"Der Bundesbeauftragte für Altenpflege versteht die Altenpflege nicht!"

Pflegespezifische Themen; z.B. Delegation, Pflegedokumentation, Pflegefehler und Haftung, Berufsrecht der Pflegeberufe

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"Der Bundesbeauftragte für Altenpflege versteht die Altenpflege nicht!"

Beitrag von WernerSchell » 12.06.2018, 06:01

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Offener Brief vom 11.06.0218 an Herrn Westerfellhaus, Pflegebeauftragter der Bundesregierung. Thema des Briefes:

"Der Bundesbeauftragte für Altenpflege versteht die Altenpflege nicht!"

Verfasser: Helmut Wallrafen, Geschäftsführer der Sozial-Holding der Stadt Mönchengladbach GmbH, August-Monforts-Str. 12-16, 41065 Mönchengladbach. - Tel. 02161-6866 4100 - Fax 02161-6866 4119 - Internet: https://www.sozial-holding.de/

Der Brieftext:

Bundesministerium für Gesundheit
Der Bevollmächtigte der Bundes-regierung für Pflege
Herrn Staatssekretär
Andreas Westerfellhaus
Friedrichstraße 108
10117 Berlin


Offener Brief !
„Der Bundesbeauftragte für Altenpflege versteht die Altenpflege nicht!“

Sehr geehrter Herr Staatssekretär Westerfellhaus,

wir hatten in den vergangenen Jahren mehrere Gelegenheiten gemeinsam auf Podien (equal pay day, Hauptstadtkongress, etc.) die Interessen der Kranken- und Altenpflege zu vertreten. Nun haben Sie die Verantwortung als Bundesbeauftragter für Pflege alle Tätigkeitsfelder und Personengruppen zu vertreten, die unter diesem Begriff „Pflege“ subsumiert sind.

Wenn ich Ihren 5- Punkte-Plan lese, komme ich aber zu dem Eindruck, „dass Sie die Altenpflege nicht verstehen!“

In einer ehrlichen und offenen Kommentierung möchte ich Ihnen dies mitteilen. Zumindest in der Altenpflege – und nur für die möchte ich nach 40 Berufsjahren in verschiedensten Positionen sprechen – halte ich dies für wichtig, gibt es doch genug medial verbreitetes Halbwissen. Zumindest wir Fachmenschen (und dies sind Sie ausgewiesenermaßen) sollten uns daran halten.

Prämien für Rückkehrer und Aufstocker
Zu diesem Themenfeld haben neben mir in den vergangen Tagen und Wochen viele Kolleginnen und Kollegen in den Fachzeitschriften und Onlineforen Stellung bezogen. Ich habe dabei keine einzige positive gelesen. Deshalb möchte ich die ausschließlich ablehnenden Kommentare auch so stehen lassen.

80 Prozent bei 100 Prozent Lohn
Das Ganze dann auch noch freiwillig, aber befristet! Für mich ist die Forderung purer Populismus. Eine seriöse Forderung wäre, die wöchentliche Stundenzahl für alle Beschäftigten in der Altenpflege (bei vollem Lohnausgleich) z. B. auf 33 Stunden in der Woche zu reduzieren. Diese Forderung ist aus anderen Branchen bekannt, in einzelnen sogar auch umgesetzt. Zum Beispiel in der Autobranche, einer Branche, in die der Staat „wenn es mal wieder kriselt“ Milliarden an Subventionen pumpt. Warum nicht auch in die Altenpflege? Bundesgesundheitsminister Spahn, der Ihre Punkte in seinem Katalog nicht aufgreift, spricht ja schon davon, dass die Kassenbeiträge erhöht werden müssen. Die Rechnung zahlen also wir selbst! Wenn es denn überhaupt so weit kommt. Die privaten Arbeitgeberkonzerne (beachten Sie bitte den feinen Unterschied zu engagierten kleinen privaten Heimträgern, die nicht mit 12 % Rendite kalkulieren), werden Ihre Idee sicher nicht so toll finden.

Erschreckend ist für mich aber auch, dass es für Sie anscheinend nur Pflegefachkräfte in der Altenpflege gibt. Laut Gesetzgebung haben wir eine 50%ige Pflegefachkraftquote, die viele Trägerverbände sogar noch verringern wollen. Was ist denn mit den en-gagierten Kolleginnen und Kollegen des Sozialen Dienstes, den Hausmeistern/innen, den Verwaltungskräften, den Alltagsassistenten/innen (Hilfskräfte), den Betreuungs-kräften?

Die arbeiten 100 % und bekommen dafür dann 100 % Lohn in deutlich niedrigeren Lohngruppen (zumindest bei den Privatanbietern und Anbietern der Freien Wohl-fahrtspflege)? Sie haben bei Ihrem Vorschlag schlichtweg 50 % der Beschäftigten, ohne die die Altenpflege völlig zusammenbrechen würde, vergessen – oder ignoriert?

Bonus für gute Arbeitgeber
Seit mehr als 15 Jahren führen wir betriebliche Gesundheitsförderung und -management durch. Wir investieren dabei (belegbar) jährlich pro Arbeitnehmer/in 360,- Euro. Wir haben dafür nationale und internationale Auszeichnungen erhalten. Seit 2012 führen wir mit einem externen Partner psychologische Beratung durch. Unsere Beschäftigten erhalten garantiert innerhalb von 14 Tagen Unterstützung. Wir konnten dadurch nachhaltig die Krankheitsquote in diesem Bereich halbieren.

Was wollen Sie mir mit Ihren Ausführungen sagen? Dass der Staat uns Zuschüsse zum BGM gibt? Dass er die Mittel im Präventionsgesetz von 2,80 Euro auf 3,70 Euro erhöht? Dass alle Träger ein BGM-System vorhalten müssen? Legen Sie doch bitte ein klares eindeutiges Konzept vor! Wir brauchen keine Wertschätzung, sondern vergleichbare Rahmenbedingungen und genau damit befassen Sie sich eben nicht.

Weil dies so ist, fehlt mir eindeutig in Ihrem 5-Punkte-Plan die Abschaffung der Freien Marktwirtschaft, weil die verursacht Ihre beschriebenen Probleme ausdrücklich mit. Solange Konzerne mit Renditen von 12 % aufwärts rechnen und sie umsetzen unterstützen Sie deren Wachstum. Es gibt doch schon lange nicht mehr den Wettbewerb zwischen privat, kirchlich, freigemeinnützig und kommunal, sondern vielmehr immer mehr zwischen „groß oder klein“!

Mehr Freude am Pflegeberuf
Diese Inhalte sind in Teilen für mich nachvollziehbar. Wenn Sie aber von Pflegeprofis und „Handlangern“ sprechen, bitte ich darum mir klar zu sagen, was dann die 50 % gesetzlich verankerten „Nichtpflegefachkräfte“ sind, doch bitte nicht die „Handlanger“? Ihre Ausführungen lesen sich für mich wie ein Zweiklassensystem in der Pflege. Das will ich nicht, dies gibt aber auch nicht den lebbaren Alltag in den mehr als 8.000 Altenheimen in Deutschland wider. Auch Ambulante Dienste und teilstationäre Anbieter haben einen Personalmix, der sich an den unterschiedlichen Fachrichtungen, aber auch an den unterschiedlichen Bedürfnissen der Kunden orientiert.

Ausbilden! Ausbilden!
In diesem Punkt gebe ich Ihnen Recht. Es stellt sich aber wieder die Frage, wie wollen Sie dies erreichen bzw. sicherstellen? Weil es steht fest, dass die Zahl der Azubis in der Pflege in den letzten 10 Jahren um 43 % gestiegen ist. Wollen Sie dies mit dem „Kompromiss der Pflegereform“ umsetzen, der heute über die Ticker der Medienanstalten geht? Fangen Sie bei den Azubis mit dem einheitlichen tariflichen Lohn an. Im TVöD zahlen wir durchschnittlich 1.150,- Euro und ich kenne keinen Ausbildungsberuf, in dem sie mehr verdienen. Die Voraussetzungen sind also eigentlich da!

Schaffen Sie vergleichbare Rahmenbedingungen und die private Marktwirtschaft (vor allem die völlig überzogenen Renditemöglichkeiten) ab und wir werden mit einer Vielfalt an Anbietern eine Verbesserung der Situation erleben. Sie wird gerechter für die Pflegebedürftigen und für die in der Altenpflege Beschäftigten sein. Nach 23 Jahren hat sich gezeigt, dass das derzeitige System überholt ist. Die Ansätze vom ehemaligen Minister Gröhe und Ihrem Vorgänger Laumann gingen eindeutig weiter als die Ihren!

Mit freundlichen Grüßen

Sozial-Holding der Stadt
Mönchengladbach GmbH
Helmut Wallrafen
Geschäftsführer

+++
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk hat sich ebenfalls mehr als kritisch zu den bisher bekannt gewordenen Reformerwägungen der Herren Spahn und Westerfellhaus geäußert. Per Brief und Pressemitteilung vom 01.06.2018 gab es folgerichtig auch von hier noch einmal eine zusammengefasste Darstellung zu den Handlungserfordernissen. Titel: "Pflegenotstand auflösen und kommunale Quartiershilfen gestalten - entsprechende Maßnahmen müssen in einem „Masterplan Pflege“ gebündelt werden." - Quelle: viewtopic.php?f=4&t=22664

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Dateianhänge
20180611 offener Brief an Hrn. Westerfellhaus.pdf
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Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk (Neuss)
http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de/
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Altenpflege: Eignungs- und Qualifizierungsanforderungen stärken statt absenken

Beitrag von WernerSchell » 26.06.2018, 07:36

Bild Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk
Unabhängige und gemeinnützige Interessenvertretung
für hilfe- und pflegebedürftige Menschen in Deutschland
Harffer Straße 59 - 41469 Neuss


Altenpflege: Eignungs- und Qualifizierungsanforderungen stärken statt absenken. - Das sind wir unseren alten und pflegebedürftigen Menschen schuldig!

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Werner Schell beim Neusser Pflegetreff am 09.05.2018

In der Altenpflege geht es um die Versorgung von pflegebedürftige Menschen, die meistens mit verschiedenen Krankheitsbildern schwerstens beeinträchtigt sind (= Multimorbididät). Dafür braucht man nicht nur Eignung, sondern auch eine ausreichende Qualifikation (§ 11 SGB XI). Die Umsetzung medizinisch-pflegerischer Standards ist gefordert! Für niedrigschwellige Unterstützungsleistungen gibt es u.a. schon Betreuungsassistenten. Der Pflegenotstand erfordert daher die umfassende Ausbildung von Pflegefachkräften. Das sind wir unseren alten und pflegebedürftigen Menschen schuldig! Die Altenpflege versteht sich nicht als Tummelplatz für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen solcher Personen, denen dafür zunächst einmal bestimmte Voraussetzungen fehlen. Politiker sollten sich von der Vorstellung verabschieden, dass eigentlich jeder pflegen kann und solche Verrichtungen daher zur Entlastung der Arbeitslosenstatistik gut geeignet sind. Es muss als katastrophale Fehlentwicklung angesehen werden, wenn die Ausbildungsanforderungen abgesenkt und sogar auf einen Schulabschluss verzichtet wird (Hessen)! - Es gibt mittlerweile zahlreiche Statements, die den Abwärtstrend in der Altenpflege als völlig inakzeptabel bezeichnen. Statt die Eignungs- bzw. Qualifizierungsanforderungen zu senken, müssen die Anforderungen für die Altenpflegetätigkeit eher angehoben und vor allem die Fort- und Weiterbildungsangebote verstärkt werden.

Zahlreiche Beiträge informieren im Forum, u.a.:
viewtopic.php?f=3&t=22610
viewtopic.php?f=3&t=22632
viewtopic.php?f=3&t=22676
viewtopic.php?f=3&t=22681
viewtopic.php?f=3&t=22657
viewtopic.php?f=3&t=22369
viewtopic.php?f=3&t=21461


Werner Schell

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Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk (Neuss)
http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de/
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PFLEGE DARF KEIN PROFIT-GESCHÄFT SEIN!!

Beitrag von WernerSchell » 29.06.2018, 06:18

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PFLEGE DARF KEIN PROFIT-GESCHÄFT SEIN!!

Mit deutlicher Kritik reagiert der Verein der pflegenden Angehörigen wir pflegen e.V. auf die Praxis privater Investoren, milliardenschwere Profite aus dem deutschen Pflegesystem zu ziehen. Jüngsten Presseberichten zu Folge werden aus der Versorgung Pflegebedürftiger in Heimen Renditen von bis zu 14 Prozent generiert – auf Kosten einer menschenwürdigen Pflege, zum Schaden der Pflegebedürftigen und der pflegenden Menschen.
„Es widerspricht den Grundwerten unserer zivilisierten Gesellschaft, wenn die Pflege zu einem kommerziellen Handelsgut verkommt, so wie wir es heute beobachten. Bei der Pflege müssen andere Maßstäbe als im Warenverkehr angelegt werden“, sagt Christian Pälmke, pflegepolitischer Referent des Vereins.

Er betont: „Bei der Pflege alter, kranker und behinderter Menschen darf es nicht um Profitmaximierung gehen, sondern ihr Kern ist die gesellschaftliche Aufgabe ein menschenwürdigen Lebens aller, die Pflege benötigen, sicherzustellen!“

Die Einführung des heutigen Pflegesystems in Deutschland Mitte der 1990er-Jahre bedeutete auch die Eröffnung eines „Pflegemarktes“. Dieser Markt wächst mit der alternden Gesellschaft und wird dadurch für Finanzinvestoren und Spekulanten immer interessanter. Profite werden durch Outsourcing, Tarifflucht und Ausdünnen der Personaldecke maxmiert – alles auf Kosten der Pflegequalität.

„Das Pflegesystem geht an den Bedarfen der Menschen vorbei und füllt stattdessen die Taschen der Investoren“, erklärt Susanne Hallermann, Medienbeauftragte des Vereins. „Gute Pflege ist ein Menschenrecht. Es braucht jetzt dringend eine soziale Pflegewende, die sich über eine verbesserte Finanzierung der Pflege an Bedarfen statt an Profiten orientiert, eine menschenwürdige Pflege aller Bedürftigen garantiert und dabei auch die Leistungen von beruflich Pflegenden und pflegenden Angehörigen angemessen honoriert.“

Zusätzliche Informationen:
wir pflegen e.V. ist als bundesweite Interessenvertretung und Selbsthilfeorganisation die Stimme der pflegenden Angehörigen in Deutschland. 76,4% aller pflegebedürftigen Menschen werden familiär versorgt, mit einer durchschnittlichen Pflegeleistung von 63 Stunden / Woche.
Pflegende Angehörige brauchen eine starke Vertretung, die sich für spürbare Verbesserungen in Unterstützung und sozialrechtlicher Absicherung einsetzt und eine Mitbeteiligung in relevanten Pflegegremien einfordert. Nähere Informationen über die Tätigkeiten und Schwerpunktthemen von wir pflegen e.V. finden Sie auf der Webseite www.wir-pflegen.net.
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Quelle: Pressemitteilung vom 28.06.2018

Susanne Hallermann
für Vorstand wir pflegen e.V.
--------
Medien-Koordinatorin
wir pflegen
Interessenvertretung begleitender Angehöriger und Freunde in Deutschland e.V.
Alt-Moabit 91 - 10559 Berlin
M: 01522 8576840
www.wir-pflegen.net
shallermann@wir-pflegen.net

Siehe auch unter > viewtopic.php?f=4&t=22693
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk (Neuss)
http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de/
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WernerSchell
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Pflegepersonal-Stärkungs-Gesetz (PpSG)- unzureichende Reformabsichten!

Beitrag von WernerSchell » 08.07.2018, 06:00

Das Bundesgesundheitsministerium hat einen Referententwurf für ein "Pflegepersonal-Stärkungs-Gesetz (PpSG)". Dazu gab es im Rahmen der Verbändeanhörung die Möglichkeit, bis zum 06.07.2018 eine Stellungnahme abzugeben: > viewtopic.php?f=4&t=22697 Mit dem Gesetz zur Stärkung des Pflegepersonals sollen spürbare Verbesserungen im Alltag der Pflegekräfte durch eine bessere Personalausstattung und bessere Arbeitsbedingungen in der Kranken- und Altenpflege erreicht werden.
Downloads >>> Pflegepersonal-Stärkungs-Gesetz (Referentenentwurf: 26.06.2018) - PDF-Datei: 660 KB >>> https://www.bundesgesundheitsministeriu ... z_RefE.pdf
Dazu wurden ergänzend erste Hinweise zu einer "Konzertierte Aktion Pflege - für mehr Wertschätzung, bessere Arbeitsbedingungen und gerechte Bezahlung" vorgestellt: > viewtopic.php?f=4&t=22696
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk hat am 06.07.2018 zum Referentenentwurf für ein "Pflegepersonal-Stärkungs-Gesetz (PpSG)" eine Stellungnahme abgegeben > viewtopic.php?f=4&t=22697&p=104365#p104365 und dem Statement eine Anlage angefügt: > viewtopic.php?f=4&t=22697&p=104366#p104366

Es wird im Wesentlichen ausgeführt, dass die geplanten Regelungen für eine Auflösung des Pflegenotstandes nicht ausreichen!

Alles auch aufrufbar unter >>> http://www.wernerschell.de/aktuelles.php
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk (Neuss)
http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de/
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