Demenz - Demenzdiagnose - Demenztest

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WernerSchell
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Wie das Prinzip von Käsenudeln gegen Alzheimer hilft

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Wie das Prinzip von Käsenudeln gegen Alzheimer hilft

Forschende am Paul Scherrer Institut PSI haben geklärt, wie sogenanntes Spermin – ein kleines Molekül, das viele Prozesse in den Zellen des Körpers reguliert – Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson vorbeugt: Es macht bestimmte Eiweisse unschädlich, indem es ähnlich wirkt wie Käse, der Nudeln miteinander verklebt. Die Erkenntnis könnte helfen, solche Krankheiten zu bekämpfen. Nun wurden die Ergebnisse im Fachblatt Nature Communications publiziert.

Unsere Lebenserwartung steigt – und so treten auch altersbedingte Leiden immer häufiger auf, darunter auch die neurodegenerativen Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson. Ursache dieser Erkrankungen im Gehirn sind Ablagerungen schädlicher Eiweissstrukturen, die aus falsch gefalteten sogenannten Amyloidproteinen bestehen. Diese erinnern in ihrer Form an Fasern oder Spaghetti. Bis jetzt gibt es noch keine effektive Therapie, um solche Ablagerungen zu verhindern oder wieder loszuwerden.

Doch ein körpereigenes Molekül namens Spermin weckt Hoffnung. Wie Forschende um Studienleiter Jinghui Luo vom Zentrum für Life Sciences des Paul Scherrer Instituts PSI in Experimenten herausgefunden haben, ist diese Substanz imstande, das Leben von kleinen Fadenwürmern zu verlängern, ihre Bewegung im Alter zu verbessern und die Kraftwerke der Zellen – die Mitochondrien – zu stärken. Insbesondere haben die Forschenden beobachtet, wie Spermin der körpereigenen Abwehr dabei hilft, die nervenschädigenden Ablagerungen von Amyloidproteinen zu entsorgen.

Die neuen Erkenntnisse könnten als Grundlage dafür dienen, neue Therapien gegen solche Erkrankungen zu entwickeln.

Ein zentraler Vermittler für Zellvorgänge

Spermin ist ein für den Organismus lebenswichtiger Stoff. Er gehört zu den sogenannten Polyaminen, das sind relativ kleine organische Moleküle. Spermin ist benannt nach der Samenflüssigkeit Sperma, da es darin in besonders hoher Konzentration vorkommt und vor über 150 Jahren erstmals entdeckt wurde. Doch es steckt auch in vielen Zellen des Körpers – vor allem jenen, die aktiv und teilungsfähig sind.

Spermin fördert die Mobilität und Aktivität der Zelle und steuert vielerlei Prozesse. Vor allem interagiert es mit den Nukleinsäuren des Erbguts und reguliert so das Auslesen von Genen und deren Umsetzung in Proteine. Damit sorgt es dafür, dass Zellen richtig wachsen, sich teilen und schliesslich sterben können. Ausserdem ist Spermin von zentraler Bedeutung für einen wichtigen zellulären Vorgang namens «biomolekulare Kondensation»: Dabei entmischen sich bestimmte Makromoleküle wie Proteine und Nukleinsäuren und sammeln sich innerhalb der Zelle gewissermassen zu Tröpfchen, sodass dort wichtige Reaktionen stattfinden können.

Im Zusammenhang mit neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson gab es zuvor schon Hinweise, dass Spermin Nervenzellen schützen und altersbedingten Gedächtnisverlust mildern kann. Doch ein genaueres Verständnis, wie es in die nervenschädigenden Prozesse eingreift, um daraus womöglich medizinischen Nutzen zu ziehen, fehlte bislang.

Unterstützung für die zelluläre Müllabfuhr

Die Gruppe um Jinghui Luo hat dies nun genauer untersucht. Die Forschenden verwendeten neben Lichtmikroskopie auch das Streumessverfahren SAXS an der PSI-eigenen Synchrotron Lichtquelle Schweiz SLS, um die molekulare Dynamik der Vorgänge zu beleuchten. Die Untersuchungen erfolgten sowohl in einer Glaskapillare (in vitro) als auch im Lebewesen (in vivo). Dafür diente der Fadenwurm C. elegans als Modellorganismus.

Wie sich zeigte, sorgt Spermin dafür, dass sich die schädlichen Proteine über biomolekulare Kondensation sammeln und gewissermassen verklumpen. Dies erleichtert einen Prozess namens Autophagie, der in unseren Zellen routinemässig abläuft: Er hüllt beschädigte oder unnötige Proteine in kleine Membranbläschen und baut sie mit Enzymen auf sichere Weise ab – ein natürlicher Recyclingvorgang sozusagen.

«Die Autophagie kann mit grösseren Proteinklumpen effektiver umgehen», sagt Studienleiter Luo. «Und Spermin ist sozusagen das Bindemittel, das die Stränge zusammenbringt. Es handelt sich um nur schwach anziehende elektrische Kräfte zwischen den Molekülen, die diese organisieren, nicht aber fest verbinden.»

Das Ganze, so Luo, könne man sich auch vorstellen wie einen Teller Spaghetti. «Das Spermin ist wie Käse, der die langen dünnen Nudeln miteinander verbindet, ohne sie zu verkleben, sodass sie besser verdaulich sind.»

Gesucht ist die richtige Kombination von Zutaten

Spermin nimmt auch auf andere Krankheiten wie etwa Krebs Einfluss. Auch dort benötigt es zunächst noch Forschung, um zu klären, welche Mechanismen dabei zum Tragen kommen – dann wären Therapieansätze auf der Basis von Spermin denkbar. Zudem gibt es neben Spermin noch viele weitere Polyamine, die ebenfalls wichtige Funktionen im Organismus erfüllen und daher medizinisch interessant sind. Die Forschung in diesem Bereich hat also noch viel Potenzial. «Wenn wir die zugrunde liegenden Vorgänge besser verstehen», sagt Luo, «können wir sozusagen leckerere und besser verdauliche Gerichte kochen, weil wir dann genau wissen, welche Gewürze in welcher Dosis die Sauce besonders schmackhaft machen.»

Auf dieser Suche kommt auch künstliche Intelligenz zum Einsatz, die auf Basis aller verfügbaren Daten deutlich schneller vielversprechende Kombinationen von «Zutaten für die Sauce» berechnen kann. Wichtig für diese sowie folgende Studien, so Luo, seien zudem zeitaufgelöste Streumessverfahren sowie hochauflösende Bildgebung, die solche Vorgänge in Echtzeit und bis hinunter auf die subzelluläre Ebene abbilden können. Ausser am PSI sind solche Methoden nur an wenigen anderen Synchrotronanlagen der Welt verfügbar.

Text: Jan Berndorff
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Über das PSI
Das Paul Scherrer Institut PSI entwickelt, baut und betreibt grosse und komplexe Forschungsanlagen und stellt sie der nationalen und internationalen Forschungsgemeinde zur Verfügung. Eigene Forschungsschwerpunkte sind Zukunftstechnologien, Energie und Klima, Health Innovation und Grundlagen der Natur. Die Ausbildung von jungen Menschen ist ein zentrales Anliegen des PSI. Deshalb sind etwa ein Viertel unserer Mitarbeitenden Postdoktorierende, Doktorierende oder Lernende. Insgesamt beschäftigt das PSI 2300 Mitarbeitende, das damit das grösste Forschungsinstitut der Schweiz ist. Das Jahresbudget beträgt rund CHF 450 Mio. Das PSI ist Teil des ETH-Bereichs, dem auch die ETH Zürich und die ETH Lausanne angehören sowie die Forschungsinstitute Eawag, Empa und WSL.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Jinghui Luo
Center for Life Sciences
Paul Scherrer Institut PSI
+41 56 310 47 64
jinghui.luo@psi.ch
[Englisch]

Originalpublikation:
Spermine Modulation of Alzheimer’s Tau and Parkinson’s α-Synuclein: Implications for Biomolecular Condensation and Neurodegeneration
Xun Sun, Debasis Saha, Xue Wang, Cecilia Mörmann, Rebecca Stemke-Hoffmann, Juan Atilio Gerez, Fátima Herranz, Roland Riek, Wenwei Zheng, Jinghui Luo
Nature Communications, 21.11.2025
DOI: 10.1038/s41467-025-65426-3

Weitere Informationen:
https://www.psi.ch/de/news/medienmittei ... -alzheimer – Medienmitteilung auf der Webseite des Paul Scherrer Instituts PSI


Quelle: Pressemitteilung vom 21.11.2025
Dr. Mirjam van Daalen Abteilung Kommunikation
Paul Scherrer Institut (PSI)
https://idw-online.de/de/news861998
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Lewy-Körperchen-Demenz: Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft informiert über den Umgang mit dieser besonderen Erkrankung

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Lewy-Körperchen-Demenz: Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft informiert über den Umgang mit dieser besonderen Erkrankung

Die Lewy-Körperchen-Demenz ist deutlich seltener als die Alzheimer-Demenz, betrifft aber rund 5 Prozent aller 1,8 Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland. Der Umgang mit ihren speziellen Symptomen wie Halluzinationen, starken Schwankungen der geistigen Fähigkeiten und Bewegungsstörungen stellt für Betroffene ebenso wie für An- und Zugehörige eine besondere Herausforderung dar. Mit einem neuen Informationsblatt gibt die Deutsche Alzheimer Gesellschaft (DAlzG) Hilfestellungen für den Alltag mit der Krankheit.

Viele Symptome einer Lewy-Körperchen-Demenz ähneln denen einer Alzheimer-Demenz: Fortschreitende Gedächtnisstörungen und verlangsamte Denkprozesse sind auch hier typisch. Auffällig ist zu Beginn aber vor allem eine Störung der Aufmerksamkeit und die damit zusammenhängende Beeinträchtigung der Urteils- und Problemlösefähigkeit. Komplexe Abläufe wie Kochen oder Bankgeschäfte werden zunehmend schwierig. Später kommen Symptome einer Parkinson-Erkrankung dazu, wie beispielsweise ein Muskelzittern der Hände, eine Steifigkeit der Muskeln und verlangsamte, unsichere Bewegungen. Allgemein ist die Verfassung der Betroffenen – Aufmerksamkeit/Wachheit, Stimmung, aber auch körperliche Fitness – im Tagesverlauf erheblichen Schwankungen unterworfen. Schon am Beginn der Erkrankung zeigen sich bei etwa 75 Prozent der Betroffenen sehr realistische und beständige optische Halluzinationen.

„Meine Halluzinationen waren letztlich das, was die deutlichsten Hinweise für meine Diagnose lieferte, auch als Hirnscans noch nicht so aussagekräftig waren“, berichtet Lieselotte Klotz, selbst seit acht Jahren an Lewy-Körper-Demenz erkrankt und Mitglied des Beirats „Leben mit Demenz“ der DAlzG.
„Vorrangig sehe ich Tiere: Hunde, manchmal aber auch Fliegen oder Spinnen an der Decke. Ich habe zum Glück keine Angstzustände, wie manch andere Betroffene, und ich habe auch keine Angst vor meinen Halluzinationen. Jedoch habe ich zunehmend Schwierigkeiten, sie von der Wirklichkeit zu unterscheiden, insbesondere nachts.“ Lieselotte Klotz, langjährige Geschäftsführerin in großen, auch internationalen, IT-Unternehmen, erlebt die Herausforderungen im Umgang mit der Krankheit Tag für Tag: „Seit etwa drei Jahren ist mein Geruchssinn eingeschränkt. Ich nehme in meiner Wohnung ständig einen Rauchgeruch wahr, manchmal auch einen metallisch-säuerlichen Geruch. Ich stelle mir deshalb einen Vanille-Raumduft hin, damit ich zumindest optisch weiß, dass meine Wohnung nicht seltsam riecht. Selber riechen kann ich den Vanilleduft aber nicht. Außerdem muss ich beim Gehen aufpassen durch mein verändertes Gangbild. Ich nutze einen Rollator, der mir auf langen Strecken Sicherheit gibt, weil ich sonst torkeln würde. Nachts habe ich häufig Unruhe und Schlafstörungen.“

Die korrekte Diagnose einer Lewy-Körperchen-Demenz ist unter anderem deshalb wichtig, weil die Erkrankten sehr empfindlich auf bestimmte Medikamente (Neuroleptika) reagieren. Für An- und Zugehörige bedeuten oftmals die starken Schwankungen in der geistigen Leistungsfähigkeit eine besondere Herausforderung, weil sie es schwermachen, sich auf die Betroffenen einzustellen.
Mit ihrem neuen Informationsblatt 14a „Lewy-Körperchen-Demenz: Herausforderungen im Alltag und wie man ihnen begegnen kann“, gibt die DAlzG Menschen, die an einer Lewy-Körperchen-Demenz erkrankt sind, sowie ihren An- und Zugehörigen wichtige Hinweise, was den Umgang mit der Krankheit erleichtern kann.


Informationsblatt
Das Informationsblatt 14a „Lewy-Körperchen-Demenz: Herausforderungen im Alltag und wie man ihnen begegnen kann“ kann kostenlos abgerufen werden unter www.deutsche-alzheimer.de/fileadmin/Alz ... _dalzg.pdf.
Alle weiteren Informationsblätter der DAlzG sind zu finden unter www.deutsche-alzheimer.de/publikationen ... nsblaetter


Die Pressemitteilung als PDF zum Download > https://www.deutsche-alzheimer.de/filea ... tt-DLB.pdf

Hintergrund
In Deutschland leben heute etwa 1,8 Millionen Menschen mit Demenzerkrankungen. Rund zwei Drittel davon werden in der häuslichen Umgebung von Angehörigen betreut und gepflegt. Jährlich erkranken etwa 400.000 Menschen neu. Ungefähr 60 Prozent davon haben eine Demenz vom Typ Alzheimer. Die Zahl der Demenzerkrankten wird bis 2050 auf 2,3 bis 2,7 Millionen steigen, sofern kein Durchbruch in Prävention und Therapie gelingt.

Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft
Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft engagiert sich für ein besseres Leben mit Demenz. Sie unterstützt und berät Menschen mit Demenz und ihre Familien. Sie informiert die Öffentlichkeit über die Erkrankung und ist ein unabhängiger Ansprechpartner für Medien, Fachverbände und Forschung. In ihren Veröffentlichungen und in der Beratung bündelt sie das Erfahrungswissen der Angehörigen und das Expertenwissen aus Forschung und Praxis. Als Bundesverband von mehr als 130 Alzheimer-Gesellschaften unterstützt sie die Selbsthilfe vor Ort. Gegenüber der Politik vertritt sie die Interessen der Betroffenen und ihrer Angehörigen. Die DAlzG setzt sich ein für bessere Diagnose und Behandlung, mehr kompetente Beratung vor Ort, eine gute Betreuung und Pflege sowie eine demenzfreundliche Gesellschaft.

Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft ist als Interessenvertreterin von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen im Lobbyregister des Deutschen Bundestags eingetragen und hat sich dem dafür geltenden Verhaltenskodex verpflichtet.

Quelle: Pressemitteilung vom 24.11.2025
Kontakt für Presse und Medien

Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. Selbsthilfe Demenz
Susanna Saxl-Reisen, Nora Landmann, Jessica Kortyla
Keithstraße 41, 10787 Berlin
Tel: 030 – 259 37 95 0, Fax: 030 – 259 37 95 29
E-Mail: presse@deutsche-alzheimer.de
www.deutsche-alzheimer.de
LinkedIn: www.linkedin.com/company/deutschealzheimergesellschaft
Facebook: www.facebook.com/DeutscheAlzheimerGesellschaft
Instagram: www.instagram.com/selbsthilfe_demenz/
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Lecanemab bei früher Alzheimer-Krankheit: Bislang unveröffentlichte Daten zeigen keinen Zusatznutzen

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Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)


Lecanemab bei früher Alzheimer-Krankheit: Bislang unveröffentlichte Daten zeigen keinen Zusatznutzen

Das IQWiG schließt aus bisher unveröffentlichten Daten, dass Lecanemab keinen nachgewiesenen Vorteil gegenüber dem bestehenden Therapiestandard in Deutschland bietet.

Seit September 2025 ist Lecanemab in Deutschland zur Behandlung der frühen Alzheimer-Krankheit verfügbar. Das Medikament soll das Fortschreiten der Erkrankung bremsen und darf nur bei Erwachsenen eingesetzt werden, die

- leicht kognitiv beeinträchtigt sind oder an einer leichten Demenz leiden,
- typische Eiweißablagerungen (Amyloid-Beta-Plaques) im Gehirn aufweisen und
- höchstens eine Kopie der Genvariante ApoE ε4 im Erbgut tragen.

In einer Nutzenbewertung hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) nun untersucht, ob Lecanemab bei diesen Patientinnen und Patienten Vorteile gegenüber dem bisherigen Therapiestandard bietet. Für Betroffene mit leichter kognitiver Störung (engl. mild cognitive impairment, MCI) hatte der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) „beobachtendes Abwarten“ als zweckmäßige Vergleichstherapie festgelegt, auch weil es für diese Gruppe noch keine zugelassenen Arzneimittel gibt. Für Betroffene mit leichter Alzheimer-Demenz ist die Behandlung mit Acetylcholinesterase-Inhibitoren der derzeitige Therapiestandard.

Für beide Patientenpopulationen kommt das IQWiG zu dem Ergebnis, dass ein Zusatznutzen von Lecanemab gegenüber dem bisherigen Therapiestandard in Deutschland nicht belegt ist.

„Unsere Bewertung stützt sich auf bislang unveröffentlichte Daten, die der Hersteller in seinem Dossier vorlegen musste. Aufgrund der hohen Transparenz im deutschen AMNOG-Verfahren stehen diese nun auch der Öffentlichkeit zur Verfügung“, erläutert Daniela Preukschat, Bereichsleiterin chronische Erkrankungen im IQWiG-Ressort Arzneimittelbewertung. „Die Daten lassen allerdings noch einige Fragen offen, da weitere relevante Informationen im Dossier fehlten.“

Entscheidend ist der Vergleich mit dem deutschen Therapiestandard

Ausgewählte Ergebnisse der zentralen Lecanemab-Zulassungsstudie CLARITY AD wurden 2023 veröffentlicht. Seither diskutieren Fachwelt und Öffentlichkeit vor allem diese ursprünglich veröffentlichten Daten zur Gesamtpopulation der Studie. Dabei wird herausgestellt, dass Lecanemab die kognitive Verschlechterung im Vergleich zur Kontrollgruppe verlangsame. Die europäische Zulassungsbehörde hat jedoch aufgrund schwerwiegender Nebenwirkungen den Anwendungsbereich von Lecanemab deutlich eingeschränkt, sodass diese ursprünglichen, aber heute noch diskutierten Ergebnisse nicht mehr ausschlaggebend sind. Für die Anwendung in Deutschland ist zudem der Vergleich mit dem deutschen Therapiestandard ausschlaggebend. Deshalb konzentrierte sich die Bewertung zum einen auf die Anwendung von Lecanemab innerhalb der Zulassung, zum anderen auf den Vergleich mit dem Therapiestandard in Deutschland.

Preukschat erläutert: „Die positiven Effekte von Lecanemab in der Gesamtpopulation der Studie gehen vor allem auf Patienten und Patientinnen zurück, die eben nicht nach deutschem Therapiestandard behandelt wurden. In den interessierenden Auswertungen zeigt sich hingegen kein Vorteil von Lecanemab. Und diese Informationen stehen jetzt erstmals zur Verfügung.“

Auffällig ist auch, dass die Studie die wichtige Frage einer Überlegenheit von Lecanemab gegenüber den Acetylcholinesterasehemmern bei leichter Alzheimer-Demenz gar nicht untersucht hat. Durch das Studiendesign wurde lediglich die Zusatztherapie von Lecanemab bei bereits bestehender Behandlung mit Acetylcholinesterasehemmern untersucht, nicht aber die Monotherapie von Lecanemab im Vergleich mit Acetylcholinesterasehemmern. Eine wesentliche Frage der Versorgung wird daher von der CLARITY-AD-Studie gar nicht adressiert.

Weitere wichtige Daten fehlen

Auch wenn das Dossier bislang unveröffentlichte Daten enthält, fehlen einige wichtige Daten noch. So liegen im Dossier für die interessierenden Populationen insbesondere keine Auswertungen zu wichtigen Nebenwirkungen, den symptomatischen ARIA-Ereignissen, vor.

„Diese Bewertung zeigt eindrücklich, wie wichtig eine unabhängige Bewertung unter Vorlage aller verfügbaren Informationen ist und bleibt. Nur so können Menschen mit beginnender Alzheimer-Demenz in schwierigen persönlichen Situationen die für sie angemessene Entscheidung treffen“, fasst IQWiG-Leiter Thomas Kaiser die Ergebnisse der Nutzenbewertung zusammen. „Wir sind gespannt, ob die noch fehlenden Daten jetzt vom Hersteller mit seiner Stellungnahme an den G-BA vorlegt werden.“

G-BA beschließt über Ausmaß des Zusatznutzens

Die Dossierbewertung ist Teil der frühen Nutzenbewertung gemäß Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG), die der G-BA verantwortet. Nach Publikation der Dossierbewertung führt der G-BA ein Stellungnahmeverfahren durch und beschließt über das Ausmaß des Zusatznutzens.

Originalpublikation:
https://www.iqwig.de/projekte/a25-111.html

Weitere Informationen: > https://www.iqwig.de/presse/pressemitte ... 64932.html

Quelle: Pressemitteilung vom 01.12.2025
Jens Flintrop Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
https://idw-online.de/de/news862544
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Bluttest zur Alzheimer-Diagnose erstmals von der FDA zugelassen

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Bluttest zur Alzheimer-Diagnose erstmals von der FDA zugelassen
- Stand 25.05.2025 -

Mit dem Lumipulse G pTau217/ß-Amyloid 1-42 Plasma Ratio hat die FDA erstmals einen Bluttest zugelassen, der bei der Diagnose der Alzheimer-Krankheit unterstützen soll – schnell, zugänglich und weniger invasiv.

Mit dem Lumipulse G pTau217/β-Amyloid 1-42 Plasma Ratio hat die US-amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) erstmals einen Bluttest zur Unterstützung der Alzheimer-Diagnostik zugelassen. Der Test dient der Detektion von Amyloid-Plaques im Gehirn bei Erwachsenen ab 55 Jahren mit kognitiven Symptomen.

Einfache Blutabnahme statt PET oder Lumbalpunktion
Der Test bestimmt das Verhältnis zweier Proteine im Blutplasma: phosphoryliertes Tau-Protein (pTau217) und β-Amyloid 1-42. Ein verändertes Verhältnis weist mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Amyloid-Ablagerungen im Gehirn hin – ein zentrales pathologisches Merkmal der Alzheimer-Erkrankung.

Quelle und weitere Informationen > https://www.gelbe-liste.de/neurologie/f ... -lumipulse
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Hirngesund durchs neue Jahr: „Ausreichend Bewegung ist bereits die halbe Miete“

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Hirngesund durchs neue Jahr: „Ausreichend Bewegung ist bereits die halbe Miete“

Alzheimer und Schlaganfall sind zwei häufige und gefürchtete neurologische Krankheiten. Doch man kann aktiv vorbeugen und damit sein persönliches Risiko, eine der beide Diagnosen zu erhalten, deutlich absenken. Gerade Bewegung und Sport lohnen sich. Das zeigte eine aktuell zu Weihnachten publizierte Studie aus „BMC Public Health“ [1]. Ein aktiver Lebensstil und ausreichend Schlaf hatten sogar einen schützenden Effekt bei Menschen mit genetischer Vorbelastung für diese Krankheiten. Diese Maßnahmen lohnen sich also für alle Menschen und sollten ganz oben auf der Liste der guten Vorsätze für 2026 stehen.

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In den nächsten Jahren wird ein dramatischer Anstieg von Demenz-Erkrankungen erwartet: Derzeit leben in Deutschland etwa 1,8 Millionen Menschen mit einer diagnostizierten Demenz. Nach Angaben des Deutsches Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen e. V. (DZNE) könnte diese Zahl im Jahr 2030 auf bis zu 1,9 Millionen ansteigen, im Jahr 2040 auf bis zu 2,3 Millionen und im Jahr 2050 bis zu 2,7 Millionen erreichen [2]. Auch im Hinblick auf den Schlaganfall wird mit einem Anstieg der Fallzahlen gerechnet. Derzeit erleiden jährlich in Deutschland rund 270.000 Menschen einen Schlaganfall. Gemäß dem Report der „Stroke Alliance for Europe“ (SAFE) [3] wird die Zahl der Menschen, die mit den Folgen eines Schlaganfalls leben müssen, zwischen 2017 und 2040 allein um 35 % ansteigen.

Eine aktuelle prospektive Kohortenstudie aus Großbritannien [1] untersuchte, wie viel Einfluss der Lebensstil auf das Schlaganfall- und Demenzrisiko nehmen kann. Aus der „UK-Biobank“ wurden 474.983 Personen im Alter von 37–73 Jahren ohne vorbekannten Schlaganfall oder Demenz untersucht. Für jeden Teilnehmenden wurde ein Score (0 - 4 Punkte) berechnet, je nach Lebensstil. Darin flossen regelmäßige körperliche Aktivität, eine Schlafdauer von 7 bis 8 Stunden pro Tag, eine tägliche Sitzdauer von weniger als 6 Stunden und eine Handgriffstärke über dem geschlechsspezifischen Medianwert als Marker für die allgemeine Muskelkraft. Regelmäßige körperliche Aktivität wurde dabei definiert als mindestens 150 Minuten moderate Aktivität oder 75 Minuten intensive Aktivität pro Woche (oder eine gleichwertige Kombination aus beidem) oder moderate Aktivität an mindestens 5 Tagen pro Woche oder intensive Aktivität an mindestens 3 Tagen pro Woche (jeweils ≥ 10 Minuten am Stück).

Das Follow-up betrug im Median 10,1 Jahre. Als primäre Endpunkte wurden inzidente Schlaganfälle und Demenzdiagnosen (mit Subtypen wie Alzheimer- und vaskuläre Demenz) erfasst. Im Verlauf der Studie traten 4.992 Schlaganfälle und 2.120 Demenzerkrankungen auf. Und die Analyse belegte einen deutlichen Schutz durch den Lebensstil; je mehr gesunde Faktoren erfüllt waren, desto höher war der Schutzeffekt. Das Schlaganfall-Risiko nahm um 15 % ab, wenn 2 der 4 Kriterien erfüllt wurden, sank um 29 % bei 3 Kriterien und bei Erfüllung aller 4 Kriterien sogar um 35 %. Noch größer waren die Effekte auf das Demenzrisiko. Bei Erfüllung von 2 Kriterien sank das Risiko um 26 %, bei 3 um 36 % und bei 4 Kriterien um 57 %.

Offensichtlich kann man sein persönliches Erkrankungsrisiko auch bei genetischer Prädisposition maßgeblich beeinflussen

„Das sind sehr beeindruckende Zahlen“, erklärt DGN-Generalsekretär Prof. Dr. Peter Berlit. „Wer über zehn Jahre konsequent körperlich aktiv ist, also regelmäßig Sport treibt, am Tag wenig sitzt und darüber hinaus ausreichend schläft, kann dieser aktuelle Erhebung zufolge sein Demenzrisiko mehr als halbieren.“ Besonders aufschlussreich sei zudem, dass diese Schutzwirkungen auch bei Personen beobachtet wurden, die als genetisch vorbelastet gelten. Die Vorteile eines gesünderen Lebensstils auf Schlaganfall und Demenz zeigten sich unabhängig vom Vorliegen der APOE-ε4-Genvariante, die für die Entwicklung von Demenz-Erkrankungen und neuen Erkenntnissen zufolge auch mit Schlaganfällen bei jüngeren Menschen [4] in Zusammenhang steht. „In der Studie hatten die Lebensstilmaßnahmen auch bei Menschen mit diesem Risiko-Gen signifikante Schutzwirkungen. Das bedeutet, dass man sein persönliches Erkrankungsrisiko trotz genetischer Prädisposition maßgeblich beeinflussen kann.“

Ein körperlich aktiver Lebensstil ist die halbe Miete

Mut mache das hohe Ausmaß der Schutzwirkung von lediglich zwei Maßnahmen, einem körperlich aktiven Lebensstil und ausrechender Schlafdauer. Den großen Effekt von Bewegung hatte bereits eine Anfang November im Fachjournal „Nature Medicine“ veröffentlichte Studie [5] gezeigt, in der bei 296 kognitiv unbeeinträchtigten Personen longitudinal über einen Zeitraum von bis zu 14 Jahren die mittels Schrittzähler gemessene körperliche Aktivität, Aβ- und Tau-PET-Daten sowie die Ergebnisse der jährlichen kognitiven Untersuchung ausgewertet wurden. Analysiert wurde, ob körperliche Aktivität mit einem langsameren kognitiven und funktionellen Rückgang durch unterschiedliche Ausprägung der Aβ- und Tau-Akkumulation verbunden ist. Diese Hypothese bestätigte sich im Ergebnis. Es zeigte sich eine „dosisabhängige“ Wirkung von Bewegung bei einem täglichen Pensum von 5.000 bis 7.500 Schritten, und der Effekt dieses im Verhältnis moderaten Bewegungspensums war enorm: Im Vergleich zu inaktiven Personen war der kognitive Abbau bei steigender körperlicher Aktivität bis zu 51 % geringer.

„Beide Studien zeigen, dass ausreichend Bewegung bereits die halbe Miete in Sachen Demenzprävention ist“, fasst DGN-Generalsekretär Berlit zusammen. Neben Bewegungsmangel sind viele weitere Demenzrisikofaktoren bekannt, wie z. B. schlechtes Seh- oder Hörvermögen, soziale Isolation oder ungesunde Ernährung. „Das alles sind Stellschrauben, über die jeder sein persönliches Demenzrisiko beeinflussen kann. Und die Korrektur vieler dieser Risikofaktoren schützt auch vor anderen neurologischen Krankheiten wie Schlaganfall oder Parkinson. Ein gesunder Lebensstil lohnt sich also für alle!“


[1] Chen LH, Chen CL, Hong Y, Yin X, Liu Z, Lu Y, Chen Z, Tan Y, Li FR, Li Y, Chen GC, Liu T, Tian H. Physical activity, muscle strength, sedentary behavior, sleep, and genetic risk of stroke and dementia: findings from a large cohort study. BMC Public Health. 2025 Dec 24;25(1):4305. doi: 10.1186/s12889-025-25305-4. PMID: 41444571; PMCID: PMC12729355.
[2] https://www.dzne.de/aktuelles/hintergru ... enzentrale
[3] Stroke Alliance for Europe (SAFE). AT WHAT COST THE ECONOMIC IMPACT OF STROKE IN EUROPE- A summary. https://www.safestroke.eu/economic-impact-of-stroke/
[4] Lagging C, Lorentzen E, Stanne TM, Pedersen A, Söderholm M, Cole JW et al. APOE ε4 is associated with younger age at ischemic stroke onset but not with stroke outcome. Neurology. 2019;93(19):849–53.
[5] Yau WW, Kirn DR, Rabin JS et al. Physical activity as a modifiable risk factor in preclinical Alzheimer's disease. Nat Med. 2025 Nov 3. doi: 10.1038/s41591-025-03955-6. Epub ahead of print. PMID: 41184638.

Quelle: Pressemitteilung vom 30.12.2025
Dr. Bettina Albers Pressestelle der DGN
Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V.
> https://idw-online.de/de/news863873

Pressekontakt
Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Neurologie
Pressesprecher: Prof. Dr. Peter Berlit
Leiterin der DGN-Pressestelle: Dr. Bettina Albers
Tel.: +49(0)174 2165629
E-Mail: presse@dgn.org

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
sieht sich als medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren über 13.500 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu sichern und zu verbessern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist Berlin. www.dgn.org

Präsidentin: Prof. Dr. Daniela Berg
Stellvertretender Präsident: Prof. Dr. Dr. Sven Meuth
Past-Präsident: Prof. Dr. Lars Timmermann
Generalsekretär: Prof. Dr. Peter Berlit
Geschäftsführer: David Friedrich-Schmidt
Geschäftsstelle: Budapester Str. 7/9, 10787 Berlin, Tel.: +49 (0)30 531437930, E-Mail: info@dgn.org

Originalpublikation:
doi: 10.1186/s12889-025-25305-4
Gesperrt