Hoher Krankenstand in der Kritik - Abschaffung der telefonischen Krankschreibung gefordert
Bundeskanzler Friedrich Merz hat den aus seiner Sicht zu hohen Krankenstand der Deutschen kritisiert. Beschäftigte kämen auf 14,5 Krankentage pro Jahr, 3,6 mehr als 2021, moniert Merz und fordert die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung. Die AOK geht allerdings davon aus, dass die telefonische Krankschreibung nicht dazu führt, dass sich Menschen häufiger krankschreiben lassen. Die Einführung der elektronischen Krankmeldung habe hingegen Einfluss auf die Zahlen.
Kritik an den Aussagen des Kanzlers kommt u.a. vom ehemaligen Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach. Der hohe Krankenstand in Deutschland sei Ausdruck einer veränderten Arbeitsmarktstruktur, erklärt er und fordert im Tagespiegel mehr Prävention und Vorbeugemedizin statt "Gängelei der Kranken". Auch Grünen-Chefin Franziska Brantner und Linken-Bundesgeschäftsführer Janis Ehling plädieren für bessere Rahmenbedingungen für Beschäftigte.
Unterstützung erhält Merz dagegen von KBV-Chef Andreas Gassen. "Die telefonische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung lädt natürlich zum Missbrauch ein", so Gassen. Er fordert, die Telefon AU sowie die Pflicht zur AU in den ersten drei Tagen abzuschaffen, um die Praxen zu entlasten. Diese "Bagatell-AUs" verursachten jährlich rund 27 Millionen Arzt Patienten-Kontakte, die medizinisch unnötig seien. Stattdessen könne man die ersten drei Krankheitstage arbeitsvertraglich regeln.
DAK-versicherte Beschäftigte waren 2025 im Durchschnitt an 19,5 Kalendertagen krankgeschrieben. Die DAK-Gesundheit hat die Krankschreibungen für das Gesamtjahr 2025 ausgewertet. Der Krankenstand in Deutschland pendelt sich demnach auf einem hohen Niveau ein. DAK-Chef Andreas Storm fordert die Einführung einer Teilkrankschreibung als wichtiges Instrument zur Senkung des Arbeitsausfalls. Lesen Sie mehr in unserer Pressemitteilung.
DAK-Gesundheit fordert Krankenstands-Gipfel beim Kanzler
• Krankenstands-Analyse 2025 der DAK-Gesundheit zeigt: Mit 19,5 Fehltagen pro Kopf bleibt Krankenstand auf anhaltend hohem Niveau
• Auffälliges Plus von 6,9 Prozent bei den Fehltagen aufgrund psychischer Erkrankungen
• DAK-Chef Storm fordert Einführung einer Teilkrankschreibung als wichtiges Instrument zur Senkung des Arbeitsausfalls
Die DAK-Gesundheit fordert einen Krankenstands-Gipfel im Kanzleramt. Nach der gemeinsam mit dem IGES Institut durchgeführten Krankenstands-Analyse für das Gesamtjahr 2025 waren DAK-versicherte Beschäftigte im Durchschnitt 19,5 Kalendertage krankgeschrieben. Zum Vorjahresvergleich bleibt der Krankenstand mit 5,4 Prozent damit stabil, jedoch auf einem weiterhin hohen Niveau. Die meisten Fehltage gingen erneut auf das Konto von Atemwegserkrankungen. Sie verursachten vergleichbar viel Arbeitsausfall wie im Vorjahr. Danach folgten psychische Erkrankungen mit einem Plus von 6,9 Prozent. Sie verdrängten Muskel-Skelett-Probleme als bisher zweitwichtigsten Grund für krankheitsbedingte Arbeitsausfälle auf Platz drei. DAK-Vorstandsvorsitzender Andreas Storm begrüßt die vom Bundeskanzler Friedrich Merz angestoßene Debatte um den im internationalen Vergleich hohen Krankenstand. Er fordert deshalb einen Krankenstands-Gipfel im Kanzleramt.
„Unsere Analysen zeigen, dass sich der Krankenstand auf einem hohen Niveau einpendelt. Deswegen ist es richtig und notwendig, eine fundierte Ursachenforschung voranzutreiben. Hierfür braucht es ein gemeinsames Handeln: Ein durch den Bundeskanzler initiierter Krankenstands-Gipfel sollte Arbeitgeber, Gewerkschaften, Ärzteschaft und Krankenkassen an einen Tisch bringen“, so DAK-Vorstandschef Andreas Storm. „Dabei geht es insbesondere darum, neue Lösungswege zu entwickeln. Ein wichtiger Baustein kann die Einführung einer Teilkrankschreibung bei bestimmten Erkrankungen und Diagnosen sein. Sie ist bereits ein bewährtes Instrument in skandinavischen Ländern.“
Auch Prof. Dr. Volker Nürnberg, BWL-Professor für Gesundheitsmanagement, sieht in der Teilkrankschreibung ein geeignetes Instrument: „Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter befinden sich nicht in einem eindeutigen Zustand von gesund oder krank, sondern dazwischen. Deshalb macht eine Teilkrankschreibung für bestimmte Tätigkeiten oder nur für einen Teil der Arbeitsstunden Sinn – das können zum Beispiel drei von acht Arbeitsstunden pro Tag sein – dort wo möglich auch im Homeoffice. Eine solche Regelung hat das Potenzial, zu einem signifikant niedrigeren Krankenstand zu führen.“
Für die aktuelle Analyse zu den Fehlzeiten im Gesamtjahr 2025 hat das Berliner IGES Institut im Auftrag der DAK-Gesundheit die Daten von rund 2,4 Millionen bei der Kasse versicherten Beschäftigten ausgewertet. Das Ergebnis: 2025 hatten die Beschäftigten im Durchschnitt 19,5 Fehltage pro Kopf – etwa so viel wie im Vorjahr (19,7 Tage). Atemwegsprobleme, psychische Erkrankungen sowie Muskel-Skelett-Erkrankungen waren zusammen für rund die Hälfte aller Ausfalltage verantwortlich. Im Vorjahresvergleich gab es 2025 bei den psychischen Erkrankungen einen Zuwachs von 6,9 Prozent auf rund 366 Fehltage je 100 Versicherte. Die Fehltage aufgrund von Atemwegsproblemen und Muskel-Skelett blieben hingegen mit 378 beziehungsweise 347 Tagen je 100 Versicherte weitgehend unverändert. „Psychisch bedingte Krankschreibungen sind oft mit langen Ausfallzeiten verbunden“, sagt DAK-Vorstandschef Andreas Storm. „Die Betriebe stehen vor der Herausforderung, eine hohe Zahl an Ausfalltagen wegen dieser Erkrankungen kompensieren zu müssen. Auch mit Blick auf die Wirtschaft ist Prävention das Gebot der Stunde.“
Prof. Dr. Nürnberg bestätigt, dass die psychischen Erkrankungen Treiber beim hohen Krankenstand sind: „Auch hier geht es nur im Zusammenspiel: Sowohl die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst als auch Arbeitgeber müssen auf gesünderes Arbeiten achten.“
Die durchschnittliche Dauer einer Krankschreibung lag 2025 bei knapp zehn Tagen. Bei den älteren Beschäftigten konnte ein Fall jedoch auch wesentlich langwieriger sein. So dauerte eine Krankschreibung bei den über 60-Jährigen im Durchschnitt etwa zwanzig Tage. Die DAK-Gesundheit beobachtet seit Jahren, dass es bei älteren Beschäftigten zunehmend zu längeren Krankschreibungen kommt und sie eher seltener, aber dafür im Durchschnitt immer länger krankgeschrieben sind. Trotz des demografischen Wandels wird durch diesen Umstand der Wert des Krankenstands insgesamt bisher noch nicht beeinflusst.
Im Branchenvergleich zeigt die Analyse der DAK-Gesundheit den höchsten Krankenstand im Gesundheitswesen mit 6,2 Prozent. Entsprechend hatten Beschäftigte in Krankenhäusern und Pflegeheimen pro Kopf die meisten Fehltage: durchschnittlich 22,5 Tage pro Jahr. Den niedrigsten Krankenstand hatten Beschäftigte in der Datenverarbeitungsbranche mit 3,4 Prozent und durchschnittlich nur 12,6 Fehltagen pro Kopf und Jahr.
Die DAK-Gesundheit versichert bundesweit 5,4 Millionen Menschen und setzte sich für gesundes Arbeiten ein. Mehr Infos zum Betrieblichen Gesundheitsmanagement der Kasse unter: www.dak.de/bgm
Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will die telefonische Krankschreibung überprüfen. Arbeitgeber fordern die sofortige Abschaffung, der Kanzler verweist auf hohe Krankenstände. Kritik an dem Vorhaben kommt aus der Opposition und vom früheren Gesundheitsminister.
In die von Bundeskanzler Friedrich Merz ausgelöste Debatte um den hohen Krankenstand in Deutschland schalten sich nun auch die Arbeitgeber ein: Die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung müsse Teil einer umfassenden Reform des Sozialstaats sein, fordert der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) Rainer Dulger. Die hohen Krankenstände kosten sowohl Krankenkassen als auch Wirtschaft viel Geld. Nach BDA-Angaben haben sich die Aufwendungen für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall in den vergangenen 15 Jahren verdoppelt. Mit insgesamt 82 Mrd. Euro machten sie inzwischen 1,7 Prozent der Wirtschaftsleistung aus, schreibt die BDA in einem noch unveröffentlichten Papier. Scharfe Kritik an der Diskussion um den Krankenstand kommt vom Hausärzteverband. Alle bisherigen Auswertungen der Krankenkassen bestätigten, dass die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung nicht zu einem höheren Missbrauch führe, sagte der Verbandsvorsitzende Markus Beier. Die Pseudo-Debatte um die telefonische Krankschreibung lenke von den wirklichen Problemen ab: etwa Langzeitkrankschreibungen mit Ausfällen von mehr als sechs Wochen. ... Die Medien kommentieren unterschiedlich: Die FAZ fordert mehr Verantwortungsbewusstsein und Maßnahmen, um das Blaumachen zu unterbinden - z. B. unbezahlte Karenztage zu Beginn der Krankmeldung. ....
DKG ZUR KREBSSTATISTIK Eine bessere Prävention ist der Schlüssel zu weniger Todesfällen
Anlässlich der neuesten Daten aus dem Statistischen Bundesamt zu Krebserkrankungen und -behandlungen in Deutschland fordert die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) einen Paradigmenwechsel in der Gesundheitspolitik hin zu mehr Prävention ein. Dazu erklärt der Vorstandsvorsitzende der DKG Dr. Gerald Gaß:
„Das Statistische Bundesamt vermeldet für 2024 weniger Krebstote aber mehr Krebsbehandlungen als im Vorjahr. Dass weniger Menschen an Krebs sterben, ist eine gute Nachricht. Dass es dennoch mehr Behandlungen gab, beweist den medizinischen Fortschritt und die gute Arbeit in deutschen Krankenhäusern sowie die Wirksamkeit verstärkter Früherkennung und immer besserer Arzneimittel. Alles das rettet immer mehr Menschen das Leben. Dennoch bleibt Krebs die Todesursache Nummer Eins. Ein Blick in die Statistik zeigt, dass ein großer Teil dieser Erkrankungen und Todesfälle vermeidbar wäre. Lungenkrebs bleibt die häufigste tödliche Krebsart. Lungenkrebserkrankungen sind weitgehend durch Verzicht auf Rauchen vermeidbar. Zahlreiche Untersuchungen haben bereits gezeigt, dass es ein besonders wirksames Mittel zur Tabakprävention gibt: Preiserhöhungen. Wir appellieren an den Gesetzgeber, die Vorschläge zur Erhöhung der Tabaksteuer aufzugreifen und sie wirksam umzusetzen. Wirksam bedeutet auch, auf die Tabaksteuererhöhungen nach Salamitaktik wie in den vergangenen Jahren zu verzichten. Wer Menschen wirklich von der Nikotinsucht befreien möchte, muss diese Steuer mit einem Mal spürbar und im Portemonnaie bemerkbar erhöhen. Tabakprävention bedeutet aber auch, Rauchen gesellschaftlich zu ächten. Deutschland gehört in dieser Hinsicht zu den Schlusslichtern in Europa: Rauchverbote werden nicht durchgesetzt oder existieren erst gar nicht, Tabakprodukte sind ständig und überall verfügbar. Automaten und offene Tabakregale an Supermarktkassen machen es Aufhörwilligen denkbar schwer, die Sucht hinter sich zu lassen. Dabei reicht ein Blick ins europäische Ausland: Neben Steuererhöhungen wirken Beschränkung der Verfügbarkeit, konsequente Rauchverbote auf öffentlichen Plätzen, in der Nähe von Schulen und Gesundheitseinrichtungen und in der Gastronomie oder nur besonders hässliche und schmucklose Einheitsverpackungen. Aber auch die weiteren Krebserkrankungen, die die Sterbestatistik anführen, wären in großen Teilen mit Prävention und gesetzlicher Regulierung vermeidbar. Auf dem zweiten Platz der Statistik folgt Darmkrebs – eine Krankheit, die in großen Teilen ungesunde Ernährung, Alkohol und Bewegungsmangel verursachen. In wenigen anderen europäischen Ländern ist Alkohol so billig und verfügbar wie in Deutschland. Lebensmittelkonsum ließe sich ebenfalls durch Ausdifferenzierung der Mehrwertsteuer beeinflussen. Warum nicht besonders gesunde Lebensmittel – Gemüse, Obst, pflanzliche Fette, Vollkornprodukte und anderes – mit null Prozent besteuern, und Zucker, tierische Fette und ähnlich Ungesundes höher belasten?
Wir führen seit Monaten eine recht ziellose Debatte über die GKV-Beiträge. Neben Scheinargumenten und viel Populismus haben die Akteure bislang nicht viel mehr als bloße Kürzungsvorschläge auf den Tisch gelegt. Aus der Beitragserhöhungsspirale und den allein schon demografisch bedingten Kostensteigerungen für unser Gesundheitssystem kommen wir aber nur heraus, wenn wir Behandlungen von Anfang an vermeiden. Die deutsche Politik muss dieses Problem jetzt unverzüglich angehen und darf keine Zeit mehr verlieren. Denn klar ist auch, dass Prävention nicht umgehend wirkt, Beitragszahlende und Gesundheitssystem aber mittel- und langfristig spürbar entlasten kann.“
Quelle: Pressemitteilung vom 02.02.2026
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