Bittere Pillen: Arzneimittelpreise steigen weiter

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Bittere Pillen: Arzneimittelpreise steigen weiter

Beitrag von WernerSchell » 01.12.2015, 08:42

Bittere Pillen für das Gesundheitswesen
19. Berliner Dialog PDF 1,95 MB Download > https://www.kkh.de/content/dam/KKH/PDFs ... swesen.pdf

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Kein Ende in Sicht: Arzneimittelpreise steigen weiter
Pharmafirmen zahlen für Vermarktung doppelt so viel wie für Forschung


Hannover/Berlin, 27.11.2015
Die Preise für Arzneimittel in Deutschland steigen weiter unaufhaltsam. Daran ändert auch die 2011 eingeführte Nutzenbewertung neuer Medikamente nichts. Das ist das Ergebnis einer Analyse der KKH, die die Kaufmännische Krankenkasse auf ihrem Berliner Dialog gestern Politikern vorstellte.

„Wir verfolgen die Entwicklungen auf dem Arzneimittel-Markt mit großer Sorge“, sagte KKH-Vorstandschef Ingo Kailuweit in Berlin. „Bald zahlen Krankenkassen wieder mehr für Medikamente als für die gesamte ärztliche Behandlung. Das sind ganz bittere Pillen für das Gesundheitswesen.“ Allein zwischen 2007 und 2014 sind die Kosten für Arzneimittel bei der KKH um 32 Prozent gestiegen.

Insbesondere bei den patentgeschützten Originalpräparaten sind besorgniserregende Tendenzen festzustellen. Denn während hier die Menge der abgegebenen Arzneimittel um 23 Prozent sank, stiegen die Kosten im selben Zeitraum um 31 Prozent. „Das heißt nichts anderes, als dass Pharmafirmen für ihre Originalpräparate immer höhere Preise verlangen, um ihre Gewinne zu maximieren“, so Kailuweit.

Auch das Arzneimittelneuordnungsgesetz (AMNOG) von 2011 hat nicht geholfen, langfristig Kosten zu senken oder diese wenigstens auf stabilem Niveau zu halten. Statt geplanter zwei Milliarden Euro sparen die Kassen dadurch gerade einmal rund 500 Millionen Euro pro Jahr. Laut Kailuweit gibt es genügend Beispiele dafür, dass trotz der im Gesetz vorgeschriebenen Nutzenbewertung auch Medikamente ohne Zusatznutzen zu teuer auf den Markt kämen.

Ein weiteres Problem stellt aus Sicht der KKH die Tatsache dar, dass Pharmahersteller im ersten Jahr den Preis frei diktieren können. Geht es anschließend in die Preisverhandlungen, haben Hersteller häufig schon das Nachfolgepräparat auf den Markt gebracht – erneut zu einem extremen Preis. Ein Beispiel hierfür ist das Hepatitis C-Medikament Sovaldi, dessen Nachfolger Harvoni kein Jahr später zu einem noch höheren Preis auf den Markt kam.

Für die KKH steht es außer Frage, dass eine innovative Medikamentenversorgung auch ihren Preis hat. Allerdings haben die Preise von zahlreichen neuen Medikamenten mit den eigentlichen Herstellungskosten oftmals so gut wie nichts mehr zu tun. Jedenfalls sind die extremen Preise für Spezialpräparate nicht alleine mit Kosten für Forschung und Entwicklung zu erklären. „Zur Wahrheit gehört, dass Pharmafirmen für die Vermarktung ihrer Produkte häufig doppelt so viel zahlen wie für Forschung und Entwicklung“, sagt Kailuweit.

Allein für die direkte Vermarktung seien circa 15.000 Pharmaberater eingesetzt, die jedes Jahr ungefähr 20 Millionen Besuche bei Ärzten durchführten. Diese Beeinflussung von Ärzten sieht neben der KKH auch Dr. Rolf Kühne von der Ärzteorganisation MEZIS („Mein Essen zahl ich selbst“) kritisch: „Ärztliche Tätigkeit sollte patienten- und nicht gewinnorientiert sein. Jeder Patient hat das Recht, dass die ihm verschriebenen Medikamente ausschließlich aufgrund unabhängiger wissenschaftlicher Informationen und nicht aufgrund interessengeleiteter Informationen der Pharmaindustrie verordnet werden.“

Insgesamt kommt die KKH zu dem Schluss, dass unter den derzeitigen Bedingungen von einem Marktversagen auf dem Arzneimittelmarkt die Rede sein kann, da die üblichen Marktgesetze in diesem Bereich nicht greifen. „Der Profitmaximierung der Pharmaindustrie zu Lasten des solidarisch finanzierten Gesundheitssystems muss wirksam begegnet werden“, fordert KKH-Chef Kailuweit. Ein AMNOG 2 noch in dieser Legislaturperiode sei unverzichtbar.

Die komplette Präsentation können Sie sich auf dieser Seite herunterladen:
http://www.kkh.de/berliner-dialog

Die KKH ist eine der größten bundesweiten gesetzlichen Krankenkassen mit 1,8 Millionen Versicherten. Sie gilt als Vorreiter für innovative Behandlungsmodelle in der gesetzlichen Krankenversicherung. Rund 4.000 Mitarbeiter bieten einen exzellenten Service, entwickeln zukunftsweisende Gesundheitsprogramme und unterstützen die Versicherten bei der Entwicklung gesundheitsfördernder Lebensstile. Das jährliche Haushaltsvolumen beträgt rund 5,3 Milliarden Euro. Hauptsitz der KKH ist Hannover.

Quelle: Pressemitteilung vom 27.11.2015
Herausgeber: Kaufmännische Krankenkasse – KKH
Pressestelle
Karl-Wiechert-Allee 61
30625 Hannover
Telefon: 0511 2802-1610
Telefax: 0511 2802-1699
http://www.kkh.de/presse

Siehe auch Forum
> viewtopic.php?f=4&t=20637&p=89424#p82392
Die Arzneimittelversorgung der älteren Menschen ist
Thema beim 24. Pflegetreff in Neuss - Erfttal am 27.04.2016
> viewtopic.php?f=7&t=21371
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk (Neuss)
http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de/
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WernerSchell
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DAK-Studie zeigt: AMNOG kommt in Arztpraxen nicht an

Beitrag von WernerSchell » 16.02.2016, 12:49

Jedes zweite neue Arzneimittel ohne Zusatznutzen
AMNOG-Report 2016: DAK-Gesundheit fordert Reform der Nutzenbewertung und praxisnahe Information der Ärzte


Schwachstellen bei der Bewertung neuer Arzneimittel treiben die Kosten im Gesundheitswesen weiter in die Höhe. Weit über 30 Milliarden Euro haben die gesetzlichen Krankenkassen im vergangenen Jahr für Arzneimittel ausgegeben. Damit ist ein Rekordniveau erreicht. Dabei hat nahezu jedes zweite neue Arzneimittel keinen bescheinigten Zusatznutzen für die Patienten. Trotzdem steigen die Verordnungen dieser Wirkstoffe fast genauso stark wie die der Medikamente mit Zusatznutzen. Ein Grund für diese problematische Entwicklung: Die offiziellen Informationen zur Nutzenbewertung kommen nicht bei den Ärzten in der Praxis an. Das sind zentrale Ergebnisse einer neuen Analyse zur Reform des Arzneimittelmarkts, die die DAK-Gesundheit in Zusammenarbeit mit Professor Wolfgang Greiner, Gesundheitsökonom an der Universität Bielefeld, durchgeführt hat. Laut Gesetz (AMNOG) müssen neue Arzneimittel wissenschaftlich auf ihren Mehrwert überprüft werden.
Der AMNOG-Report der DAK-Gesundheit zeigt, dass in 60 von insgesamt 134 durchgeführten Verfahren kein Zusatznutzen bescheinigt wurde. Trotzdem werden auch diese Arzneimittel von Ärzten häufig verordnet. Beachtliche Umsatzentwicklungen sind die Folge: Ein Jahr nachdem die Ergebnisse der Nutzenbewertung veröffentlicht wurden, steigen die Verordnungszahlen von Medikamenten ohne Zusatznutzen genau so stark wie die von Arzneimittel mit Zusatznutzen. Im Durchschnitt betrug der Anstieg 14,7 bzw. 14,2 Prozent. Fazit: Auch fünf Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes bleibt die Nutzenbewertung für die Verordnungsentwicklung folgenlos. „Das AMNOG ist in seinen Grundzügen sinnvoll. Doch die durch das Gesetz erhofften Spareffekte sind begrenzt. Deshalb ist eine Reform notwendig“, fordert Herbert Rebscher, Chef der DAK-Gesundheit. „Denn die extrem hohen Einstiegspreise für neue Medikamente sind eine fundamentale Belastung für das Gesundheitssystem.“
Besonders deutlich wird das bei neuen Wirkstoffen, die sofort nach der Zulassung in großen Mengen verordnet werden – zum Beispiel Medikamente gegen Hepatitis-C. Die hohen Preise für diese Arzneimittel sorgten im vergangenen Jahr für kontroverse Diskussionen. Ein weiteres Beispiel für die Kostenentwicklung ist der Wirkstoff Dimethylfumarat (Markenname Tecfidera) zur Behandlung von Multipler Sklerose, dem der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) keinen Zusatznutzen bescheinigt hat. Bereits ein halbes Jahr nach der Zulassung beliefen sich die monatlichen Kosten für diesen Wirkstoff allein bei der DAK-Gesundheit auf rund 3,5 Millionen Euro. Er belegte damit 2014 den dritten Platz in der Arzneimittelkostenstatistik der Krankenkasse – ein überraschendes Ergebnis. „Ein Zusatznutzen im Sinne des Verfahrens entspricht nicht zwangsläufig einem Zusatznutzen im Sinne der Versorgung“, resümiert Professor Wolfgang Greiner, Gesundheitsökonom an der Universität Bielefeld und Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung im Gesundheitswesen. „Denn bei der Prüfung werden derzeit für die Versorgung relevante Faktoren wie zum Beispiel die Darreichungsform nicht gewertet. Diese sind aber für die verordnenden Ärzte und ihre Patienten mitunter entscheidend, beispielsweise ob Injektionen notwendig sind oder ob ein Wirkstoff per Tablette eingenommen wird.“ Deshalb können auch Wirkstoffe ohne Zusatznutzen mitunter eine therapeutisch sinnvolle Option sein.

Die Analyse der Marktentwicklung von Arzneimitteln zeigt eine deutliche Diskrepanz zwischen dem Ergebnis der Nutzenbewertung und der ärztlichen Verordnung. Aufschluss über das Verordnungsverhalten in der Praxis gibt eine Befragung von rund 200 niedergelassenen Ärzten, die im Rahmen des Reports durchgeführt wurde. Ein zentrales Ergebnis: Nur knapp die Hälfte der befragten Mediziner informiert sich regelmäßig über die Ergebnisse der Nutzenbewertung. Die offiziellen Dokumente des G-BA und des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) haben sich nicht etabliert: Nur zwölf Prozent der befragten Ärzte nutzen diese Quelle.
„Mediziner brauchen schnelle, praxisnahe Informationen“, fordert Professor Daniel Grandt, Vorstandsmitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. „Die Kommunikation der Nutzenbewertung ist kompliziert und passt nicht zu den ganz praktischen Fragen und der engen zeitlichen Taktung im Praxisalltag. Sinnvoll wäre es, die wichtigsten Informationen in gängige Praxisverwaltungssysteme zu integrieren, um sie auf einen Blick verfügbar zu machen. Der Arzt in der Praxis braucht mehr Transparenz.“ Ein weiteres Ergebnis der Ärztebefragung: 50 Prozent der befragten Ärzte gaben an, Regresse bei der Verordnung zu fürchten – denn ein Medikament mit bescheinigtem Zusatznutzen ist nicht zwangsläufig auch das wirtschaftlichste. „Um die indikationsspezifische Verordnung von Medikamenten mit Zusatznutzen zu fördern, sollte über einen Ausschluss von Regressen diskutiert werden“, sagt DAK-Vorstand Rebscher. „Das Thema muss bei der Neustrukturierung der Wirtschaftlichkeitsprüfung, an der Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen derzeit arbeiten, mit auf die Agenda.“
Der AMNOG-Report hat auch die Anzahl der Schiedsverfahren analysiert: Nach der Nutzenbewertung können sich bislang GKV-Spitzenverband und Pharmahersteller in 73 Prozent der Verfahren auf einen Erstattungsbetrag einigen. In 20 Verfahren gelang dies nicht. Sie landen vor der Schiedsstelle – sofern der Hersteller das Produkt nicht vorher schon mit sofortiger Wirkung vom Markt nimmt. Ende 2015 waren 14 Verfahren abgeschlossen. Die Bilanz ist negativ: Nur noch zwei Wirkstoffe sind in Deutschland erhältlich, für einen davon ist die Marktrücknahme bereits angekündigt. „Da es nicht im Sinne der Patienten ist, dass neue Produkte schon nach kurzer Zeit vom Markt verschwinden, ist eine Reform der Schiedsverfahren unabdingbar“, sagt DAK-Chef Rebscher. Die Gefahr vermehrter Marktrücknahmen beeinflusst die Verordnungsentscheidung der Ärzte maßgeblich: Die DAK-Umfrage ergab, dass dieser Aspekt für zwei Drittel der befragten Mediziner entscheidend ist.
Um die steigenden Arzneimittelausgaben einzudämmen, fordert die DAK-Gesundheit eine langfristige, systematische Kosten-Nutzen-Analyse, die Arzneimittelpreise und dadurch eingesparte Behandlungskosten gegenüberstellt. Die Debatte um hohe Markteintrittspreise neuer Arzneimittel erhalte so einen dringend benötigten Perspektivwechsel, ergänzt Greiner. Da viele neue Wirkstoffe vor der Zulassung stehen, ist die rasche Weiterentwicklung des AMNOG notwendig. Konkrete Problemfelder, die aus Sicht der Krankenkasse diskutiert werden müssen, sind die freie Preisbildung in den ersten zwölf Vertriebsmonaten, die Bildung von Mischpreisen und die wachsende Zahl von Marktrücknahmen.

Die DAK-Gesundheit ist eine der größten gesetzlichen Kassen in Deutschland und versichert 6,1 Millionen Menschen. 2015 gab sie rund 3,8 Milliarden Euro für Arzneimittel aus. Nach den Ausgaben für Krankenhausbehandlungen waren Arzneimittel damit der zweitgrößte Ausgabenblock.

Attachments
160216 PM_AMNOG_FIN.pdf > http://cache.pressmailing.net/content/e ... 6f2/160216 PM_AMNOG_FIN.pdf
160216 Statement_Rebscher_FIN.pdf > http://cache.pressmailing.net/content/8 ... b12/160216 Statement_Rebscher_FIN.pdf
160216 Infografik_Verordnungsentwicklung.pdf > http://cache.pressmailing.net/content/b ... 72e/160216 Infografik_Verordnungsentwicklung.pdf
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Quelle: Pressemitteilung vom 16.02.2016
DAK-Gesundheit
Pressestelle
Dagmar Schramm
Telefon: 040/2396-2421
E-Mail: dagmar.schramm@dak.de

Die gesamte Pressemeldung finden Sie im Internet unter: >
http://www.dak.de/dak/bundes-themen/AMN ... 66348.html

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Ärzte Zeitung vom 17.02.2016:
DAK-Studie zeigt: AMNOG kommt in Arztpraxen nicht an
Das AMNOG liegt offenbar im toten Winkel der Wahrnehmung von Ärzten. Eine Analyse im Auftrag der DAK erhärtet diesen Befund.
mehr » http://www.aerztezeitung.de/nl/?sid=905 ... tik&n=4798
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk (Neuss)
http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de/
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