnde Patientensicherheit ist mittlerweile als Problem aller Gesundheitssysteme erkannt worden. Als Reaktion darauf gibt es in Deutschland und anderen europäischen Ländern zahlreiche Initiativen zur Verbesserung. Allerdings beziehen sich diese fast ausnahmslos auf den Krankenhausbereich. Im Bereich der Primärversorgung, d. h. in der Behandlung und Betreuung von Patienten in Hausarztpraxen, Apotheken, durch Pflegedienste etc., gibt es bisher international und national kaum wissenschaftliche Studien und innovative Projekte.

Dieses Defizit gemeinsam zu bearbeiten, ist Ziel des europäischen Projektes "Learning from International Networks About Errors and Understanding Safety in Primary Care, EUROpa" (LINNEAUS-EURO-PC). Das Institut für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität Frankfurt nimmt zusammen mit Partnern aus Großbritannien, den Niederlanden, Österreich, Polen und Dänemark an diesem von der Europäischen Union (EU) geförderten Vorhaben teil.

Kernaufgabe des Projektes ist es, vorhandenes Wissen zusammenzutragen und Maßnahmen zu Verbesserung zu identifizieren. Die Leiterin des Frankfurter Teilprojektes, Dr. med. Barbara Hoffmann, erklärt: "Europäische Experten werden jeweils Empfehlungen zur praktischen Umsetzung erarbeiten. Auf diese Weise soll das vorhandene Know-How auch Ländern der Gemeinschaft, in denen das Thema Patientensicherheit noch wenig beachtet wird, zu Gute kommen."

Dabei werden in Frankfurt folgende Teilprojekte durchgeführt:

o Die Entwicklung eines Kategoriensystems zur Klassifikation von unerwünschten Ereignissen und Fehlern. Eine valide Klassifikation ist die Basis zur Messung der Häufigkeit von Fehlern und für die Entwicklung von Maßnahmen zur Fehlervermeidung.

o Die Entwicklung eines Fehlerberichtssystems, das in der Primärversorgung in europäischen Gesundheitssystemen eingesetzt werden kann. Berichtssysteme sollen dabei helfen, gemeinsam aus Fehlern zu lernen. Das Wissen über die Art, die Entstehung und die Vermeidung von unerwünschten Ereignissen wird auf Plattformen im Internet zwischen Praxen, Apotheken und Pflegediensten ausgetauscht und verbreitet.

In anderen Ländern werden weitere Themenbereiche bearbeitet:

o Diagnosestellung und Arzneimitteltherapie sind risikobehaftete Bereiche in der Primärversorgung; hier können Fehler weitreichende negative Folgen für Patienten haben.

o Wie lässt sich die Sicherheitskultur in diesem Bereich der medizinischen Versorgung messen, welche Rolle können Patientensicherheitsindikatoren haben?

o Wie können Verbesserungsmaßnahmen tatsächlich in die Praxis umgesetzt werden?

o Wie können Patienten selbst in Aktivitäten zur Verbesserung der Patientensicherheit einbezogen werden?

LINNEAUS-EURO-PC baut auf einem schon bestehenden Netzwerk von Forscher/innen in Europa auf. Dieses Netzwerk soll im Rahmen des Projekts weiter ausgebaut und auch in Zukunft für den Austausch von Wissen und Erfahrung genutzt werden.

Das Projekt ist im März 2009 gestartet und läuft bis Februar 2013.

Frankfurt am Main, 5. November 2009

Für weitere Informationen:
Dr. med. Barbara Hoffmann
Institut für Allgemeinmedizin
Klinikum der J.W. Goethe-Universität Frankfurt am Main
Fon: (069) 6301 - 7152 5687
E-Mail: hoffmann@allgemeinmedizin.uni-frankfurt.de

Ricarda Wessinghage
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Klinikum der J.W. Goethe-Universität Frankfurt am Main
Fon: (0 69) 63 01 - 77 64
Fax: (0 69) 63 01 - 8 32 22
E-Mail: ricarda.wessinghage@kgu.de
Internet: http://www.kgu.de

Quelle: Pressemitteilung vom 5.11.2009
Ricarda Wessinghage, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt a. M.

URL dieser Pressemitteilung: http://idw-online.de/pages/de/news342807

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Strategien zur Fehlervermeidung

Beitrag von Presse » 07.11.2009, 11:05

Marburger Bund - Bundesverband
Verband der angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte Deutschlands e.V.
Pressemitteilung Nr. 66 vom 7. November 2009


MB warnt vor Aufweichung von Sicherheitsstandards aus ökonomischen Gründen

Strategien zur Fehlervermeidung und einen offeneren Umgang mit Mängeln und Fehlern ohne Schuldzuweisung hat der Marburger Bund gefordert. „Die Anwendung systematischer Strategien des Risikomanagements trägt maßgeblich zu einer Erhöhung der Patientensicherheit bei“, heißt es in einem Beschluss der 116. Hauptversammlung des Ärzteverbandes.

Für ärztliche und pflegerische Mitarbeiter sei die Tätigkeit im Krankenhaus generell gekennzeichnet durch hohe physische und emotionale Arbeitsbelastung, zunehmende Arbeitsverdichtung, Stress und Hektik sowie einen immer deutlicher werdenden ökonomischen Druck. „Dabei sind die beeinträchtigenden Auswirkungen von Überlastung, Nacht- und Schichtarbeit auf körperliches Befinden und kognitive Fähigkeiten, auf Reaktionsgeschwindigkeit und Konzentrationsfähigkeit inzwischen durch zahlreiche Forschungsergebnisse deutlich belegt“, betonen die Delegierten.

Jeder Fehler sei ein Fehler zuviel. Deshalb sei die Entwicklung einer neuen Sicherheitskultur im Gesundheitswesen zwingend notwendig. „Die vom Marburger Bund geforderten und nunmehr gesetzlich und tarifpolitisch durchgesetzten Arbeitszeitverkürzungen stellen somit auch einen wichtigen Beitrag zur Fehlervermeidung und Patientensicherheit dar. Einer Aufweichung dieses Sicherheitsstandards aus primär ökonomischen Gründen wird der Marburger Bund entschieden entgegen treten. Marathondienste und übermüdete Ärztinnen und Ärzte darf es nicht mehr geben“, heißt es in dem Beschluss der Ärztegewerkschaft.

Aus eigenen und fremden Fehlern bzw. Beinahe-Fehlern zu lernen, sei ein wichtiger Baustein in der Strategie der Fehlervermeidung. „Geeignete Instrumente sind neben Schadenfallbewertungen und Fallbesprechungen vor allem freiwillige Berichtssystem (Critical Incident Reporting-System/CIRS). Ihre Anwendung, Weiterentwicklung und die Vernetzung der mit ihnen arbeitenden Krankenhäuser sind wichtige Zukunftsaufgaben“, so die MB-Hauptversammlung. Auch die aus der Behandlungsfehlerstatistik und den Fehleranalysen gewonnenen Erkenntnisse der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern müssten zukünftig noch stärker in der Aus-, Weiter- und Fortbildung von Ärzten berücksichtigt werden.
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Marburger Bund-Bundesverband
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Hans-Jörg Freese, Pressesprecher,
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Der Marburger Bund ist der Verband aller angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte in Deutschland. Mit über 108.000 Mitgliedern ist er die größte Ärzteorganisation mit freiwilliger Mitgliedschaft in Europa und Deutschlands einzige Ärztegewerkschaft.

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