Deutsche wollen zuhause sterben

Rechtsbeziehung Patient – Therapeut / Krankenhaus / Pflegeeinrichtung, Patientenselbstbestimmung, Heilkunde (z.B. Sterbehilfe usw.), Patienten-Datenschutz (Schweigepflicht), Krankendokumentation, Haftung (z.B. bei Pflichtwidrigkeiten), Betreuungs- und Unterbringungsrecht

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Deutsche wollen zuhause sterben

Beitrag von WernerSchell » 20.08.2012, 16:51

Siehe auch unter
Palliativversorgung und Hospizarbeit ausweiten
viewtopic.php?t=17534

Ärzte Zeitung, 20.08.2012
Umfrage - Deutsche wollen zuhause sterben
Was die meisten schon geahnt haben, ist Gewissheit: Die Deutschen wollen lieber daheim sterben als im Krankenhaus. Und zwar so: begleitet, betreut und schmerzfrei - am besten organisiert vom Hausarzt.
Von Anno Fricke
BERLIN. Der Trend ist eindeutig. Wer sich mit dem eigenen Tod auseinandersetzt, wünscht sich in der Regel, zu Hause zu sterben. Das bestätigt eine aktuelle Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes (DHPV).
.... Weiter unter
http://www.aerztezeitung.de/politik_ges ... sellschaft
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WernerSchell
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Palliativmedizin und Sterbebegleitung werden immer wichtiger

Beitrag von WernerSchell » 20.08.2012, 16:54

Siehe auch unter
Palliativversorgung und Hospizarbeit ausweiten
viewtopic.php?t=17534
+++
Palliativmedizin und Sterbebegleitung werden immer wichtiger

Berlin (ots) -

- Querverweis: Ein Dokument mit Hintergrundinformationen liegt in
der digitalen Pressemappe zum Download vor und ist unter
http://www.presseportal.de/meldung/2309496 abrufbar -

- Querverweis: Bildmaterial wird über obs versandt und ist
abrufbar unter http://www.presseportal.de/meldung/2309496 -

- Querverweis: Audiomaterial ist unter
http://www.presseportal.de/meldung/2309496 und
http://www.presseportal.de/link/multimedia.mecom.eu abrufbar -

Fragt man die Menschen in Deutschland, wo sie am liebsten sterben möchten, dann antworten die meisten "zuhause". Laut einer aktuellen SPIEGEL-Umfrage wünschen sich das 66 Prozent, immerhin rund 15 Prozent bevorzugen ein Hospiz oder eine Palliativstation. Der Wunsch, die letzte Lebenszeit im vertrauten Umfeld zu verbringen, ist verständlich. Die Realität sieht allerdings meistens anders aus.
Hierzulande stirbt immer noch fast die Hälfte der Menschen im Krankenhausbett. Zugleich nimmt aber die Bedeutung der stationären und ambulanten Palliativbetreuung kontinuierlich zu. So hat sich die Zahl der palliativen Angebote innerhalb von rund zehn Jahren verdreifacht. Aktuell gibt es in Deutschland etwa 190 stationäre Hospize, 230 Palliativstationen an Krankenhäusern und 1500 ambulante Palliativdienste. Glaubt man Dr. Birgit Weihrauch, der Vorsitzenden des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbandes (DHPV), dann werden Palliativmedizin und Sterbebegleitung in Zukunft noch wichtiger
werden:

O-Ton Dr. Weihrauch: "Ich denke, dass wir in unserer Gesellschaft mit der demografischen Entwicklung und mit der Veränderung unserer Altersstrukturen vor einer immensen Herausforderung stehen.
Vielleicht vor der größten Herausforderung vor die unsere Gesellschaft überhaupt gestellt ist. Es geht darum Hospizkultur und Palliativkompetenz auch dorthin zu tragen, wo alte Menschen sterben.
Das sind vielfach Pflegeeinrichtungen. Wir müssen in den Pflegeeinrichtungen auch Haltungen und Einstellungen ändern."

Die Begleitung von Sterbenden und deren Angehörigen ist eine Gemeinschaftsaufgabe, die vor allem von Ärzten, Pflegern, Ehrenamtlichen und Seelsorgern getragen wird. Im Zentrum stehen die Wünsche und individuellen Bedürfnisse der Patienten und nicht eine bestimmte Behandlungsleitlinie. Oft sind Zuwendung und Kommunikation die beste Medizin, aber auch die Schmerzlinderung spielt eine wichtige Rolle - gerade bei Krebspatienten. Schmerzmedikamente können todkranke Menschen zwar nicht mehr heilen aber entscheidend dazu beitragen, dass sie sich körperlich besser fühlen und leichter zuhause betreut werden können. Der Zugang zu Betäubungsmitteln ist medizinisch streng reglementiert, erst seit kurzem dürfen Hospize und ambulante Palliativteams einen Notvorrat an Schmerzmedikamenten anlegen. Für Dr. Birgit Weihrauch vom Deutschen Hospiz- und PalliativVerband (DHPV) geht diese Regelung aber noch nicht weit genug, sie fordert weitere Änderungen im Betäubungsmittelgesetz:

O-Ton Dr. Weihrauch: "Im Moment sind wir dabei, in einem weiteren Gesetzgebungsverfahren uns dafür einzusetzen, dass Ärzte in einer Krisensituation in der ambulanten Versorgung auch Arzneimittel da lassen dürfen, wenn keine andere Möglichkeit für Schmerzpatienten besteht, sie kurzfristig zu bekommen. Denn sonst wäre die Alternative sie ins Krankenhaus einzuweisen und das ist weiß Gott nicht unbedingt die bessere Lösung als eine Versorgung zu Hause. Insofern spielen Schmerzmedikamente und überhaupt Medikamente natürlich auch eine wichtige Rolle."

Pressedienst online: http://www.bpi.de

Quelle: Pressemitteilung vom 20.08.2012 BPI Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie
Pressekontakt:
Joachim Odenbach, BPI-Pressesprecher, Tel. 030 279 09 131, jodenbach@bpi.de

Andreas Aumann, BPI-Pressereferent, Tel. 030 279 09 123, aaumann@bpi.de
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PflegeCologne
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Ambulante Palliativversorgung und Hospizarbeit stärken

Beitrag von PflegeCologne » 21.08.2012, 07:06

Guten Morgen,
das Umfrageergebnis überrascht nicht. Wir wissen seit vielen Jahren, dass die Menschen, wenn es irgendwie geht, zu Hause, also in ihrer gewohnten Umgebung, sterben wollen. Dass dies noch einmal anhand von Umfrageergebnissen in Erinnerung gerufen wird, ist gut und richtig. Wir müssen aber auch die Konsequenzen ziehen und die entsprechenden Voraussetzungen schaffen. Die ambulante palliative und hospizliche Versorgung gehört gestärkt.
Viele Grüße
Pflege Cologne
Alzheimer - eine Krankheit, die mehr Aufmerksamkeit erfordert! - Pflegesystem muss dem angepasst werden, auch, wenn es teurer wird! - Ich bin dabei:
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Ambulante Palliativversorgung und Hospizarbeit stärken

Beitrag von Sabrina Merck » 25.08.2012, 07:57

PflegeCologne hat geschrieben: ... das Umfrageergebnis überrascht nicht. Wir wissen seit vielen Jahren, dass die Menschen, wenn es irgendwie geht, zu Hause, also in ihrer gewohnten Umgebung, sterben wollen. Dass dies noch einmal anhand von Umfrageergebnissen in Erinnerung gerufen wird, ist gut und richtig. Wir müssen aber auch die Konsequenzen ziehen und die entsprechenden Voraussetzungen schaffen. Die ambulante palliative und hospizliche Versorgung gehört gestärkt. ....
Hallo zusammen,
ja das ist richtig. Ich bin allerdings, wie an anderer Stelle im Forum bereits nachlesbar, sehr dafür, auch die palliative Versorgung in den stationären Pflegeeinrichtungen zu stärken. Denn wenn dies nicht ausreichend geschieht, werden die HeimbewohnerInnen in schwierigen Krankheitssituationen, im Sterbeprozess, ins Krankenhaus abgeschoben. Das darf nicht sein, denn für die HeimbewohnerInnen ist die Pflegeeinrichtung das Zuhause - und dort wollen sie meist auch bleiben. Daher muss eine palliative Hilfe in den Heimen im Gesamtkonzept der Palliativversorgung einer Region ausreichend berücksichtigt werden. Dies führt zwangsläufig dazu, dass die Pflegekräfte entsprechend fortgebildet werden müssen. Eine solche Fortbildung muss frühzeitig erwogen und begonnen werden.
Lb. Grüße Sabrina
Dem Pflegesystem und den pflegebedürftigen Menschen muss mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden! Daher:
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Palliativversorgung ... auch in den Heimen stärken

Beitrag von PflegeCologne » 26.08.2012, 07:30

Sabrina Merck hat geschrieben: ..... sehr dafür, auch die palliative Versorgung in den stationären Pflegeeinrichtungen zu stärken. Denn wenn dies nicht ausreichend geschieht, werden die HeimbewohnerInnen in schwierigen Krankheitssituationen, im Sterbeprozess, ins Krankenhaus abgeschoben. Das darf nicht sein, denn für die HeimbewohnerInnen ist die Pflegeeinrichtung das Zuhause - und dort wollen sie meist auch bleiben. Daher muss eine palliative Hilfe in den Heimen im Gesamtkonzept der Palliativversorgung einer Region ausreichend berücksichtigt werden. Dies führt zwangsläufig dazu, dass die Pflegekräfte entsprechend fortgebildet werden müssen. Eine solche Fortbildung muss frühzeitig erwogen und begonnen werden. ....
Hallo Sabrina,
Deine ergänzenden Hinweise kann ich gut nachvollziehen. Sie sind richtig und verdienen Unterstützung. Allerdings werden sich wieder personelle Probleme ergeben. Denn bekanntlich reichen die Stellenschlüssel schon jetzt nicht annähernd aus. Wenn die Palliativversorgung in den Heimen ausgeweitet wird, was dringend geboten erscheint, muss noch mehr Pflegepersonal eingeworben und finanziert werden. Bei all den Diskussionen dürfen wir also den Pflegenotstand nicht außer acht lassen.
Lb. Grüße Pflege Cologne
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Rob Hüser
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Palliativversorgung in den Heimen fördern

Beitrag von Rob Hüser » 27.08.2012, 07:53

Früher wurde immer zu Hause gestorben. Nur die moderne Medizin, die Apparatemedizin, hat vieles verändert. Wir müssen uns daher wieder zurückbesinnen und erkennen, dass es irgendwann zu Ende geht. Und das sollte, den Wünschen der Menschen folgend, tunlichst zu Hause erfolgen können, jedenfalls meistens.
Es ist richtig, die Palliativversorgung zu fördern. Aber die ambulanten Strukturen müssen vorwiegend im Fokus stehen. Auch die HeimbewohnerInnen, in ihrer Einrichtung zu Hause, müssen dort bleiben und sterben können. Daher sind die palliativen Strukturen umfassend auf die Heime auszudehnen.

Rob
Das Pflegesystem muss dringend zukunftsfest reformiert werden!

WernerSchell
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Palliativversorgung - Heime umfassend einbeziehen

Beitrag von WernerSchell » 28.08.2012, 17:57

Unabhängig von den von Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk seit geraumer Zeit erhobenen Forderungen, die palliative Versorgung zu verbessern, hat jetzt auch die Ärztezeitung in ihrer Ausgabe vom 28.08.2012 das Thema aufgegriffen. Daraus ergibt sich, dass dringender Handlungsbedarf besteht:

Das Wehklagen der Palliativmediziner
Die Verbände der Palliativmediziner schlagen Alarm: Obwohl immer mehr Menschen in stationären Einrichtungen sterben, ist es mit der palliativmedizinischen Versorgung nicht weit her. Ändern sollen das Politiker - und die Hausärzte. mehr »
http://www.aerztezeitung.de/politik_ges ... terbehilfe

SAPV: Ein deutscher Flickenteppich
Der Norden ist Vorreiter, der Süden hinkt hinterher - eine Recherche der "Ärzte Zeitung" zeigt: Die Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung (SAPV) gleicht bundesweit einem Flickenteppich. mehr »
http://www.aerztezeitung.de/politik_ges ... terbehilfe
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WernerSchell
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Palliativversorgung in den Pflegeheimen verbessern

Beitrag von WernerSchell » 29.08.2012, 06:36

Das Deutsche Ärzteblatt berichtete am 28.08.2012 zur Palliativversorgung und stellte die Erfordernisse der Heime in den Mittelpunkt der Betrachtung:

Reformbedarf in Altenpflegeheimen
Dienstag, 28. August 2012

Berlin – Reformen in stationären Pflegeeinrichtungen sind nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) und des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands (DHPV) dringend notwendig. „Die weiter wachsende Zahl hoch betagter Menschen in Pflegeheimen stellt unsere Gesellschaft vor eine der größten Herausforderungen. Sie alle haben ein Recht darauf, in Würde zu leben und zu sterben“, erklärte Birgit Weihrauch, Vorstandsvorsitzende des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbands heute in Berlin. Darauf müssten nicht nur die Pflegeheime reagieren, sondern auch Selbstverwaltung, Bund, Länder und Kommunen müssten die notwendigen rechtlichen Rahmenbedingungen für die Umsetzung schaffen.

Die Organisationen stellten ihr Grundsatzpapier „Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen im hohen Lebensalter in Pflegeeinrichtungen“ vor > http://www.dhpv.de/tl_files/public/Them ... 060612.pdf
…. Weiter lesen unter
http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/51416

zum Thema
Datenlage und Forderungskatalog
http://www.dhpv.de/tl_files/public/Aktu ... P-DHPV.pdf
aerzteblatt.de
Pflegereform beschlossen
http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/50698
Fachärztliche Versorgungslücken in Pflegeheimen reduzieren Lebensqualität
http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/50701
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Lutz Barth
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Ergebnisse der Bevölkerungsumfrage keineswegs überraschend!

Beitrag von Lutz Barth » 29.08.2012, 07:57

Es ist schon erstaunlich, welchen Medienhype die von dem DHPV in Auftrag gegebene repräsentative Bevölkerungsumfrage zum Thema „Sterben und Tod“ in unserer Gesellschaft auslöst.

„Wir sind sehr beeindruckt von den Umfrageergebnissen, sie geben in vielfältiger Weise Aufschluss über Wissen und Einstellungen der Bevölkerung zum Thema Sterben und Tod und sind wichtige Grundlagen für uns, um gezielter auf die Anforderungen reagieren zu können“, so ein erstes Resümee der Vorstands¬vorsitzenden des DHPV, Birgit Weihrauch.

Mit Verlaub: Die Umfrage fördert letztlich mit Blick etwa auf den Sterbehilfe-Diskurs keineswegs neue Erkenntnisse zutage, wie sich aus einer beachtlichen Anzahl von vor dieser Umfrage durchgeführten repräsentativen Umfragen ergibt. Alle bisherigen Ethikräte haben die Fragen eines verantwortungsvollen Umgangs mit schwersterkrankten und sterbenden Menschen umfassend diskutiert und dazu umfangreiches Material gesichtet, Expertisen eingeholt und sich dem Dialog insbesondere mit den Gesundheitsfachberufen gestellt. Die empirische Datenlage ist also hinlänglich bekannt, so auch aus der Sicht des Nationalen Ethikrats und die Meinung der Bevölkerung ist seit Jahren konstant. Die Frage „Sollte die aktive Sterbehilfe bei den oben aufgeführten Patienten (unheilbar krank und in absehbarer Zeit versterbend) zu den beruflichen Aufgaben des Arztes gehören“ wurde ganz überwiegend bejaht,

(vgl. dazu Nationaler Ethikrat, ebenda, S. 10 mit Hinweis auf Schröder, C.; Schmutzer, G. et. Al (2003), Ärztliche Sterbehilfe im Spannungsfeld zwischen Zustimmung zur Freigabe und persönlicher Inanspruchnahme. Ergebnisse einer repräsentativen Befragung der deutschen Bevölkerung, in Psychother Psych Med 53: 334-343)

auch wenn sich aus den verschiedenen Umfragen nicht ergibt, dass diese die Befragten auch tatsächlich das Recht konkret für sich in Anspruch nehmen würden.

Dass hierbei die individuellen Vorstellungen im Einzelnen davon abhängen, welche Alternativen gegenüber der Tötung auf Verlangen und/oder der ärztlichen Suizidassistenz sich noch anbieten (z.B. die aktuellen Möglichkeiten der palliativmedizinischen Betreuung), ist mehr als evident, wenngleich doch im Ergebnis eines zu konstatieren ist: Mögen die einzelnen Umfragen im Detail auch noch weitere offene Fragen nach sich ziehen, so ist der Wille einer Mehrheit in der Bevölkerung hinreichend belegt, selbstbestimmt entscheiden zu wollen, auch wenn die konkrete Wahrnehmung der Handlungsalternativen für sich selbst nicht in Betracht gezogen werden.
In diesem Sinne überrascht es nicht, wenn „Aussagen darüber, was jemand in bestimmten Situationen zu tun beabsichtigt, (…) kaum Prognosen darüber zu (lassen), was er tun wird, wenn die Situation eintritt.“

(vgl. dazu Nationaler Ethikrat, Selbstbestimmung und Fürsorge am Lebensende (2006), S. 12)

In der Tat liegt die Zahl der Fälle, in denen aktive Sterbehilfe gewünscht oder tatsächlich praktiziert wird, weit unterhalb der Werte, die in Umfragen für eine positive Einstellung und eine beabsichtigte Inanspruchnahme ermittelt werden (vgl. dazu Nationaler Ethikrat, ebenda, S. 12 m.w.N.).

In diesem Sinne erscheint es tatsächlich erforderlich, dass die DHPV sich den Realitäten ernsthaft und wahrhaftig stellt. Die Bevölkerung wünscht sich mehrheitlich eine Liberalisierung der Sterbehilferegelungen und sicherlich keine wie auch immer geartete „Klerikalisierung“ des Hospizgedankens und der palliativmedizinischen Möglichkeiten. Die Achtung der Selbstbestimmung gebietet es, von fundamentalistisch anmutenden Machbarkeitsvorstellungen auch der Palliativmedizin und der Hospizbewegung abzurücken und so zu akzeptieren, dass schwersterkrankte Menschen durchaus sich einen „schnellen Tod“ angesichts ihres individuellen Leids wünschen können. Ob diese Option dann auch gewählt wird, ist nicht von Belang. Die Alternative muss allerdings offen stehen und solange u.a. die Initiatoren der Charta zur Betreuung schwersterkrankter und sterbender Menschen diese Wahlmöglichkeit beharrlich nicht „mittragen“ können und ihr Streben ganz darauf ausgerichtet ist, den Suizid und die Suizidbeihilfe generell zu pönalisieren, bleibt auch der DHPV aufgerufen, das Selbstbestimmungsrecht der Patienten, aber eben auch die Gewissensfreiheit der deutschen Ärzteschaft den Stellenwert beizumessen, der von Verfassung wegen den zentralen Grundrechten zukommt!

Wenn es erklärtermaßen die Absicht des DHPV ist, „gezielter auf die Anforderungen reagieren zu können“, setzt dies zwingend ein vorbehaltloses Bekenntnis zum Selbstbestimmungsrecht der schwersterkrankten und sterbenden Patienten voraus! Die Patienten können nicht darauf verwiesen werden, um den weiteren Ausbau oder Erhalt der Palliativmedizin oder der Verfolgung der Hospizidee einstweilen oder partiell auf die Ausübung ihres Selbstbestimmungsrechts zu verzichten!

Grundrechte sollten und müssen ernst genommen werden, auch von dem DHPV und den anderen Mitinitiatoren der Charta. Dass dies nur „halbherzig“ und ohne „letzte Konsequenz“ geschieht, kann nur damit erklärt werden, dass die hinter der Charta stehenden Personen und Institutionen nicht gewillt sind, den mit unseren Grundrechten verbürgten rechtsethischen Standard zu tolerieren und deshalb bemüht sind, medienwirksam ethische Nebelbomben zu zünden, die an den guten Absichten scheinbar keinen Zweifel aufkommen lassen.

Indes gilt: Aus verfassungsrechtlicher Perspektive dürfen die Botschaften der Initiatoren der Charta nicht in eine „nationale Strategie“ münden, die von den politisch Verantwortlichen und in der Folge vom parlamentarischen Gesetzgeber einseitig verfolgt wird, da es primär darauf ankommt, auch die Grundrechte derjenigen Schwersterkrankten zu wahren, die ihrem Leid zu entfliehen gedenken.
Wir vertreten nicht immer die herrschende Lehre!

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