Medizin zwischen Patientenwohl und Ökonomisierung

Gesundheitswesen, Krankenhaus- und Heimwesen, Katastrophenschutz, Rettungsdienst, Arzneimittel- und Lebensmittelwesen, Infektionsschutzrecht, Sozialrecht (z.B. Krankenversicherung, Pflegeversicherung) einschl. Sozialhilfe und private Versorgung

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Medizin zwischen Patientenwohl und Ökonomisierung

Beitrag von WernerSchell » 09.11.2017, 07:21

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Info vom 13.10.2017
Medizin im Krankenhaus zwischen Patientenwohl und Ökonomisierung - Ärzte und Geschäftsführer im Interview
Abschlussveranstaltung zu der von den Professoren Heinz Naegler (Berlin) und Karl-Heinz Wehkamp (Bremen/SOCIUM) durchgeführten Studie.


Am 6. November 2017 richtet das SOCIUM die Abschlussveranstaltung eines empirischen Forschungsprojekts aus, das von dem Ökonomen Professor Heinz Naegler, Berlin und dem Arzt und Soziologen Professor Karl-H. Wehkamp, SOCIUM, durchgeführt wurde. Thema: Ökonomisierung patientenbezogener ärztlicher Entscheidungen im Krankenhaus. Die Ergebnisse werden von einem Podium diskutiert, dem die Bremer Senatorin für Gesundheit Professorin Eva Quante-Brandt, die Präsidentin der Ärztekammer Bremen Dr. Heidrun Gitter, der Vorsitzende der Bremer Krankenhausgesellschaft Jürgen Scholz sowie der Leiter der Abteilung Stationäre Versorgung AOK-Bundesverband Dr. Jürgen Malzahn angehören. Die Vorsitzende des Aktionsbündnisses Krankenhaus und langjährige Pflegedirektorin der Charité Berlin, Hedwig Francois-Kettner, wird zur Thematik aus Sicht der Patientensicherheit sprechen.
Die wissenschaftliche und organisatorische Leitung liegt bei Professor Heinz Rothgang und Dr. Joachim Larisch vom SOCIUM.

Steht der Patient tatsächlich mit seinen gesundheitlichen Interessen im Mittelpunkt, wenn er ins Krankenhaus aufgenommen, dort behandelt und wieder entlassen wird? Ist der zu beobachtende fortwährende Anstieg der Fallzahlen und der Komplexitätsgrade der Erkrankungen ausschließlich auf medizinischen Bedarf zurückzuführen? Entspricht die Ausrichtung der Kliniken den gesundheitlichen Bedürfnissen der Bevölkerung? Oder sind diese Entwicklungen Ausdruck eines "Ökonomisierungsprozesses", der medizinische Indikationen zunehmend mit wirtschaftlichen Interessen vermengt? Verändern die Finanzierungs- und Steuerungskonzepte des Gesundheitssystems auch die Inhalte und den Charakter der Medizin und der Krankenhäuser?

Die vorgelegten Ergebnisse der qualitativen Studie zeigen die Dilemmata auf, denen Geschäftsführer und Ärzte ausgesetzt sind, wenn sie zur Sicherung der wirtschaftlichen Existenz der Kliniken Gewinne erzielen müssen. Wenn das Patientenwohl konsequent als Maßstab patientenbezogener und unternehmerischer Entscheidungen berücksichtigt würde, wäre die Zahl der in die stationäre Behandlung aufgenommenen Patienten geringer, die Behandlungsprozesse könnten sorgsamer, zuwartend und weniger aggressiv verlaufen. Der Arbeitsplatz Krankenhaus wäre attraktiver und gesünder und das Problem des Fachkräftemangels wäre ebenfalls geringer. Vorausgesetzt freilich, dass genügend Fachpersonal vorhanden wäre und der Druck der Krankenhäuser, Gewinne zu ihrer Zukunftssicherung zu machen, vermindert würde.

Die beiden Autoren - der eine Arzt, der andere Ökonom - befragten Ärzte und Geschäftsführer deutscher Krankenhäuser danach, ob medizinische Entscheidungen durch andere Interessen als die der Patienten beeinflusst werden und wenn ja, warum dieses so ist. Die Ergebnisse werden in Buchform (Naegler H., Wehkamp K.-H.: Medizin im Krankenhaus zwischen Patientenwohl und Ökonomisierung von der Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsanstalt, Berlin) sowie im Deutschen Ärzteblatt und im Monitor Versorgungsforschung publiziert. Das NDR-Fernsehen ist anwesend und produziert eine ausführliche Dokumentation zu dem Thema.

Anmeldungen erbeten bis zum 3.11.2017 an Vicki May, E-Mail: vicki.may@uni-bremen.de

Kontakt:
Prof. Dr. Heinz Rothgang
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58557
E-Mail: rothgang@uni-bremen.de

StB Dr. Joachim Larisch
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58552
E-Mail: jlarisch@uni-bremen.de

Quelle: http://www.socium.uni-bremen.de/ueber-d ... 84#news384

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Quelle: Deutsches Ärzteblatt, 07.11.2017 - /Paylessimages, stock.adobe.com

Deutsches Ärzteblatt vom 07.11.2017:
Folgen der Öko­nomi­sierung im Krankenhaus für Ärzte täglich spürbar
Bremen/Berlin – Der auf Krankenhäusern lastende Druck, Gewinne zu erwirtschaften, um ihre Existenz zu sichern, wirkt sich auf die Arbeitssituation von Ärzten aus und beeinflusst auch die Patientenversorgung. Das geht aus einer neuen Studie hervor, die Karl-Heinz Wehkamp vom Socium Forschungszentrum für soziale Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen und Heinz Naegler von der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht gestern in Bremen vorgestellt haben. Die detaillierten Ergebnisse werden im Deutschen Ärzteblatt erscheinen.
...
Quelle und weitere Informationen:
https://www.aerzteblatt.de/treffer?mode ... &s=wehkamp

Patienten werden oft ohne medizinischen Grund behandelt
Laut einer Studie der Universität Bremen werden ärztliche Entscheidungen in deutschen Krankenhäusern durch betriebswirtschaftliche Vorgaben beeinflusst.
Entscheidungen würden ohne Kostendruck häufig anders ausfallen.
Quelle: Die Welt
https://www.welt.de/gesundheit/article1 ... ndelt.html

Ärzte Zeitung vom 07.11.2017
Studie
Kostendruck beeinflusst Krankenhausärzte bei der Behandlung

Wie weit geht die Gewinnorientierung in Kliniken? Eine neue Studie, die von einem Mediziner und einem langjährigen Klinikmanager aufgelegt wurde,
zeichnet ein erschreckendes Bild.
mehr » https://www.aerztezeitung.de/nl/?sid=94 ... efpuryykqr

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Im Forum informieren zahlreiche Beiträge zum Thema Ökonomisierung im Gesundheitssystem / Krankenhaus, z.B.:
Rückenschmerzen: Viele Untersuchungen sind überflüssig > viewtopic.php?f=6&t=21882
Krankenhausreform - Pflege im Blick, Finanzierung verbessert > viewtopic.php?f=4&t=20789
Patientenwohl als Maßstab für das Krankenhaus > viewtopic.php?f=2&t=21589
Die Ökonomie hat im Gesundheitssystem die Regie übernommen > viewtopic.php?f=4&t=20398
Mehr Operationen und medizinische Prozeduren ... > viewtopic.php?f=4&t=18006
BARMER GEK Report Krankenhaus 2014 ... Stents boomen > viewtopic.php?f=4&t=20523
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Medizin zwischen Patientenwohl und Ökonomisierung

Beitrag von WernerSchell » 10.11.2017, 07:21

Bei Facebook gepostet:
Patienten werden in den Krankenhäusern oft ohne medizinischen Grund behandelt. Diese Entwicklung ist offensichtlich Ausdruck eines "Ökonomisierungsprozesses", der medizinische Indikationen zunehmend mit wirtschaftlichen Interessen vermengt! Und das Patientenwohl wird dabei immer weniger berücksichtigt. --- Patienten sollten daher angebotene medizinische Dienstleistungen immer kritisch hinterfragen und auf eine lückenlose Aufklärung bestehen (= Zweitmeinung)!
>>> viewtopic.php?f=4&t=22367
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Deutsches Gesundheitssystem - teuer, ...

Beitrag von WernerSchell » 10.11.2017, 16:04

0808 / 10. November 2017
Pressemitteilung von Kathrin Vogler


Deutsches Gesundheitssystem - teuer, aber oft nur Mittelmaß

„Die Untersuchung der OECD zeigt, dass privat und marktwirtschaftlich organisierte Gesundheitssysteme oft ineffizient arbeiten. Es wird zwar mehr Geld ausgegeben, allerdings sind die Menschen deswegen nicht gesünder als in eher staatlich organisierten Systemen“, kommentiert Kathrin Vogler, Gesundheitsexpertin der Fraktion DIE LINKE, die heute veröffentlichte OECD-Studie „Health at a glance“. Vogler weiter:

„Das deutsche Gesundheitssystem schneidet in sehr vielen Bereichen mittelmäßig bis gut ab. Es ist allerdings auch nach denen der USA und der Schweiz eines der teuersten weltweit – gemessen an dem für Gesundheitsleistungen ausgegebenen Anteil des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Immer mehr Privatisierungen und immer stärkerer Wettbewerb, etwa bei Krankenhäusern und Krankenkassen, halten nicht, was deren Befürworter versprochen haben.

Die Lebenserwartung in Deutschland liegt unter der aller anderen westeuropäischen Länder und auch unter der aller Länder mit vergleichbarem Wohlstand – nur in den USA stirbt man noch früher. Und die Lebenserwartung ist hierzulande eng an die soziale Lage gekoppelt. Das sollte uns nachdenklich stimmen und handeln lassen. Was wirksam ist, wissen wir: Bessere Verteilung von Einkommen, Verbot von Tabak- und Alkoholwerbung, Krankenhäuser und Krankenkassen, die sich nicht um ihre Bilanzen, sondern um die ihnen anvertrauten Menschen kümmern. Außerdem würde ein Gesundheitssystem, das nicht zwischen privat und gesetzlich Versicherten unterscheidet, die zur Verfügung stehenden Mittel besser verteilen.“

F.d.R. Christian Posselt
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Fraktion DIE LINKE. im Bundestag, Platz der Republik 1, 11011 Berlin
Pressesprecher: Michael Schlick, Tel. 030/227-50016, Mobil 0172/373 13 55 Stellv. Pressesprecher: Hanno Harnisch, Tel. 030/227-51092, Mobil 0171/643 55 24 Stellv. Pressesprecher: Jan-Philipp Vatthauer Tel. 030/227-52801, Mobil 151/282 02 708 Telefax 030/227-56801, pressesprecher@linksfraktion.de, http://www.linksfraktion.de
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Ausreichend Personal auf Intensivstationen vorhalten

Beitrag von WernerSchell » 28.11.2017, 07:50

Marburger Bund – Bundesverband
Verband der angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte Deutschlands e.V.
Pressemitteilung vom 27. November 2017


Kliniken müssen ausreichend Personal auf Intensivstationen vorhalten

Krankenhäuser müssen verpflichtet werden, ausreichend Personal auf Intensivstationen vorzuhalten, fordert der Marburger Bund. „In den Kliniken werden zunehmend mehr Intensivpatienten versorgt, ohne dass die Personalausstattung damit Schritt hält. Die Betreuungsrelation ist zu gering, überlastet Ärzte und Pflegende, erhöht die Fehlerrate und führt zwangsläufig zu Verschlechterungen in der Versorgung. Ohne verpflichtende Personalstandards auf den Intensivstationen bekommen wir das Problem nicht in den Griff“, betonte Dr. Susanne Johna, Bundesvorstandsmitglied des Marburger Bundes, heute auf dem 11. Nationalen Qualitätskongress Gesundheit in Berlin. Ausdrücklich begrüßte sie die jüngste Verständigung von Deutscher Krankenhausgesellschaft und Krankenkassen, nach der auch Intensivstationen in die Liste pflegesensitiver Bereiche im Krankenhaus aufgenommen werden, für die zukünftig Personaluntergrenzen gelten sollen.

Eine zu geringe Anzahl von Pflegenden pro Intensivpatient mache es kaum noch möglich, dem Patienten in seiner schweren, vielfach lebensbedrohlichen Lage gerecht zu werden. Wenn Ärzte und Pflegende zu wenig Zeit für ihre Patienten haben, steige das Risiko von Komplikationen. So komme es in Phasen personeller Unterbesetzung häufiger zu nosokomialen Infektionen. Johna forderte Politik und Kliniken zu verstärkten Anstrengungen auf: „Internationale Untersuchungen belegen, dass schon ein 10 Prozent höherer Anteil examinierter Pflegekräfte eine Reduzierung der Mortalität von chirurgischen Patienten um 7 Prozent bewirkt. Die Fakten liegen längst auf dem Tisch. Wer sie ignoriert und die Zustände so belässt, wie sie sind, gefährdet die Patienten.“

Ohne Mindestvorgaben würden zudem Kliniken benachteiligt, die eine ausreichende Personalausstattung haben. Verpflichtende Personalstandards zwängen die Krankenhausbetreiber auch dazu, Personalentwicklungskonzepte zu erarbeiten, die nicht nur zur Entlastung der Beschäftigten beitragen könnten, sondern auch der Gesundheitsförderung dienten. „Moderne Krankenhäuser wissen um die Notwendigkeit verlässlicher Dienstpläne, flexibler Arbeitszeitmodelle und familienfreundlicher Maßnahmen. Nur wer die Bedürfnisse seiner Beschäftigten kennt und ihnen Rechnung trägt, wird dauerhaft qualifiziertes Personal an sich binden und neue Fachkräfte gewinnen können“, sagte Johna.
_____________________________________________

Marburger Bund Bundesverband
Referat Verbandskommunikation
Hans-Jörg Freese (Pressesprecher)
Reinhardtstraße 36 – 10117 Berlin
Tel.: 030/746846-41
Handy: 0162/2112425
presse@marburger-bund.de
http://www.marburger-bund.de

Der Marburger Bund ist der Verband aller angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte. Mit mehr als 119.000 Mitgliedern ist er der größte deutsche Ärzteverband mit freiwilliger Mitgliedschaft und Deutschlands einzige Ärztegewerkschaft.
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Jeder dritte Klinik-Aufenthalt vermeidbar

Beitrag von WernerSchell » 10.03.2018, 07:48

Einmal im Jahr prüft die AOK Rheinland/Hamburg ihre Versicherten auf Herz und Nieren: Mit deren anonymisierten Daten erstellt die Krankenkasse einen Überblick über Lebenserwartung, Volkskrankheiten und Krankenhausaufenthalte ihrer Versicherten in einem Gesundheitsreport. Im Report für 2018 fördert sie bemerkenswerte Ergebnisse zutage - u.a.: Jeder dritte Klinik-Aufenthalt ist vermeidbar! Der Report 2018 wirft ein Schlaglicht auf regionale Auffälligkeiten bei Operationen und der Versorgung der Versicherten. Wie man behandelt wird, hängt auch vom Wohnort ab. - Dies alles kann eine Mahnung für die Patienten sein, sich sorgsam über Behandlungserfordernisse und Krankenhausaufenthalte aufklären zu lassen. Siehe insoweit u.a. "Empfehlungen zur Aufklärung von Krankenhauspatienten über vorgesehene ärztliche Maßnahmen" und §§ 630c, 630d und 630e BGB.
>>> viewtopic.php?f=4&t=22552
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Rhein-Kreis Neuss - Jeder Dritte ein Herz-Kreislauf-Patient

Beitrag von WernerSchell » 07.05.2018, 18:02

Neuss-Grevenbroicher Zeitung vom 7. Mai 2018:

Rhein-Kreis Neuss
Jeder Dritte ein Herz-Kreislauf-Patient


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AOK-Trio (v. l.): Astrid Naczinsky, Marion Schröder, Olga Dortmann. FOTO: lue - NGZ

Rhein-Kreis Neuss. AOK legt Gesundheitsreport 2018 vor. Landrat ist mit dem Ergebnis zufrieden. Von Ludger Baten
Kreisweit bringen Rettungsdienste 99 von 100 Herzinfarktpatienten in ein Krankenhaus mit Linksherzkathetermessplatz. "Dies entspricht einer guten Akutversorgung von Herzinfarktpatienten", wertet der AOK-Gesundheitsreport: "Die wiederum kann Leben retten." Eine wichtige Erkenntnis, denn etwa jeder dritte Versicherte der AOK Rheinland/Hamburg war 2016 wegen einer Herz-Kreislauf-Erkrankung in ärztlicher Behandlung - ambulant oder stationär. Der Rhein-Kreis liegt mit 35,3 Prozent leicht über dem Durchschnitt der jüngsten AOK-Studie.
… (weiter lesen unter) … http://www.rp-online.de/nrw/staedte/rhe ... -1.7559040
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Barbara Steffens: "In Deutschland wird zu viel operiert"

Beitrag von WernerSchell » 16.07.2018, 17:09

In Deutschland wird zu viel operiert

Die frühere NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens sprach mit der Rheinischen Post über ihre neue Aufgabe bei der Techniker Krankenkasse in NRW.

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Foto: Barbara Steffens - TK/Techniker Krankenkasse

Sie waren Gesundheitsministerin in Nordrhein-Westfalen und sind zum 1. Juli an die Spitze der Techniker Krankenkasse in NRW gewechselt. Ist das sauber?

Ich war bis Juni 2017 Ministerin und hatte auch die Aufsicht über einige Krankenkassen. Daher war klar, dass ich die vorgesehene Karenzzeit von einem Jahr einhalten muss, bevor ich in dem Bereich arbeite. Genau das habe ich getan. Bis Mai 2018 war ich Mitglied des Landtags, aber für Abgeordnete gibt es keine Karenz. Sie dürfen sofort in jeden Beruf wechseln.

Sind die Regeln streng genug?

In NRW haben wir eine unabhängige Minister-Ehrenkommission, die solche Fragen für Kabinettsmitglieder nach klaren Kriterien prüft. Eine so transparente Regel haben längst nicht alle Länder.

Was ist mit Christina Schulze Föcking, die aus einem Schweinemast-Betrieb kommt und Tierschutz-Ministerin wurde?

Wir wollen den Austausch zwischen Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Da darf es keine generellen Berufsverbote geben. Ob Interessenkonflikte bestehen oder nicht, prüft dann in jedem Einzelfall automatisch und jährlich die Kommission.

Was reizt Sie an der gesetzlichen Krankenkasse?
Ich hatte auch Angebote von einer privaten Krankenversicherung und einem Pharmaunternehmen. Beides wollte ich nicht. Ich bin Überzeugungstäterin und habe mich schon immer für das Solidarprinzip stark gemacht. Deshalb freue ich mich auf die TK.

Sie wollen die private Krankenversicherung (PKV) abschaffen?

Das Ende der PKV ist doch nur eine Frage der Zeit: Die Beiträge wachsen in den Himmel, manche Senioren müssen mehr als die Hälfte ihrer Rente dafür aufbringen. Als Ministerin habe ich hierzu erschütternde Briefe bekommen. Allerdings geht es auch nicht, dass man als junger Mensch mit der PKV spart und im Alter, wenn es teuer wird, in die GKV wechselt. Das wäre unsolidarisch.

Die PKV ist mit ihrem Kapitalstock eine wichtige zweite Säule.

Doch wegen der Minizinsen gelingt es den Anbietern immer weniger, Altersrückstellungen aufzubauen. Nun ist es Aufgabe des Staates, das Zusammengehen von PKV und GKV in ordentliche Bahnen zu lenken, damit nicht am Ende die Solidargemeinschaft draufzahlt.

Hamburg bietet seinen Beamten an, in die GKV zu gehen. Ein Vorbild für NRW?

Das Hamburger Modell ist gut. Ich würde es begrüßen, wenn auch die Landesregierung NRW ihren Beamten erlaubt, Kassenpatient zu werden. Doch das ist eine politische Entscheidung, es gibt keine Signale, dass NRW so etwas plant.

Als Ministerin wollten Sie keine Klinikbetten in NRW abbauen. Wollen Sie es jetzt als Kassenchefin?

Wir haben in NRW mit dem Krankenhausplan viele Betten abgebaut. Aber Betten sind eine rechnerische Größe, sie sagen nichts über Qualität und Effizienz der Versorgung aus. Gewiss müssen sich Kliniken spezialisieren und besser mit anderen Kliniken und Ärzten zusammenarbeiten. Und manche Operationen auch einfach nicht machen.

Deutschland ist Weltmeister bei Hüft- und Knie-Ersatz.

In Deutschland wird zu viel operiert. Patienten sollten häufiger ihr Recht auf eine Zweitmeinung nutzen, bevor sie in die Klinik gehen. Die TK bietet seit Jahren spezielle Angebote zum Thema Zweitmeinung. Die Ergebnisse sind erstaunlich: Bei mehr als 70 Prozent unserer Versicherten, die vom Arzt eine Krankenhauseinweisung für eine Hüft-OP bekommen haben, war eine OP unnötig. Bei Rücken-OPs waren es sogar 90 Prozent.

Die Bundesregierung startet die "Konzertierte Aktion Pflege". Was halten Sie von den Plänen?

Die schauen wir uns an. Der Druck ist enorm: Bis 2060 gibt es doppelt so viele Pflegebedürftige wie heute. Bundesweit fehlen schon jetzt Zehntausende Pflegekräfte. Wir brauchen einen Strauß an Maßnahmen: Wir müssen die häusliche Pflege stärken, Heime müssen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern, um als Arbeitgeber attraktiver zu werden. Pflegekräfte müssen besser entlohnt werden - aber das allein reicht nicht aus.

Was müssen Pflegekräfte bekommen?

Insgesamt muss der Pflegeberuf deutlich attraktiver werden, zum Beispiel familienfreundlicher. Und perspektivisch werden wir es uns nicht mehr leisten können, dass Altenpfleger weniger verdienen als Krankenpfleger.

Sind Sie als Kasse bereit, die höheren Löhne zu zahlen?

Pflege ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Beim Pflegestellenprogramm der Bundesregierung liegt die finanzielle Verantwortung voll bei der GKV. Wie die Kosten insgesamt verteilt werden, müssen alle Beteiligten jetzt gemeinsam aushandeln. Aber natürlich werden auch die Kassen ihren Beitrag dazu leisten. Das gleiche gilt beim Thema Belastungen: Auch hier müssen wir gemeinsam dafür sorgen, dass ausgebildete Kräfte langfristig im Job bleiben können.

Aktuell schwimmen die Kassen im Geld. Gesundheitsminister Spahn will sie zwingen, ihre Beiträge zu senken. Sind die Beiträge zu hoch?

Nein, zumal wir den Mitgliedern ein Beitrags-Jojo ersparen sollten. Schon jetzt zwingt der Wettbewerb die Kassen, den Zusatzbeitrag möglichst gering zu halten. Unser Verwaltungsrat wird am Jahresende entscheiden, ob er den Zusatzbeitrag 2019 erneut senkt.

Sie sind selbst TK-Mitglied. Haben Sie sich schon die elektronische Gesundheitsakte Ihrer Kasse zugelegt?

Nein, aber wir haben mehrere tausend Nutzer, die jetzt sukzessive für den Test zugelassen werden. Sie können ihre Befunde, Röntgenbilder und Rezepte auf einem Server speichern und per App abrufen. Die Daten liegen auf einem Server in Deutschland.

Eine Krankenkasse ist kein Sozialclub. Was hat die TK von der Akte?

Einspruch, eine Kasse ist ein "Sozialclub" und kein gewinnorientierter Konzern. Wir bieten die elektronische Gesundheitsakte an, bevor Google und andere dies tun. Und wir profitieren auch als Kasse davon: Ein mündiger Patient ist zufriedener, therapietreuer und gesundheitsbewusster.

Mit freundlicher Genehmigung der Rheinischen Post. Das Gespräch führte die Leiterin der Wirtschaftsredaktion Dr. Antje Höning. Es erschien am 16. Juli 2018 in der RP.

Zur Person
Barbara Steffens (56) wohnt in Mülheim und hat zwei Kinder. Sie hat biologisch-technische Assistentin gelernt, war Gesundheitsexpertin der Grünen im Landtag und von 2010 bis 2017 Gesundheitsministerin. Seit dem 1. Juli 2017 leitet sie die TK-Landesvertretung Nordrhein-Westfalen

Quelle: Pressemitteilung der Techniker Krankenkasse NRW vom 16.07.2018
https://www.tk.de/tk/nordrhein-westfale ... iew/986080

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Rheinische Post berichtet am 16.07.2018:
Barbara Steffens im Interview:
„In Deutschland wird zu viel operiert“


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Die Grünen-Politikerin Barbara Steffens ist seit zwei Wochen bei Techniker Krankenkasse. - Foto: TK/Techniker Krankenkasse

Düsseldorf Die frühere NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens spricht im Interview über ihre neue Aufgabe bei der Techniker Krankenkasse, über die Zukunft der privaten Krankenversicherung und die Behandlung von Patienten.
Von Antje Höning
Sie waren Gesundheitsministerin in Nordrhein-Westfalen und sind zum 1. Juli an die Spitze der Techniker Krankenkasse in NRW gewechselt. Ist das sauber?
Barbara Steffens Ich war bis Juni 2017 Ministerin und hatte auch die Aufsicht über einige Krankenkassen. Daher war klar, dass ich die vorgesehene Karenzzeit von einem Jahr einhalten muss, bevor ich in dem Bereich arbeite. Genau das habe ich getan. Bis Mai 2018 war ich Mitglied des Landtags, aber für Abgeordnete gibt es keine Karenz. Sie dürfen sofort in jeden Beruf wechseln.

... (weiter lesen unter) ... https://rp-online.de/wirtschaft/unterne ... d-23940877
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