Interessenwahrnehmung für die Pflegekräfte ...

Pflegespezifische Themen; z.B. Delegation, Pflegedokumentation, Pflegefehler und Haftung, Berufsrecht der Pflegeberufe

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Interessenwahrnehmung für die Pflegekräfte ...

Beitrag von WernerSchell » 18.10.2017, 06:33

Bild Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk
Unabhängige und gemeinnützige Interessenvertretung
für hilfe- und pflegebedürftige Menschen in Deutschland
Harffer Straße 59 - 41469 Neuss


Pressemitteilung vom 16.11.2015

Interessenwahrnehmung für die Pflegekräfte und Verbesserung der Pflege-Rahmenbedingungen

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Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk ist der Meinung, dass die vorhandenen Verbände, z.B. Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe e.V. (DBfK), gestärkt werden sollten. Der DBfK steht für die Professionalisierung des Pflegeberufes, für die Weiterentwicklung der Pflege und für angemessene, gute und motivierende Arbeitsbedingungen der Berufsangehörigen.

DBfK und andere Pflege-Berufsverbände sind Mitglied im Deutschen Pflegerat e.V. (DPR). Der DPR sieht sich vor allem in der Verantwortung dafür, die Profession Pflege zu vertreten und die erforderlichen Rahmenbedingungen für eine optimale Ausübung der Profession zu schaffen und der Politik als primärer Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen.

Die Wahrnehmung der speziellen beruflichen Belange Pflegender kann im Übrigen durch Pflegekammern erfolgen. Insoweit gibt es mit Unterstützung des DPR intensive Bemühungen in den Ländern.

Arbeits- bzw. tarifrechtliche Verbesserungen erreicht man vornehmlich nur als mächtige Tarifvertragspartei (Gewerkschaft). Die (Neu)gründung einer Pflegegewerkschaft könnte geprüft werden. Eine solche „Gewerkschaft Pflege“, die später in „Gewerkschaft für Beschäftigte im Gesundheitswesen (BIG)“ umbenannt wurde, hat es aber schon gegeben. Die BIG wurde 2009 aufgelöst. Die 2013 gegründete „Gewerkschaft für alle soziale Berufe“ musste 2015 ebenfalls aufgeben. Diese Beispiele zeigen, dass sog. Sparten- oder Fachgewerkschaften nicht immer ihren Zweck erfüllen (können). Neu entstand die „Interessen Fairtretung Gesundheit, Pflege und Soziales (IGePS) e.V.“

Zum Thema „Gewerkschaft“ äußerte Karl Josef Laumann, Pflegebeauftragter der Bundesregierung: „Wenn nur zehn Prozent der Pflegekräfte in der Gewerkschaft sind, dann muss die sich doch fragen lassen, ob sie gute Arbeit leistet.“

Unabhängig von Berufsverbänden und Gewerkschaften ist seit einiger Zeit die Aktion "Pflege am Boden (PaB)" bundesweit aktiv und macht vor allem mittels regelmäßiger Demonstrationen auf den Pflegenotstand aufmerksam und fordert von der Politik entsprechende Reformen. So fand zum Beispiel der 2. NRW Aktionstag ... für bessere Pflegebedingungen in Deutschland, egal ob Krankenhaus, Altenheim, Häusliche Pflege ..., am 03.09.2015 vor der Bannmeile des Landtags NRW in Düsseldorf statt.

Die Gründung einer "Pflegepartei", nur auf pflegerische Aspekte ausgerichtet, kann wohl kaum wirksam aktiv werden. Parteien wirken bei der politischen Willensbildung mit (Art. 21 Grundgesetz) und müssen auf möglichst allen Politikfeldern ein Programm anbieten können. Pflege ist insoweit nur ein Aspekt von vielen. Eine nennenswerte Unterstützung einer solchen Partei kann daher nicht erwartet werden.

Pro Pflege – Selbsthilfenetz ist als unabhängige und gemeinnützige Interessenvertretung für hilfe- und pflegebedürftige Menschen aktiv. Eine wichtige Aufgabe wird darin gesehen, die Pflege-Rahmenbedingungen durch Einflussnahme auf die politischen Entscheidungsträger nachhaltig verbessern zu helfen. In diesem Zusammenhang sind die Forderungen nach einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte (= Schaffung von Personalbemessungssystemen und Gewährleistung von angemessenen Vergütungen) von zentraler Bedeutung.

„Dass der Arbeitsalltag in der Pflege seit langem von großer Belastung, Zeitdruck und wenig motivierenden Bedingungen geprägt ist, wissen die politisch Verantwortlichen sehr wohl. Die deutsche Pflegezukunft wird düster werden, wenn hier nicht schnellstens – und spürbar – eine Verbesserung herbeigeführt wird.“ - Quelle: Presseinfo des DBfK vom 14.07.2015. Karl-Josef Laumann, Pflegebeauftragter der Bundesregierung, wurde am 09.07.2015 dazu passend in der Rheinischen Post wie folgt zitiert: „Wir brauchen mehr Pflegekräfte“.

Aus der Sicht von Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk ergibt sich nach all dem:

Bei den Forderungen um Verbesserungen der Pflege - Rahmenbedingungen (vor allem im SGB V und SGB XI) erscheint es vornehmlich wichtig, argumentativ auf die zuständigen Ministerien und die Entscheidungsträger im Deutschen Bundestag bzw. in den Länderparlamenten einzuwirken und in die Zukunft tragende Reformschritte für das Gesundheits- und Pflegesystem einzufordern. Insoweit ist eine möglichst gemeinsame Basis aller Verbände und pflegekritischen Akteure das Gebot der Stunde. Eine Zersplitterung der unterschiedlichen Interessen bzw. das alleinige „Kochen eigener Süppchen“ kann keine erfolgreiche Strategie sein.

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Die Statements dazu beim Neusser Pflegetreff am 21.10.2015 sind in einem gesonderten Filmbeitrag (7,30 Minuten) anschaubar bei Youtube unter https://youtu.be/qbyHRxX9ikk - Die wesentlichen Aussagen:

• Mehr Pflegepersonal – jetzt und nicht später!
• Mehr Zeit für Zuwendung und Pflege ermöglichen.
• Der im PSG II benannte § 113c SGB XI, der ein Personalbemessungssystem anspricht, reicht nicht!
• Mängel müssen abgestellt werden, auch im Hinblick auf den Einsatz der Betreuungskräfte nach § 87b SGB XI.

Die gesamte Filmdokumentation zum Pflegetreff am 21.10.2015 (rd. 2 Stunden) ist anschaubar bei Youtube > https://youtu.be/4cy5Ey-cBNg Ergänzende Beiträge im Forum (mit Fotos) unter > viewtopic.php?f=4&t=21326 .


Werner Schell, Dozent für Pflegerecht und Vorstand von Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk

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Die Medien berichten u.a. wie folgt:
http://www.openbroadcast.de/article/420 ... ungen.html
http://www.presseanzeiger.de/pa/Interes ... der-808463
http://www.openpr.de/news/879649.html
http://www.openpr.de/news/879738.html
http://www.openpr.de/news/879737.html
...
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Am 19.11.2015 bei Facebook gepostet:
Interessenwahrnehmung für die Pflegekräfte und Verbesserung der Pflege-Rahmenbedingungen – Statement von Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk: … Insoweit ist eine möglichst gemeinsame Basis aller Verbände und pflegekritischen Akteure das Gebot der Stunde. Eine Zersplitterung der unterschiedlichen Interessen bzw. das „Kochen eigener Süppchen“ kann keine erfolgreiche Strategie sein. …. > viewtopic.php?f=3&t=21365

Am 19.03.2016 bei Facebook gepostet:
Die Pflege hat klar verloren! Seit 2004 gibt es erheblich mehr Krankenhausfinanzierung für die Ärzte und weniger für die Pflege. Das alles nach dem Grundsatz: "Ärzte bringen Geld, Pflegekräfte kosten Geld". - Verlierer dieser Strategie sind nicht nur die Pflegekräfte, sondern auch die Patienten, denen zum Teil mit fatalen Folgen die gebotene Zuwendung vorenthalten wird. Erhebliche Patientengefährdungen sind die Folge! Wann endlich kapieren die politischen Entscheidungsträger, welche Fehlentwicklungen sich im Gesundheits- und Pflegesystem aufgetürmt haben. Das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. hat am 16.03.2016 Konsequenzen angemahnt. > viewtopic.php?f=3&t=20178 Prof. Weidner u.a.: „Hier ist zum einen die Politik gefordert, dem Exodus der Pflege aus dem Krankenhaus einen Riegel vorzuschieben. Aber noch wichtiger ist es, dass sich die im Krankenhaus beschäftigten Pflegenden endlich besser organisieren und massenhaft in Berufsverbänden und Gewerkschaften eintreten.“ Übrigens sind auch die Auszubildenden in der Pflege unzufrieden (ver.di-Umfange): > viewtopic.php?f=3&t=21567 === Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk hat zuletzt am 16.11.2015 die Stärkung der Interessenvertretungen der Pflegenden angemahnt: > viewtopic.php?f=3&t=21365

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Quelle: viewtopic.php?f=6&t=21660

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Anmerkung der Moderation:
Am 11.06.2016 wurde bei Facebook gepostet, dass die als "Pflegepartei" beabsichtigte Gründung folgende Bezeichnung führen soll:
Partei für Pflege und Soziales, PPS (Zitat: Jens Engelmann). Damit ist über "Pflege" hinaus eine thematisch Erweiterung vorgesehen.

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Am 06.11.2016 bei Facebook gepostet:
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk versteht sich als in jeder Hinsicht unabhängige und ehrenamtlich agierende Interessenvertretung für hilfe- und pflegebedürftige Menschen. Die Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen muss konsequent umgesetzt werden! Bei all dem ist die Erwägung maßgeblich, die unzureichenden Pflege-Rahmenbedingungen bei den politischen Entscheidungsträgern im Bund, in den Ländern und Kommunen in aller Deutlichkeit anzusprechen und mit konstruktiven Vorschlägen für Verbesserungen einzutreten. Große Bedeutung kommt dabei den Neusser Pflegetreffs zu, die mit bundesweiter Ausrichtung gezielt wichtige Pflegethemen aufgreifen. Es muss bei den Aktivitäten darum gehen, ALLE Bereiche des Pflegesystems - häusliche Pflege (mit Unterstützung von kommunalen Quartiershilfen) und stationäre Pflege (Heime mit guter Personalausstattung und medizinischen Netzwerken) - im Blick zu haben. Dies unter Beachtung der maßgeblichen Versorgungsgrundsätze im SGB XI: "Ambulant vor stationär", "Rehabilitation vor Pflege" …(usw.) - Unterstützer sind immer willkommen! Näheres unter > http://www.wernerschell.de/pro_pflege.jpg - viewtopic.php?f=6&t=21660

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Zitat in CAREkonkret vom 30.06.2017:
"Altenpfleger sind weniger gewerkschaftlich organisiert. Da wird Fachkräftemangel beklagt, aber es fehlt die Macht bessere Löhne durchzusetzen."
Karl Brenke, Deutsches Institut für Wirtschaftsordnung
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk (Neuss)
http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de/
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Altenpflege - Wirksame Interessenvertretungen fehlen

Beitrag von WernerSchell » 12.12.2017, 08:05

Sich immer nur um andere kümmern
Trotz schwieriger Arbeitsbedingungen: Wirksame Interessenvertretungen fehlen in der Wachstumsbranche Altenpflege


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Pflegekräfte in Deutschland sind kaum organisiert. Die wenigsten sind Mitglied in einer Gewerkschaft. Nur eines von zehn privaten Pflegeheimen hat einen Betriebsrat. Dabei gibt es viel, für das es sich zu kämpfen lohnt. So wünscht sich die Mehrheit der Beschäftigten in der Altenpflege weniger Zeitdruck, mehr Gehalt und selbstbestimmtere Arbeitszeiten. Warum die Interessenvertretung in der Wachstumsbranche Altenpflege bislang so schwach ausgeprägt ist, hat Wolfgang Schroeder, Fellow am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und Professor an der Universität Kassel, untersucht. Für seine Studie befragte er bundesweit 750 Beschäftigte in der Altenpflege.

Kaum eine Branche wächst derzeit so stark wie die Altenpflege. Allein zwischen 1999 und 2015 stieg hier die Zahl der Beschäftigten um 460.000 auf knapp 1,1 Millionen. Die meisten arbeiten in Teilzeit (65 Prozent), die große Mehrheit der Beschäftigen (85 Prozent) sind immer noch Frauen.

Die Ursachen, warum sich Altenpflegerinnen und Altenpfleger nicht organisieren, sind vielfältig. Die Alten- und Krankenpflege steht noch immer in der Tradition eines wohltätigen „Liebesdienstes“. Dieses Denkmuster macht es schwer, aus Pflegejobs „normale Arbeitsverhältnisse“ zu machen und gemeinsam Rechte einzufordern, erläutert Wolfgang Schroeder. Das zeigen auch die Antworten der Befragten. Knapp 70 Prozent sagten, sie erhielten die Wertschätzung für ihre Arbeit von den Patienten, aber nur 20 Prozent gaben an, dass ihre Arbeit von der Gesellschaft sehr geschätzt werde. Zu streiken bedeutet für 77 Prozent der Befragten, ihre Patienten im Stich zu lassen.

Die Branche ist zudem stark zerklüftet – in stationäre und ambulante Pflege, die verschiedenen Träger, gut ausgebildete Fachkräfte und angelernte Hilfskräfte. Die Ausbildung ist nicht einheitlich. Viele gelangen über Umwege in die Altenpflege und üben hier ihren Zweit- oder Drittberuf aus. Die Unterschiede bei Entlohnung, Arbeitsumfang und beruflicher Verweildauer sind entsprechend groß. „Das erschwert die Herausbildung eines kollektiven Selbstverständnisses, wie es zum Beispiel in der Industrie existiert“, sagt Schroeder.

Eine wirksame Durchsetzung von Interessen scheitert aber nicht nur daran, dass Arbeitnehmer und Arbeitgeber in der Altenpflege bislang keine kollektiven Arbeitsbeziehungen entwickelt haben. Neun von zehn Pflegekräften sehen nicht den Arbeitgeber, sondern den Staat in der Verantwortung für die Verbesserung ihrer Arbeitssituation. „Richtig ist, dass der Staat die Bedingungen grundlegend verbessern sollte. Aber es braucht die kollektive Selbstorganisation in den Betrieben und durch die Gewerkschaften, um für die Beschäftigten etwas zu erreichen“, sagt Schroeder. Nur so könne der Pflegeberuf aufgewertet werden.

In der Altenpflege gibt es zudem keine gewerkschaftliche Tradition. Das Berufsfeld hat sich in Deutschland, anders als in manchen anderen europäischen Ländern, fernab klassischer Formen der Interessenvertretung entwickelt. 81 Prozent der Befragten gaben an, noch nie durch eine Gewerkschaft angesprochen worden zu sein. Nur 11 Prozent der Befragten sind in einer Gewerkschaft, über die Hälfte hat noch nie über eine Mitgliedschaft nachgedacht. Gewerkschaften werden als Akteur der Veränderung kaum erkannt. Gerade weil ihnen die betriebliche Machtbasis fehlt, könnten die Gewerkschaften dann tatsächlich wenig bewirken. „Das ist ein Teufelskreis“, sagt Studienautor Schroeder.

Die Studie Interessenvertretung in der Altenpflege. Zwischen Staatszentrierung und Selbstorganisation ist als Buch im VS Verlag für Sozialwissenschaften erschienen (> https://www.springer.com/de/book/9783658194062 ).

Wolfgang Schroeder forscht als WZB-Fellow in der Abteilung „Demokratie und Demokratisierung“ und ist Professor an der Universität Kassel.

Pressekontakt
Prof. Dr. Wolfgang Schroeder
Tel.: 030 25491-270
wolfgang.schroeder@wzb.eu

Claudia Roth
WZB-Presstelle
Tel.: 030 25491-510
claudia.roth@wzb.eu

Quelle: Pressemitteilung vom 11.12.2017
Dr. Harald Wilkoszewski Informations- und Kommunikationsreferat
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH
https://idw-online.de/de/news686241

Siehe auch unter >>> viewtopic.php?f=3&t=22416
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk (Neuss)
http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de/
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Interessenvertretung in der Altenpflege verbesserungsbedürftig

Beitrag von WernerSchell » 17.03.2018, 08:15

Buchtipp:

Prof. Dr. Wolfgang Schroeder:

Interessenvertretung in der Altenpflege
Zwischen Staatszentrierung und Selbstorganisation

Bild

Springer VS, 2018
ISBN 978-3-658-19407-9
Softcover 44,99 €


Wolfgang Schroeder untersucht den Einfluss, den die zumeist weiblichen Beschäftigten auf ihre Arbeitsbedingungen haben. Mittels umfassender Befragungen zeigt er empirisch gesichert auf, wie schwach deren Selbstorganisation bisher ausgeprägt ist. Diskutiert werden die historischen, arbeitsbezogenen und institutionellen Ursachen, warum sie die Handlungsspielräume bislang als eher gering und die Hindernisse für bessere Arbeitsbedingungen als eher hoch einschätzen. Dabei wird deutlich, dass die Pflegenden über das Potenzial und die Strategien für eine zeitgemäße Interessenvertretung verfügen. Diese zu nutzen ist besonders wichtig, weil so nicht nur attraktivere Arbeitsbedingungen geschaffen werden können, sondern auch das Problem des Fachkräftemangels behoben werden kann.

Quelle und weitere Informationen:
http://www.springer.com/de/book/9783658194062

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Pressemitteilung: 11 12 2017
Sich immer nur um andere kümmern
Altenpflege in Deutschland


Trotz schwieriger Arbeitsbedingungen: Wirksame Interessenvertretungen fehlen in der Wachstumsbranche Altenpflege

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Pflegekräfte in Deutschland sind kaum organisiert. Die wenigsten sind Mitglied in einer Gewerkschaft. Nur eines von zehn privaten Pflegeheimen hat einen Betriebsrat. Dabei gibt es viel, für das es sich zu kämpfen lohnt. So wünscht sich die Mehrheit der Beschäftigten in der Altenpflege weniger Zeitdruck, mehr Gehalt und selbstbestimmtere Arbeitszeiten. Warum die Interessenvertretung in der Wachstumsbranche Altenpflege bislang so schwach ausgeprägt ist, hat Wolfgang Schroeder, Fellow am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und Professor an der Universität Kassel, untersucht. Für seine Studie befragte er bundesweit 750 Beschäftigte in der Altenpflege.

Kaum eine Branche wächst derzeit so stark wie die Altenpflege. Allein zwischen 1999 und 2015 stieg hier die Zahl der Beschäftigten um 460.000 auf knapp 1,1 Millionen. Die meisten arbeiten in Teilzeit (65 Prozent), die große Mehrheit der Beschäftigen (85 Prozent) sind immer noch Frauen.

Die Ursachen, warum sich Altenpflegerinnen und Altenpfleger nicht organisieren, sind vielfältig. Die Alten- und Krankenpflege steht noch immer in der Tradition eines wohltätigen „Liebesdienstes“. Dieses Denkmuster macht es schwer, aus Pflegejobs „normale Arbeitsverhältnisse“ zu machen und gemeinsam Rechte einzufordern, erläutert Wolfgang Schroeder. Das zeigen auch die Antworten der Befragten. Knapp 70 Prozent sagten, sie erhielten die Wertschätzung für ihre Arbeit von den Patienten, aber nur 20 Prozent gaben an, dass ihre Arbeit von der Gesellschaft sehr geschätzt werde. Zu streiken bedeutet für 77 Prozent der Befragten, ihre Patienten im Stich zu lassen.

Die Branche ist zudem stark zerklüftet – in stationäre und ambulante Pflege, die verschiedenen Träger, gut ausgebildete Fachkräfte und angelernte Hilfskräfte. Die Ausbildung ist nicht einheitlich. Viele gelangen über Umwege in die Altenpflege und üben hier ihren Zweit- oder Drittberuf aus. Die Unterschiede bei Entlohnung, Arbeitsumfang und beruflicher Verweildauer sind entsprechend groß. „Das erschwert die Herausbildung eines kollektiven Selbstverständnisses, wie es zum Beispiel in der Industrie existiert“, sagt Schroeder.

Eine wirksame Durchsetzung von Interessen scheitert aber nicht nur daran, dass Arbeitnehmer und Arbeitgeber in der Altenpflege bislang keine kollektiven Arbeitsbeziehungen entwickelt haben. Neun von zehn Pflegekräften sehen nicht den Arbeitgeber, sondern den Staat in der Verantwortung für die Verbesserung ihrer Arbeitssituation. „Richtig ist, dass der Staat die Bedingungen grundlegend verbessern sollte. Aber es braucht die kollektive Selbstorganisation in den Betrieben und durch die Gewerkschaften, um für die Beschäftigten etwas zu erreichen“, sagt Schroeder. Nur so könne der Pflegeberuf aufgewertet werden.

In der Altenpflege gibt es zudem keine gewerkschaftliche Tradition. Das Berufsfeld hat sich in Deutschland, anders als in manchen anderen europäischen Ländern, fernab klassischer Formen der Interessenvertretung entwickelt. 81 Prozent der Befragten gaben an, noch nie durch eine Gewerkschaft angesprochen worden zu sein. Nur 11 Prozent der Befragten sind in einer Gewerkschaft, über die Hälfte hat noch nie über eine Mitgliedschaft nachgedacht. Gewerkschaften werden als Akteur der Veränderung kaum erkannt. Gerade weil ihnen die betriebliche Machtbasis fehlt, könnten die Gewerkschaften dann tatsächlich wenig bewirken. „Das ist ein Teufelskreis“, sagt Studienautor Schroeder.

Die Studie Interessenvertretung in der Altenpflege. Zwischen Staatszentrierung und Selbstorganisation ist als Buch im VS Verlag für Sozialwissenschaften erschienen (> http://www.springer.com/de/book/9783658194062 ).

Wolfgang Schroeder forscht als WZB-Fellow in der Abteilung „Demokratie und Demokratisierung“ und ist Professor an der Universität Kassel.

Pressekontakt
Prof. Dr. Wolfgang Schroeder
Tel.: 030 25491-270
wolfgang.schroeder@wzb.eu
Claudia Roth
WZB-Pressestelle
Tel.: 030 25491-510
claudia.roth@wzb.eu

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Siehe auch unter:
viewtopic.php?f=3&t=21365&p=101271#p101271
viewtopic.php?f=3&t=21365&p=101271#p100463
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk (Neuss)
http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de/
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