Claus Fussek - Robin Hood der Pflegebedürftigen

Pflegespezifische Themen; z.B. Delegation, Pflegedokumentation, Pflegefehler und Haftung, Berufsrecht der Pflegeberufe

Moderator: WernerSchell

Presse
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Claus Fussek - Robin Hood der Pflegebedürftigen

Beitrag von Presse » 29.08.2007, 07:07

Claus Fussek - Der Robin Hood der Pflegebedürftigen

München - Die eine verehren Claus Fussek, andere hassen ihn. Der 54-Jährige ist Deutschlands bekanntester Pflege-Kritiker. Seit 30 Jahren kämpft der Sozialpädagoge für die Rechte der Senioren.

Das Elend der Alten steckt in einem feuerroten Rucksack. "Da ist alles drin", sagt Claus Fussek, und der kurze Satz klingt wie eine Drohung. Der kleine Mann mit Ziegenbärtchen wuchtet den geballten deutschen Pflege-Notstand in seinem Büro von den Schultern.
... (weiter unter)
http://www.merkur-online.de/regionen/ms ... 828,832931

Sabrina Merck
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Es reicht nicht, die Pflege nur zu skandalisieren!

Beitrag von Sabrina Merck » 23.12.2007, 18:09

Es reicht nicht, die Pflege nur zu skandalisieren!

Hallo,
Claus Fussek hat - mit anderen - als Pflegekritiker auf die miese Pflegesituation in Deutschland aufmerksam gemacht. Die Verdienste der Pflegekritiker, Fussek ist nur einer von vielen, darf nicht kleingeredet werden. Bedauerlich ist nur, dass sich Claus Fussek in Talkshows allein als "Skandalbeschreiber" missbrauchen lässt. Ich würde mir wünschen, dass von ihm mehr konstruktive Vorschläge kämen. Behauptungen, es sei genug Geld im System, - und andere - sind so nicht nachvollziehbar. Wissenschaftliche Belege deuten in andere Richtungen (wird auch hier im Forum verdeutlicht). Die ständigen Forderungen, Pflegekräfte sollten couragierter auftreten, hilft allein auch nicht. Wer verschafft denn den Pflegekräften, die sich für bessere Bedingungen einsetzen, bei Bedarf eine neue Arbeitsstelle?
Wir müssen allesamt für strukturelle Veränderungen eintreten, und die müssen wir argumenativ und ganz konkret einfordern. Es reicht nicht, die Pflege allein zu skandalisieren!
MFG
Viele Grüße und frohe Feiertag!
Sabrina
Dem Pflegesystem und den pflegebedürftigen Menschen muss mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden! Daher:
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk!
http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de

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Herr Fussek steht mit den Politikern an einem Tisch

Beitrag von johannes » 24.12.2007, 10:29

Herr Fussek steht mit den verantwortlichen Politikern an einem Tisch. Aber eine Änderung ist nicht in Sicht.

Eine Erklärung wäre: Die Politiker müssen weder den normalen Pflegealltag ertragen - sie haben bessere Möglichkeiten als das Volk - noch müssen sie sich mit der ganzen Bürokratie, die die Verantwortung verantwortungslos ständig hin und her schiebt, auseinander setzen. Sie stehen darüber, ja, sie schaffen sie.

Wenn diese Stammtische mehr wären, als eben Stammtische, würde eine menschenwürdige - auch Pflege- - Politik die Folge sein. Bayern lobt die Fortschritte im Bereich Pflege? Dabei ist dort noch so viel Aufholbedarf im Vergleich zu anderen Bundesländern. Ein Vergleich mit jenen, die noch schlechter sind, ist zwar vorteilhaft, aber wenig nütze. Wo ist z. B. ein angemessener Personalbemessungsgrundsatz, um nur ein einziges Beispiel zu nennen?

Herr Fussek versucht, die Betreiber in die Ecke zu stellen als die Buhmänner der Pflegelandschaft. War er schon einmal in einer Pflegesatzverhandlung? Hat er schon einmal gehört, wie die Vertreter der Pflegekassen sagten: Sie wollen so viel Personal? Aber sie haben nur dieses Butget, das muß reichen! Bei anderen gibts sogar noch weniger! War er schon einmal dabei? Hat er den Kassenvertretern dann auf die Finger geklopft und gesagt: so gehts aber nicht!?

Wenn er s getan hätte, wäre das bei seiner Popularität gewiß veröffentlicht worden! Es gibt ein Gesetz, das SGB XI, das ausreichend Personal vorschreibt. Und ausgerechnet jene, die die Gelder dafür bewilligen sollen, bestimmen, was ausreichend ist. Schilda ist überall - auch in der Pflege! Es hat von seiner Realität noch nichts eingebüßt.

Johannes
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Fussek - sagt er nicht auch die Wahrheit?

Beitrag von enno » 02.01.2008, 00:45

hallo
gut er wiederholt sich in den medien, aber sagt er nicht auch die wahrheit?
lest doch mal das buch ,90 tage achterwasser.
hört doch mal in eure eigene umgebung um!?
werden nicht immer mehr neue "pflegezentren" gebaut, sie müssen ja profitbringen sein.
geburt, pflegebedüftigkeit und tot sind schon immer profitbringende einnahmequellen gewesen.
weil man die not und hilfe der menschen ausnutzt.
mfg enno

Gaby Modig
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Claus Fussek erhielt das Bundesverdienstkreuz

Beitrag von Gaby Modig » 18.02.2008, 09:49

Claus Fussek erhilet das Bundesverdienstkreuz

Claus Fussek wurde das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen . Der Gründer der "Vereinigung für Integrationsförderung e.V." gehört zu den vehementesten Kritikern des Pflegesystems. Das Bundesverdienstkreuz erhielt er aus der Hand von Bayerns Sozialministerin Christa Stewens.

Die Zeitschrift "Altenpflege", 2/2008, Vincentz-Net, berichtete dazu:
Der Sozialpädagoge Claus Fussek ist durch seine schonungslose Kritik an den Praktiken in der deutschen Altenpflege und am System überhaupt bekannt geworden. Auf einen "Aufstand der Anständigen" hoffte er, als er vor fast 30 Jahren die Münchner Vereinigung für Integrationsförderung e.V. mitbegründete, der es zunächst um Chancengleichheit für Behinderte ging. Bald wurde ihm deutlich, dass im Bereich der Altenpflege ein ebenso großer Bedarf an Hilfe und Aufklärung besteht.
Als "Robin Hood" der Altenpflege, der im Einzelfall hilft, aber auch die Missstände im System öffentlich benennt, hat er sich einen Namen gemacht. Rund 40 000 Fälle hat er mittlerweile gesammelt.
Quelle: http://www.vincentz.net/altenheim/nachrichten.cfm

Ich denke, dass Claus Fussek die Ehrung verdient hat. Solche Folgerungen sind bei der vergabe von Orden und Ehrenzeichen nicht immer angebracht.

Gaby

R.Koep
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Beitrag von R.Koep » 18.02.2008, 13:01

Sehr geehrte Damen und Herren,

in kurzem Worten möchte ich der Frau Merck recht geben, dass es nicht nur sein kann Kritische Situationen in der Altenpflege aufzuzeigen, ohne Lösungsvorschläge zuhaben. Es gibt viele ausser Herrn Fussek die sich um die alten Menschen in den Einrichtungen kümmern und an Missstände arbeiten ohne dabei in die Öffentlichkeit zugehen.

Mit freundlichen Grüßem

R.Koep

Lutz Barth
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Engel der Alten

Beitrag von Lutz Barth » 18.02.2008, 17:16

In der Tat stellt sich die Frage, ob nicht das Verhalten so mancher Pflegekritiker selbst kritisch zu reflektieren ist. Ich habe mich hierzu seit geraumer Zeit positioniert und ich halte den Weg der Stigmatisierung eines gesamten Berufsstandes für nicht akzeptabel und die Folge besteht nicht selten darin, dass die durchaus noch vorhandenen defizitären Um- und Zustände in manchen Alteneinrichtungen eigentlich nicht mehr wert sind, als eine öffentlichkeitswirksame Schlagzeile von vorübergehendem Wert.

Wer den „Mord auf Raten“ in stationären Alteneinrichtungen „anklagt“ und hierbei die Mitarbeiter zu mehr Zivilcourage (ggf. bis hin zum Verlust des Arbeitsplatzes) auffordert, erweist insbesondere den Pflegenden einen gewaltigen Bärendienst, mal ganz abgesehen davon, dass sich hier beachtliche Defizite in der rechtlichen Bewertung sog. Pflegeskandale einstellen.
Die Diskussion ist insgesamt zu entemotionalisieren und setzt konstruktive Kritik voraus. Die jüngsten Stellungnahmen der „Engel der Alten“ vor dem Gesundheitsausschuss mit Blick auf das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz hingegen verdeutlichen die Dilemmata in der ab und an aufbrausenden Debatte und wird sicherlich nicht dadurch insgesamt erträglicher, wenn nunmehr „Sterne fürs Pflegeheim“ vergeben werden sollen.

Die Ursachen für die leider immer noch beklagenswerte Defizite sind hinreichend bekannt und sind entgegen so mancher Stimmen eben nicht nur in strukturellen Unzulänglichkeiten zu erblicken. Nehmen wir die jeweiligen Berichte der Medizinischen Dienste (u.a. auch renommierter Rechtsmediziner) ernst, so besteht für mich kein Zweifel daran, dass nicht selten die Ursache in einer mangelnden bodenständigen Qualifikation erblickt werden muss. Diese Tendenz scheint allerdings auch forciert zu werden, denn es ist ein offenes Geheimnis, dass durchaus prominente Pflegerechtler die These vertreten, dass zwar Kooperationsverträge mit Ärzten abgeschlossen werden sollten, aber im Übrigen die Pflegenden und damit die Träger selbst entscheiden, ob sie die medizinische Behandlungspflege durchführen wollen. Hier findet auf ganzer Linie eine Paraprofessionalisierung des sehr anspruchsvollen Altenpflegeberufes statt, obgleich doch die Altenpflege im Kern mit ihren sozialpflegerischen Komponenten angetreten ist.

Das durch eine solche „Aufgabenverlagerung“ Defizite vorprogrammiert sind, dürfte auf der Hand liegen und dies ist beileibe nicht nur ein strukturelles Problem.

Insgesamt muss es nachdenklich stimmen, wenn derzeit die Pflegecharta zur magna charta erhoben wird, obgleich doch in dieser Charta Selbstverständlichkeiten betont werden. Warum soll also ein „Stern“ zu vergeben sein, wenn die Praxis das einlöst, wozu diese ohnehin (rechtlich) verpflichtet ist?

Die „Engel der Alten“ sollten sich in ihrer öffentlichkeitswirksamen Kritik ein wenig disziplinieren, zumal die unmittelbaren Adressaten vermehrt dazu neigen, unangenehme Bewusstseinsinhalte nach dem Moment der unmittelbaren Betroffenheit wieder auszublenden.

Wir brauchen keinen „Walraff“ der Pflege, denn die zu ändernden Umstände sind seit Jahrzehnten bekannt.

Lutz Barth

Jens64
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Beitrag von Jens64 » 18.02.2008, 18:32

Bundesverdienstkreuz und "Robin Hood" der Altenpflege ?
Meine Güte....wenn schon das alleinige Beklagen von Mißständen dazu qualifiziert, müsste jeder Politiker ein Kreuzle bekommen...immerhin finden die jeden Tag Mißstände (bevorzugt bei der gegnerischen Partei).
Weiterhin sind seine Schlussfolgerungen immer die selben:

- die bösen raffgierigen Pflegeheimbetreiber sind schuld
- Pfleger wehrt euch, zeigt euren Arbeitgeber an
- "Es ist doch genügend Geld da, alle wissen es" (komischerweise weiss das ausser Herrn Fussek keiner und er auf Nachfrage selber nicht)
- "Es ist doch lange bekannt, was getan werden muss" (Konkrete und realistische Vorschläge kommen dann aber auch nicht mehr)

Sein ständiges Wiederholen von Platitüden erinnert mich an Oskar Lafontaine. Zwar nehme ich Herrn Fussek seine ehrliche Betroffenheit und sein Engagement im Gegensatz zu Oskar zwar ab, das füllt seine immer gleichen Parolen auch nicht mit mehr Inhalt.

Um nur mal einige, auch hier im Forum oft anzutreffende Statements aufzugreifen:

1.) Mit alten Menschen darf man kein Geld verdienen/die bösen Betreiber stecken sich zu Lasten der alten Menschen und des Plegepersonals das Geld in die eigene Tasche:
Ärzte, Apotheker, Pharmaunternehmen etc. verdienen auch mit dem Leid alter Menschen ihr Geld...da stört es komischerweise selten wen.
Es spricht auch nichts dagegen....wer das Risiko der Selbständigkeit und die schlechten Rahmenbedingungen auf sich nimmt und gute Arbeit leistet, hat es meines Erachtens auch verdient, gut zu verdienen.
Wie in jeder Branche gibt es schlechte Schafe, welche auf Kosten von Bewohnern und Mitarbeitern absichtlich an allen Ecken und Enden sparen, um sich selber den dritten Porsche vor die Tür zu stellen. Dies sind aber Ausnahmen, und vor allem erklärt dies nicht, wieso die Pflegebranche insgesamt verbesserungswürdig dasteht. Dies liegt eher an....

2.) Rahmenbedingungen:
a) Dies geht in die Richtung, die Johannes schon angestoßen hat. Die Menge an Pflegepersonal liegt nicht in der Hand der Betreiber, sondern nahezu ausschließlich in der Hand der Pflegekassen. Diese geben für die Pflegesatzverhandlungen ihre Personalschlüsselkorridore vor, ein mehr an Personal wird mit dem Totschlagargument "Andere Einrichtungen kommen damit auch aus" abgeblockt. Eben nur für die Personalmenge lt. Schlüssel gibt es auch Geld...und es wird wohl kaum einer erwarten, dass Betreiber mehr Personal als finanziert einstellen, um anschließend selber unter der Brücke zu leben.

b) Zunehmende "Entwertung" des Pflegepersonals durch Papier:
Vor ~10-15 Jahren hatte kaum eine Einrichtung ein Qualitätsmanagementssystem, ein Pflegekonzept, ein Hauswirtschaftskonzept, ein Konzept für die soziale Betreuung, ein (Konzept für wasweisichwas), eine Pflegeplanung über x Seiten, Leistungsnachweise bis zum abwinken, Stellenbeschreibungen, und so weiter etc.
War damals die Qualität der Pflege schlechter ? Ich behaupte...nein, eher besser. Der ganze formelle Aufwand bringt vor allem einem was...dem MDK, der in seinen Prüfungen sich stundenlang mit dem Abgleich von Stellenbeschreibungen zu Leistungsnachweisen, dem Überprüfen der Stimmigkeit von Pflegeplanung und Leistungsnachweisen etc. beschäftigen kann (muss ?) und von der kompletten Prüfzeit vielleicht 1/6 beim Bewohner selber verbringt.
Durch den geschaffenen Aufwand wurde die für die Pflege verbleibende Zeit auf geschätzt 50% der Nettoarbeitszeit einer Fachkraft, geschätzt 70-80% einer Hilfskraft, gedrückt, ohne das Bewohner oder Angehörige von dem ganzen Formalismus etwas haben.
Vor dem Hintergrund ist die ganze Diskussion um die Veröffentlichung von MDK-Prüfberichten eh eine Farce...alles, was hier veröffentlicht werden kann, ist die akribische Rummäkelei an größtenteils unnötigen Dokumenten...wie es dem Bewohner wirklich geht, wird hierbei allenfalls am Rande erhoben. Wenn ich mein Auto zum Tüv bringe, schaut der sich auch das Auto an und nicht die Konstruktionspläne von VW und die Stellenbeschreibungen der Kfz-Mechaniker.

3. Die Kritik ist an die Falschen gerichtet:
Herr Fussek erweist mit seinem ständigen Rumgehacke auf dem raffgierigen Betreiber seinem eigenen Anliegen einen Bärendienst.
Zu gerne wird doch vor allem von Seiten der Politik, der Pflegekassen und der Sozialhilfeträger dies aufgenommen....es ist ja auch so schön einfach, wenn einige raffgierige Einzelfälle schuld sind und man die selbst verschuldeten (vgl. Punkt 2) systemimmanenten Mängel nicht ansprechen muss.

4. Mangelnde Ehrlichkeit aller Beteiligten:
Die gebetsmühlenartig vorgetragene Transparenz, die geplanten Pflegestützpunkte (Beratung aus der Hand dessen, der es finanzieren muss...eine sehr gute Idee), immer mehr und unangemeldete Prüfungen von MDK und Heimaufsicht, ein umformuliertes Grundgesetz (=Charta der Rechte von alten Menschen)...dies alles wird an der Qualität der Pflege insgesamt meiner Meinung nach rein garnichts verändern.
Eine Anhebung der seit Ewigkeiten nahezu unveränderten Personalschlüssel um ~20-30% sowie eine radikale Entschlackung von nutzlosen Konzepten, QM-Systemen etc. würde viel mehr helfen.
Dies scheitert aber daran, dass die mit der Anhebung der Personalkosten verbundenen Mehrausgaben wohl die Pflegeversicherung sprengen würden und daran, dass die Veröfentlichung der MDK-Berichte und damit verbunden die Weiterführung von Papier und noch mehr Papier anscheinend der Heilige Gral von Politik und Pflegekassen ist.


Ich höre mal auf...sonst könnte ich mich noch seitenweise lang drüber Auslassen.

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Stellenschlüssel für das Heimpersonal

Beitrag von PflegeCologne » 20.02.2008, 07:55

Hallo Jens,
Deinen Ausführungen kann ich grundsätzlich zustimmen. Es macht keinen Sinn, allein anzuklagen und keine Alternativen aufzuzeigen. Pauschaliert die Pflege schlecht zu reden, und gar neuerdings von Pflegemafia zu reden, ist so nicht akzeptabel. Das müsste man Herrn Fussek einmal deutlich klar machen.
Herr Schell u.a. haben dem gegenüber seit Jahren auf die unzulängliche Personalsituation aufmerksam gemacht und mehr Personal angemahnt:
Stellenschlüssel für das Heimpersonal
viewtopic.php?t=3917&highlight=stellenschl%FCssel
Pflegesystem strukturell verändern - jetzt!
viewtopic.php?t=7248&highlight=stellenschl%FCssel
Beim Neusser Pflegetreff wurde das Thema ebenfalls vorgestellt:
viewtopic.php?t=7540
Ohne ausreichendes qualifiziertes Personal ist keine gute Pflege zu gewährleisten! - Es ist eigentlich ein Unding, dass die Pflegekassen einerseits die Personalstellenpläne nach unten drücken, Stellenausweitungen verhindern, andererseits über den MDK Pflegemissstände beklagen lassen. Man müsste die Frage nach Ursache und Wirkung deutlicher stellen. Vielleicht verstünde auch dann Herr Fussek, worum es im Kern geht.
MfG
PflegeCologne
Alzheimer - eine Krankheit, die mehr Aufmerksamkeit erfordert! - Pflegesystem muss dem angepasst werden, auch, wenn es teurer wird! - Ich bin dabei:
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"Pflegemafia" - ein Fehlgriff in der Wortwahl

Beitrag von PflegeCologne » 22.02.2008, 11:05

"Pflegemafia" - ein Fehlgriff in der Wortwahl!

Hallo an alle!

Was mir noch bemerkenswert erscheint:
Es ist unstrittig, dass es im Pflegesystem vielfältige Mängel / Missstände / Rechtsverletzungen gibt. Diese müssen gehörig angesprochen und abgestellt werden.
Nicht angemessen erscheint mir aber, generell von der Pflegemafia zu sprechen. Das ist eine Ausdrucksweise, die m.E. auch bezüglich der Pflegemängel nicht benutzt werden darf. Leider hat sich Claus Fusse insoweit vergriffen. Sein neues Buch (mit Herrn Schober als Mitautor) trägt den Titel
Im Netz der Pflegemafia
Wie mit menschenunwürdiger Pflege Geschäfte gemacht werden

viewtopic.php?t=8193
Geht es bei dieser Titelwahl nicht auch darum, ein Buch werbemäßig zu puschen und letztlich mit dem Elend anderer Geld zu verdienen? Ich hätte Herrn Fussek von der Titelwahl dringend abgeraten. Das erscheint mir als Fehlgriff. Denn letztlich werden für die ungünstigen Pflegesituationen die Pflegekräfte pauschal in die Verantwortung genommen. Das haben sie nicht verdient. Sie wollen nahezu ausnahmslos gute Arbeit leisten, werden aber durch die miesen Strukturen daran gehindert.
Ich bin auf den Inhalt des Buches gespannt!
MfG
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Begrüßenswertes Votum von PflegeCologne!

Beitrag von Lutz Barth » 24.02.2008, 08:04

Dem Statement von PflegeCologne kann ich mich nur anschließen, mahnt sie doch davor, ggf. durch eine bewusste Wortwahl einen gesamten Berufsstand nicht zu diskreditieren.
Bereits im Jahre 2005 habe ich hierauf aufmerksam gemacht; vgl. dazu
>>> http://www.iqb-info.de/Sprache_und_Medi ... h_2005.pdf

Das Engagement des Herrn Fussek in allen Ehren, aber er erweist nicht selten den Pflegenden mit seinen Statements einen "Bärendienst".

Über die skandalträchtigen Buch- und Aufsatztitel hinaus dürfte hier ein wenig mehr an Substanz zu erwarten sein, wie sich unschwer aus seiner erst kürzlich vor dem Ausschuss Gesundheit präsentierten Stellungnahme zum Pflege-Weiterentwicklungsgesetz als Einzelsachverständiger ergibt.

>>> vgl. dazu Stellungnahme v. C. Fussek >>> http://www.bundestag.de/ausschuesse/a14 ... Fussek.pdf

Herr Fussek ist in seiner Stellungnahme seinem "Stil" treu geblieben und er hat als Einzelsachverständiger m.E. die Chance vertan, ggf. seine Vorstellungen in qualifizierter Form im Zuge der Debatte um das Pflege-Weiterwentwicklungsgesetz vorzutragen. Jedenfalls im Diskurs unter Experten brauchen wir keine "Sonntagsreden" und markige Sprüche, sondern solide vorgetragene Argumente, die den Gesetzgeber dazu veranlassen könnten, ggf. Änderungen am Gesetzentwurf vorzunehmen.

So aber geht das nun freilich nicht, wie Herr Fussek sich das vorgestellt hat. Diese Kritik muss sich Herr Fussek gefallen lassen, auch wenn er für sein soziales Engagement das Bundesverdienstkreuz erhalten hat.

Mit freundlichen Grüßen
Lutz Barth
Wir vertreten nicht immer die herrschende Lehre!

fiutare

Beitrag von fiutare » 04.03.2008, 13:12

Jeder wirkliche Kenner des Pflegesystems weiss doch, dass die Mißstände in den Pflegeheimen ihren Grund vor allem in der skandalösen Personalbemessung haben. Und dass diese Personalbemessungen politisch verursacht sind und von den Kostenträgern rigide umgesetzt werden.

Leider wird die Öffentlichkeit durch Leute wie Herrn Fussek auf einem immer hohen Sensationslevel gehalten - da erübrigt sich doch jede weitere Nachfrage.

Die Politik dankt derlei Ablenkungsmanöver von eigenen Versäumnissen und Fehlentscheidungen schon einmal mit einem Bundesverdienstkreuz.

Lutz Barth
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Pflegerechtler eben diesen Prozess

Beitrag von Lutz Barth » 04.03.2008, 13:45

Auch dem vorstehenden Statement kann ich mich vorbehaltlos anschließen. In der Tat liegt eines der Kernprobleme in der nach wie vor höchst unbefriedigenden Personalbemessung.

In diesem Zusammenhang stehend muss allerdings auch betont werden, dass nicht selten renommierte Pflegerechtler hierzu einen entscheidenen Beitrag leisten. Die "state of the art" Klausel dient einigen Pflegerechtlern als willkommende Klaviatur, um mit einem beachtlichen Aufwand darlegen zu können, dass eben die Fachkraftquote durchaus interpretierbar sei. Dem mag man/frau im Einzelfall zustimmen können, wenngleich im Kern es dabei bleiben muss, dass qualifizierte Betreuung und zugewandte Pflege auch hinreichend qualifiziertes Personal bedarf. Dass mittlerweile die Rechtsprechung ebenfalls dazu übergegangen ist, die lege artis geschuldete Pflege an den wirtschaftlichen und personellen Möglichkeiten der Träger auszurichten, dürfte eine Folge hieraus sein. Pflege wird danach an einem ethischen Minimum ausgerichtet und dies wird dann auch noch dadurch flankiert, in dem dem Bewohner das "Recht zur psychischen Krankheit" konzediert und er seinem typischen Lebensrisiko ausgesetzt wird. Eine unheilvolle Tendenz.

Lutz Barth
Wir vertreten nicht immer die herrschende Lehre!

fiutare

Beitrag von fiutare » 05.03.2008, 10:04

Jens64 hat geschrieben:Bundesverdienstkreuz und "Robin Hood" der Altenpflege ?
Meine Güte....wenn schon das alleinige Beklagen von Mißständen dazu qualifiziert, müsste jeder Politiker ein Kreuzle bekommen...immerhin finden die jeden Tag Mißstände (bevorzugt bei der gegnerischen Partei).
Weiterhin sind seine Schlussfolgerungen immer die selben:

- die bösen raffgierigen Pflegeheimbetreiber sind schuld
- Pfleger wehrt euch, zeigt euren Arbeitgeber an
- "Es ist doch genügend Geld da, alle wissen es" (komischerweise weiss das ausser Herrn Fussek keiner und er auf Nachfrage selber nicht)
- "Es ist doch lange bekannt, was getan werden muss" (Konkrete und realistische Vorschläge kommen dann aber auch nicht mehr)

Sein ständiges Wiederholen von Platitüden erinnert mich an Oskar Lafontaine. Zwar nehme ich Herrn Fussek seine ehrliche Betroffenheit und sein Engagement im Gegensatz zu Oskar zwar ab, das füllt seine immer gleichen Parolen auch nicht mit mehr Inhalt.
........
Ich höre mal auf...sonst könnte ich mich noch seitenweise lang drüber Auslassen.

Schade, dass Sie aufgehört haben. Ich habe selten eine präzisere Situationsbeschreibung gelesen. Vielen Dank.

Und was Herrn Fussek betrifft, dem ja dieser Thread gewidmet ist: Es gibt einen Satz - er ist nicht von mir, sondern von einem mir bekannten an der unmittelbaren Basis arbeitenden Altenpfleger - der absolut treffend aussagt, wie dieser Mann einzuordnen ist, und zwar:

"Herr Fussek wäre mit seinem unermüdlichen Engagement ein Segen für die Altenpflege - wenn er wüsste, wovon er spricht."

Dem ist nichts hinzuzufügen.

fiutare

Re: Engel der Alten

Beitrag von fiutare » 05.03.2008, 10:21

Lutz Barth hat geschrieben:Wir brauchen keinen „Walraff“ der Pflege, denn die zu ändernden Umstände sind seit Jahrzehnten bekannt.Lutz Barth
Ah ja - wie ich sie liebe, diese Sätze. Ganz kurz anvisiert und aus der Hüfte abgeschossen - und doch mitten ins Schwarze.

Es ist doch so: Die "bekannten Umstände" müssen mit aller Kraft vertuscht werden. Dass Ausbeutung von Mitarbeitern in der Pflege von der Politik befördert wurde und wird - das darf doch niemand wissen.
Wettbewerb olé!
Die von uns gewählten Volksvertreter und Gesetzeserfinder tun doch alles, um lästige Pflichten (Gesundheitswesen, öffentlicher Verkehr, Sicherheit, bald noch Bildung) in die Arme raffgieriger Konzerne zu treiben.

Wir haben heute in der Altenpflege die unglaubliche Situation, dass Pflichtversicherungsbeiträge in Renditen umgewandelt werden können. Danke Politik, toll hingekriegt!
Warum legt ein Herr Fussek oder ein Boulevard-Journalist nicht einmal den Finger in eine solche Wunde?
Weil sie es nicht verstehen (wollen/können)? Weil es nicht sensationell genug ist?

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