Änderung der Medikamentendosis eine Straftat?

Pflegespezifische Themen; z.B. Delegation, Pflegedokumentation, Pflegefehler und Haftung, Berufsrecht der Pflegeberufe

Moderator: WernerSchell

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finvara
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Änderung der Medikamentendosis eine Straftat?

Beitrag von finvara » 04.05.2006, 13:23

Kurze und einfache Frage:

Wenn das Pflegepersonal in einem Pflegeheim die vom Arzt verordnete Tagesdosis von 20 Tropfen Haloperidol ohne Rücksprache mit dem Arzt auf 30 Tropfen setzt, liegt dann ein Starftabestand, z.B. Körperverletzung vor?

Bin für jede Antwort und/oder Erfahrungsbericht dankbar.

Gruß
Hauke

Herbert Kunst
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Ärztliche Anordnung verbindlich

Beitrag von Herbert Kunst » 04.05.2006, 13:40

Hallo,
die ärztliche Anordnung bezüglich eines abzugebenden Medikaments ist grundsätzlich verbindlich. Die Dosierung darf nicht vom Pflegepersonal eigenmächtig verändert werden. Damit entfiele die Legitimation zum Handeln und das Handeln würde sich folglich als strafbare Handlung darstellen. Ob allerdings ein Strafverfahren eingeleitet würde, bestimmt sich nach den Einzelumständen. Bei Geringfügigkeit gibt es oft keine diesbezüglichen Folgen. Die Rechtswidrigkeit wäre aber ungeachtet dessen gegeben.
Es kann aber sein, dass man u.U. eine ärztliche Anordnung nicht ausführt, weil sie als unrichtig einzustufen ist. Dann muss man sich gänzlich verweigern - und das ist zulässig (siehe z.B. § 8 Abs. 3 BAT). Dies muss aber dem anordnenden Arzt gegenüber erklärt werden. Allerdings willkürliche Verweigerungen sind nicht zulässig, es muss eine handfeste und klare Fehlerhaftigkeit gegeben sein.
Alles klar?
Gruß
Herbert Kunst

PS. Die Haftungsgrundsätze (arbeitsrechtlich, zivilrechtlich und strafrechtlich) werden unter
http://www.pflegerechtportal.de
anschaulich dargestellt. Rd. 280 einschlägige Gerichtsentscheidungen werden komprimiert mit präsentiert.
Für menschenwürdige Pflege sind wir alle verantwortlich! - Dazu finde ich immer wieder gute Informationen unter http://www.wernerschell.de

finvara
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Beitrag von finvara » 04.05.2006, 15:56

Große Klasse, vielen Dank für die schnelle und ausführliche Antwort.

Presse
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Haloperidol - im Pflegeheim keine gute Idee

Beitrag von Presse » 28.02.2012, 09:14

Haloperidol - im Pflegeheim keine gute Idee
Wenn schon Neuroleptika bei Heimbewohnern, dann möglichst atypische. Denn mit dem Klassiker Haloperidol ist die Sterberate doppelt so hoch wie mit modernen Substanzen. mehr »
http://www.aerztezeitung.de/nl/?sid=806 ... enz&n=1722

Kommentar: Keine Neuroleptika zur Dauertherapie!
Es ist ein Dilemma, das sich nicht so leicht lösen lässt: Demenzkranke in Pflegeheimen sind oft unruhig und aggressiv. Eine adäquate Beschäftigung mit den Bewohnern könnte zwar schon viele der Verhaltensstörungen lindern, dafür fehlen aber meist Zeit und Personal. mehr »
http://www.aerztezeitung.de/nl/?sid=806 ... enz&n=1722

Marlene Böttinger
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Medikation mehr Aufmerksam schenken

Beitrag von Marlene Böttinger » 29.02.2012, 10:40

Die jetzt aktuelle aufgezeigten Probleme mit dem Medikamentenumgang zeigen, dass dem Thema eindeutig mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden muss.
Ärzte müssen sich mehr Kenntnisse in Pharmakologie aneigenen, ggf. mit Apothekern das Verordnungsgeschehen abstimmen.
Auf keinen Fall ist akzeptabel, dass Nichtärzte in die Therapie hinein wirken und Einnahmedosen verändern. Das ist ein klarer Verstoß gegen die Grundsätze der Heilkunde und - bezogen auf die Eingangsfrage - unter Umständen nicht nur pflichtwidrig, sondern auch eine Straftat.

Marlene
Pflege braucht Zuwendungszeit!

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Medikation - Sache des Arztes - Kompetenz gefragt

Beitrag von Ina Böhmer » 02.03.2012, 08:08

Ich denke, dass sich die Ärzte mehr um die richtige Arzneimitteltherapie kümmern müssen.
Da, wo es an Kenntnissen fehlt, müssen Informationen eingeholt oder die Verordnungspraxis
zurückgeführt werden ( = weniger ist oft mehr).
Es muss hier dem Eindruck entgegen getreten werden, als würden Pflegekräfte
weitgehend eigenmächtig in die Medikation eingreifen.

Ina
Der Pflegeberuf verdient mehr Anerkennung!

PflegeCologne
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Medikation ist Arztsache - Personalnot lindern

Beitrag von PflegeCologne » 04.03.2012, 10:02

Guten Morgen,

die Pflegekräfte sind für Entscheidungen bei der Medikation nicht zuständig. Das ist Therapie und damit Arztsache. Allenfalls kann - mit aller Zurückhaltung - eine exakt formulierte Bedarfsmedikation die Grundlage des Handelns sein.
Pflegekräfte wünschen - das muss an dieser Stelle auch noch einmal gesagt werden - eine besssere Personalausstattung, so dass die Personalnot endlich gemindert wird. Dann werden sich Überlegungen bezüglich Psychopharmaka usw. von selbst erledigen.
Wann kapieren das die Verantwortlichen, die zur Zeit an einer Pflegereform, oder was sie dafür halten, basteln?

MfG Pflege Cologne
Alzheimer - eine Krankheit, die mehr Aufmerksamkeit erfordert! - Pflegesystem muss dem angepasst werden, auch, wenn es teurer wird! - Ich bin dabei:
http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de

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Medikamentengabe bei pflegebedürftigen Menschen - oft zuviel

Beitrag von WernerSchell » 23.04.2012, 06:55

Text aus Forum
viewtopic.php?t=17044

Bild Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk
Unabhängige und gemeinnützige Initiative - Harffer Straße 59 - 41469 Neuss
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk führt regelmäßig Pflegetreffs mit bundesweiter Ausrichtung durch.
Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk ist Kooperationspartner der „Aktion Saubere Hände.“
Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk ist Initiator bzw. Mitbegründer des Quartierkonzeptes Neuss-Erfttal.
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk ist Unterstützer von "Bündnis für GUTE PFLEGE".


Ein Zwischenruf!

Medikamentengabe bei pflegebedürftigen Menschen - oft zuviel und falsch

Zur Medikation bei pflegebedürftigen - meist älteren - Menschen gibt es in jüngster Zeit besorgniserrgende Studien und Bericht. Hinsichtlich der Fehlentwicklung bei der Medikation gibt es offensichtlich keine Erkenntnis-, sondern allenfalls Durchsetzungsprobleme. Und insoweit fehlt es oft am guten Willen der infrage kommenden Personen bzw. Institutionen. Dies geht alles zu Lasten der pflegebedürftigen Menschen und wird auf dem Rücken der Pflegekräfte und der Angehörigen ausgetragen.
Wir haben in den Neusser Pflegetreffs viewtopic.php?t=11655 wiederholt auch die Medikation angesprochen und haben überwiegend "taube Ohren" angetroffen. Nun hat Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk nach Kontaktaufnahme mit dem MDS eine modellhafte Initiative gestartet, um die ärztliche Versorgung mit der dazu gehörigen Medikation (einschließlich der freiheitseinschränkenden Maßnahmen - z.B. durch Psychopharmaka) auf den Prüfstand zu stellen. Es wurde, nachdem vor einigen Wochen die hiesige Pflegekonferenz kurz darüber beraten hat, beantragt, am 23.05.2012 die Gesundheitskonferenz mit der Angelegenheit zu befassen und dann - modellhaft - Maßnahmen zu ergreifen, die vielfach angesprochenen Probleme auflösen helfen. Sie finden dazu zahlreiche Beiträge im hiesigen Forum, z.B.:
Konkrete Verbesserungen in der Pflege gefordert viewtopic.php?t=17044
Medikamentöse Versorgung alter Menschen in Heimen viewtopic.php?t=16457
In den stationären Pflegeeinrichtungen werden wir die vielfach beklagten Pflegemängel nicht minimieren können, wenn es nicht endlich gelingt, mehr Personal auf den Weg zu bringen. Leider wird dieses Thema - wahrscheinlich aus Kostenerwägungen - ignoriert. Dennoch: Wir haben in den Heimen einen chronischen Pflegekräftemängel (und damit meine ich noch nicht einmal den vielfach beschriebenen und verstärkt auf uns zukommenden Fachkräftemangel), weil die Stellenschlüssel unzureichend sind. Man kann davon ausgehen, dass die Stellenschlüssel den wirklichen Bedarf in der Pflege nur zu rd. 70% abdecken. Dazu habe ich u.a. in zahlreichen Stellungnahmen, auch gegenüber dem BMG und den Abgeordneten des Bundestages, nähere Ausführungen gemacht. In meinem Buch "100 Fragen zum Umgang mit Mängeln in Pflegeeinrichtungen" habe ich das alles ebenfalls deutlich angesprochen: viewtopic.php?t=15822
Siehe auch unter viewtopic.php?t=16644

Werner Schell - Dozent für Pflegerecht
http://www.wernerschell.de - Pflegerecht und Gesundheitswesen -
http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de - Menschenwürdige Pflege - jetzt und überall -
Infos auch bei http://www.facebook.com/

Aktuelle Hinweise
Pflegetreff am 15.05.2012, 18.00 - 20.00 Uhr, Kontakt Neuss-Erfttal - Pflegereform und Entbürokratisierung in der Pflege ... (weitere Infos folgen) … viewtopic.php?t=16058
Buchtipp! >>> Schell, Werner: "100 Fragen zum Umgang mit Mängeln in Pflegeeinrichtungen" viewtopic.php?t=15822
Pflegemängel – schnelle Hilfe für den Notfall viewtopic.php?t=15828

Siehe auch den TV-Tipp für den 23.04.2012
Mediziner warnen: Krank durch zu viele Vitaminpillen
Sendetermin: Montag, 23. April, 21.00 Uhr, NDR Fernsehen
viewtopic.php?t=17243
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk (Neuss)
http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de/
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