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„Wir müssen Brücken zu ihnen bauen"

Demenz wird meist mit dem unaufhaltsamen Verlust der Person, der Persönlichkeit eines Menschen gleichgesetzt. Dass gerade diese defizit-orientierte Sicht verheerenden Einfluss auf den weiteren Verlauf einer Demenz hat, ist bisher kaum bekannt. Im Rahmen des seit November 2002 laufenden Bundesmodellprojekts „Zentrum für Pflege, Fortbildung und Praxisforschung bei Demenzerkrankungen" wird zunehmend deutlich, wie sich durch ein verändertes Bild von Demenz völlig neue Dimensionen in der Wahrnehmung von Menschen mit Demenz eröffnen. Auf dem Gelände der Stiftung Schönholzer Heide, Trägerin des in Berlin-Pankow angesiedelten Bundesmodellprojekts, werden in sechs Wohngemeinschaften Menschen mit Demenz rund um die Uhr von ambulanten Pflegediensten individuell betreut. Über die hier gewonnenen Erkenntnisse sprach Bettina Recktor mit Peter Wißmann, Fortbildungsreferent der Stiftung Schönholzer Heide.

Recktor: Wenn von Demenz die Rede ist, wird damit meist Verlust an Selbständigkeit, Pflegebedürftigkeit, Auslöschung der Person, Leid, Trauer und Tod verbunden. Stimmt dieses Bild überhaupt?

Wißmann: Vielleicht wird Demenz inzwischen ein wenig modifizierter gesehen, aber dass es ein unaufhaltsamer Prozess ist, den man nur schicksalsergeben hinnehmen kann, wird eigentlich nach wie vor behauptet. Viele sagen zu recht, und das ist eher der aktuelle Diskussionsstand, wir können dennoch etwas dafür tun, dass der Verlauf vielleicht ein Bisschen langsamer geht, dass die Symptome ein wenig abgemildert werden, dass trotzdem noch ein wenig an Pflegequalität erzielt wird. Es ändert aber nichts an der Grundaussage, dass es ein stetiger Abbauprozess ist. Und dieses Bild einer kontiniuierlich nach unten abfallenden Kurve, das gerade auch aus dem medizinischen Bereich formuliert wird, hat für Menschen mit Demenz fatale Konsequenzen.

Vor einigen Jahren ist in Großbritannien von Tom Kitwood und der Bradford Dementia Group zu diesem Bild sehr bewusst eine Gegenthese gesetzt worden. Und die besagt nicht etwa: Alles Unsinn, die Medizin hat nur Unrecht, Demenz hat rein gar nichts mit neuropathologischen Prozessen zu tun. Das alles wird gar nicht bestritten. Der Vorwurf geht vielmehr dahin, dass mit den herkömmlichen Erklärungen nur ein Teil der Wahrheit beschrieben wird. Denn bei der Diskussion um Demenz wird stets ein ganz zentraler Faktor übersehen, der auch in der Forschung fast nie eine Rolle spielt, und das ist die Seite der Sozialpsychologie.

Anders als das einseitige Demenz-Bild der Medizin geht der neue Ansatz nämlich davon aus, dass der Verlauf einer Demenz eben nicht allein von neuropathologischen Abbauprozessen abhängt, sondern gleichermaßen davon, wie wir einem Menschen mit Demenz begegnen, wie wir auf ihn reagieren. Und das ist ein großer Unterschied. Das heißt, ich kann durch eine zugewandte person-zentrierte Pflege, durch die Art der Interaktion und Kommunikation, durch die Art des Umfeldes, in dem ein Mensch mit Demenz lebt, durch die Art der Anregungen, die er erfährt, diesen Prozess beeinflussen. Die Frage ist also, was passiert an Interaktionen, an Reaktionen der Umwelt auf jemanden, der eine Demenz hat oder erste Symptome einer Demenz zeigt. Wie gestalten sich für ihn die sozialen und zwischenmenschlichen Beziehungen? Hat er ein verständnisvolles Umfeld? Lebt er in Bedingungen, die eher fördernd oder behindernd sind. Lebt er in einer reizarmen oder reizvollen Umgebung. Hat er Möglichkeiten der Betätigung?

Recktor: Bislang wird auf Menschen mit Demenz im Allgemeinen nicht sehr verständnisvoll reagiert. Wie ist nach Ihrer Erfahrung die Sichtweise der Berufsgruppen, die für ihre Pflege und Betreuung zuständig sind?

Wißmann: In vielen Büchern oder auch in Vorträgen werden Menschen mit Demenz ja dargestellt als „Körper, die der Geist verlassen hat", als „leere Hülle, aus der die Persönlichkeit verschwunden ist". Und das sind grauenvolle Bilder, in denen auch etwas ganz Gefährliches liegt. Denn wenn man nur noch eine leere Hülle vor sich sieht, wie das von körperlich schwer pflegebedürftigen Menschen, etwa Menschen im Koma, auch oft behauptet wird, dann reagiert man auf diese Menschen auch so. Denn jedes Bild hat Konsequenzen auf der Handlungsebene, also wie ich reagiere. Wenn ich nur noch einen „Körperklumpen" vor mir sehe, dann muss ich nicht mehr sehr gefühlvoll sein. Dann beschränke ich mich auf die Pflege des Körpers, dann hüte ich den Körper. Ich tue dies vielleicht ganz intensiv, übersauber, überhygienisch, und vernachlässige dabei das Wesentliche. Wenn nämlich, wie es in fast jeder Aussage heute zu finden ist, diese „Hülle" mit der irrigen Vorstellung eines Auslöschens der Persönlichkeit kombiniert wird, erkenne ich dort tatsächlich keine Person mehr. Und genau diese Haltung bezeichnet heute noch immer einen Großteil von Pflegerealität.

Wenn aber der „Demente" vermeintlich nichts mehr von seiner Umwelt mitbekommt, kann ich bestimmte Dinge mit ihm tun, oder auch lassen. Ich kann zum Beispiel in seiner Gegenwart reden, was ich will. Ich muss ihn nicht mehr persönlich ansprechen. Warum soll ich denn bitte, wenn er nichts mehr wahrnimmt, kontinuierlich Blickkontakt zu ihm suchen, warum soll ich ihm intensive Berührungen schenken? Das heißt, ich verweigere, wenn auch nicht bewusst, die soziale Interaktion, das Eingehen auf diesen Menschen, das Ernstnehmen, das Wahrnehmen dieses Menschen als Person. Und das ist gar nicht böse gemeint, es wird aus bestem Wissen und Gewissen gehandelt, sozusagen in konsequenter Ableitung des vorherrschenden medizinisch geprägten Bildes von Demenz.

Recktor: Es muss also in jedem Fall davon ausgegangen werden, dass Menschen mit Demenz wahrnehmen und fühlen?

Wißmann: Ja, selbstverständlich, wobei gerade die Gefühlsebene die zentrale Wahrnehmungsebene darstellt. Wenn ein Mensch mit Demenz schreiend über den Gang läuft, ist das doch Ausdruck sehr starker Gefühle! Gerade in Fortbildungen mit Pflegekräften begegnet mir oft der Satz: „Die können ja gar nichts mehr, die können auch nicht mehr reden." In unserem Verständnis von Sprache und Kommunikation können sie tatsächlich oft nicht mehr Worte oder logische Sätze formulieren, und dennoch können sie sehr intensiv mit uns in Verständigung treten, durch Schreie, durch Geräusche, oder wenn auch das nicht mehr geht, durch Gestik und Mimik. Oder auch durch gar nichts tun. Die Aufgabe für uns ist jetzt herauszufinden, auf welchen Ebenen der Kommunikation wir sie erreichen, denn die Haupttragödie ist ja die Unfähigkeit oder Schwierigkeit der Kommunikation zwischen Menschen mit und denen ohne Demenz. Wir müssen also überlegen, wie wir die sprachlichen Barrieren überwinden, wie wir diese Menschen als Personen wahrnehmen und in ihrem Personsein stärken können. Die Kernfrage ist also: Wie schaffen wir Zugangswege zu ihnen?

Ich möchte dies an dem Bild eines Flusses deutlich machen. Auf dem einen Ufer leben die so genannten Normalen, ich sage lieber diejenigen, die keine Demenz haben, auf dem anderen Ufer die Menschen mit Demenz. Und nun gilt es, diese beide Gruppen zusammenzubringen. Und dazu müssen wir auf Menschen mit Demenz zugehen, wir müssen Brücken bauen, und zwar von uns aus in Richtung dieser Menschen, denn sie können es nicht mehr tun.

Recktor: Über welche Brücken wären solche Zugänge möglich?

Wißmann: Es ist zunächst wichtig zu wissen, dass hinter jedem Verhalten eines Menschen mit Demenz ein Sinn, ein Zweck, eine Aussage steckt. Es gibt kein bizarres, unerklärliches Verhalten, auch wenn wir es nicht verstehen. Ein Mensch mit fortgeschrittener Demenz sagt zum Beispiel nicht: „Hören Sie mal Schwester, ich habe Durst, könnten Sie mir bitte ein Fläschen Mineralwasser vorbeibringen und am besten noch einschenken?" Das kann er nicht, aber er kann anders reagieren. Er kann mit den Augen rollen, er kann vor sich hin stöhnen. Er kann auch, wenn ich ihn frage, sogar das Gegenteil von dem Gemeinten sagen. Du fragst zum Beispiel „Möchten Sie noch etwas trinken?" und er antwortet „Nein", meint aber „Ja". Und genau das meine ich mit „eigener Sprache", die je nach Mensch ganz spezifisch ist. Und hier passieren die Dramen es Alltags, wenn ich damit nicht umgehen kann.

Die Folge ist, dass dieser Mensch weiterhin Durst hat, weil er sich nicht verständlich machen kann. Die Schwester sagt vielleicht sogar, und das können Sie jeden Tag beobachten: „Ja, Frau Müller, aber Sie müssen mir schon sagen, was Sie wollen. Wie soll ich es sonst wissen?" Sie meint es wirklich gut, aber die andere spürt nur, dass sie nicht verstanden wird; sie wird vielleicht wütend und verzweifelt und schlägt um sich. Dann heißt es: „Frau Müller ist aggressiv und schlägt. Vor der muss man sich in Acht nehmen!"

Recktor: Um Menschen mit Demenz wirklich verstehen zu können müssen wir also lernen, stärker über unsere Intuition und Gefühle zu erkennen, was uns ein Mensch mit Demenz mitteilen möchte?

Wißmann: Genau, und dafür müssen wir eine andere Grundhaltung, eine so genannte hermeneutische Grundhaltung einnehmen, das heißt, wir müssen uns in diese Menschen einfühlen. So wie ich vor einem Bild stehe und versuche, es nicht wissenschaftlich zu analysieren, sondern es intuitiv zu erfassen, muss ich auch hier über Einfühlung hinter den Sinn kommen. Ich muss mich bemühen, diesen Menschen zu verstehen in dem was er ist, was er meint, auch in der ganz konkreten Situation. Und das ist unglaublich schwer, es stellt sehr hohe Anforderungen

Um einen Menschen mit Demenz zu verstehen, muss ich mich vollständig auf ihn einlassen, was zum Beispiel auch bedeutet, meine Arbeit sehr stark als Körperarbeit zu begreifen. Und es bedeutet, mich auf unstrukturierte Situationen einzulassen. Aber wenn ich Pflegekräften sage: „Fühlt euch einfach ein, seid offen, jede Situation kann völlig anders sein, es gibt nichts Strukturiertes, es gibt keine Sicherheit", widerspricht das natürlich weitestgehend dem professionellen Selbstverständnis herkömmlicher Pflege und Betreuung. Denn da geht es ja sehr stark um Standards, um Pflegediagnosen, um Pflegeprozessplanung und Abläufe, die vermeintliche Sicherheit schaffen und wo angeblich klar ist: Wenn dieses Symptom auftritt, dann ist das so und so zu beurteilen, dann muss so und so interveniert werden. Natürlich ist nichts gegen Standards und Planung einzuwenden. Doch alle Schemata, Kategorisierungsversuche und Handlungsrezepte werden in der Regel der Lebensrealität und auch der Individualität von Menschen mit Demenz nicht gerecht und stellen nur allzuoft Hindernisse für eine offene person-zentrierte Begleitung oder Pflege dar.

Traditionelles professionelles Selbstverständnis ist eben, mich nicht völlig auf die Person einzulassen. Ich soll zwar einfühlsam und empathisch, aber doch distanziert sein. In der Psychiatrie beispielsweise macht Professionalität aus, dass ich in der Lage bin, Distanz zu wahren und „Verstrickungen" konsequent aus dem Wege zu gehen. In Bezug auf Menschen mit Demenz müssen wir aber erkennen, dass für sie eine solche Distanziertheit absolut schädlich ist. Hier wird primäre Bindung, also eine sehr dichte Beziehung zu dem betreffenen Menschen benötigt. Das heißt, wir müssen begreifen, dass im Bereich der sogenannten Demenzpflege die meisten Regeln nicht gelten und wir noch einmal ganz von Neuem zu lernen beginnen müssen. Das Fatale ist, dass wir immer von unserem Denken und unserer Realität ausgehen und nur schwer verstehen können, dass ein Mensch mit Demenz in einer gänzlich anderen Welt lebt als die sogenannten Normalen, oder auch in einer anderen Welt, als Menschen mit sonstigen gerontopsychiatrischen Krankheiten.

Recktor Sie beziehen sich auf Menschen mit Demenz ausdrücklich mit dem Begriff „Person". Gerade das Personsein wird ihnen von Vertretern der Bioethik abgesprochen.

Wißmann: Ob gesunder oder kranker Mensch, ob körperlich oder geistig behindert, ob aktiver Mitdreißiger oder Komaptientin: uns alle zeichnet der Status des Menschseins aus. Und dieser Status gebietet es, jedem Menschen mit Respekt zu begegnen und ihn in den Schutz der Gemeinschaft zu stellen. In Seminaren stelle ich Pflegekräften oft die Frage, ob Menschen mit Demenz für sie auch Personen sind. Die meisten TeilnehmerInnen verneinen das, was ihnen aber nicht zu verdenken ist. Denn in fast jedem medizinisch ausgerichteten Fachbuch ist nachzulesen, dass „Demenzkranke" ihre Persönlichkeit Stück um Stück verlieren und am Ende die Auslöschung der Person steht. Dabei ist bekannt, dass sich bei Menschen mit Demenz Persönlichkeitsmerkmale oft noch verstärken. Aus lebenslang praktizierter Zurückhaltung kann Misstrauen, aus Sparsamkeit Geiz oder Sammeltrieb werden. Und das hat sicherlich nichts mit einer Vernichtung der „alten" Person zu tun.

Um Bedürfnisse nach Identität, nach Trost, Anerkennung oder sozialem Einbezogensein befriedigen zu können, ist ein Mensch mit Demenz auf die Unterstützung anderer angewiesen. Er braucht jemanden, der sein Personsein stärkt, der ihm Impulse gibt, beispielsweise über kontinuierliches Anknüpfen an seine Biographie, an seine Erinnerungen, an positive Ereignisse. Erfolgserlebnisse müssen möglich gemacht werden, zum Beispiel dadurch, dass ich meinem Gegenüber den Löffel nicht einfach aus der Hand nehme, sondern ihm dabei helfe, den Löffel zumindest teilweise selbst zu führen.

Man sollte also überlegen, wie man den Alltag stärker als Ressource nutzen und jede kleine Handlung als Impuls nehmen kann, der vielleicht für drei Minuten Freude schafft. Zum Haushalt in den Wohngemeinschaften gehören beispielsweise Dinge wie Fegen, Post holen und so weiter. Da kann ich den Leuten doch einfach mal einen Besen in die Hand drücken und schauen, was dann passiert. Acht Mal passiert vielleicht nichts. Aber vielleicht fängt er oder sie plötzlich an zu fegen. Das geschieht dann nämlich meistens. Vielleicht entwickelt sich ein kleiner Dialog, das können zwei Sätze sein. Oder es werden Erinnerungen hervorgerufen. Dieser Mensch lächelt vielleicht einmal kurz, weil er sich an irgend etwas erinnert, weil er für kurze Zeit das Gefühl hat, neben dir etwas Schönes zu machen, auch wenn er es nicht formulieren kann. Und genau das zählt. Das Wohlbefinden in jeder Minute zählt. Die Aufgabe person-zentrierter Pflege ist es ja auch, Wohlbefinden mit und trotz Demenz zu ermöglichen.

Recktor: Ein sehr gängiges Klischee ist, dass Menschen mit Demenz ab einem bestimmten Stadium kaum noch klare Momente haben und besonders zum Schluss ständig verwirrt sind.

Wißmann: Das werden Sie so gut wie nie finden. Es gibt nicht die Demenz, es gibt nicht den Dementen, es gibt nicht zwei Verläufe, die sich ähneln, weil es immer unterschiedliche Personen sind. Pflegekräfte, die in Wohngemeinschaften Menschen mit Demenz begleiten, berichten häufig, dass bei Bewohnern plötzlich Seiten und Kompetenzen zum Vorschein kommen, von denen sie gar nicht ahnten, dass sie vorhanden sind. Das widerspricht also völlig der Auffassung, dass alles für immer weg ist. Wenn ich mich immer wieder darauf einlasse, dass es jeden Moment anders sein kann, mache die Erfahrung, dass plötzlich all diese Kompetenzen und Glücksmomente zum Vorschein kommen, einfach durch die Impulse, die kontinuierlich durch die soziale Umwelt gegeben werden. Oft haben Menschen mit Demenz kurz vor ihrem Tod sehr orientierte und klare Momente, wo man sich fragt, wer spricht hier eigentlich von Demenz? Deshalb ist es sehr wichtig zu begreifen, dass die Person bis zuletzt erhalten bleibt.

Recktor: Die Frage ist ja auch, ob Menschen mit Demenz überhaupt als „krank" zu bezeichnen sind, ob sie permanent behandelt und gepflegt werden müssen.

Wißmann: Für mich gehört Demenz tatsächlich nicht vorrangig in den Bereich von Medizin und Pflege. Menschen mit Demenz haben wie wir auch einen Tag von 24 Stunden, in denen es zu leben, zu wohnen, zu kommunizieren, den Alltag zu gestalten gilt. Und das ist das Vorrangige vor Pflege und medizinischer Behandlung. Deshalb brauchen sie statt Pflegerinnen und Therapeuthen vor allem Begleiter durch das Leben und den Alltag.

Recktor: Ich könnte mir vorstellen, dass nicht jeder geeignet ist, Menschen mit Demenz zu begleiten. Welche Fähigkeiten sollten dafür vorhanden sein?

Wißmann: Als wir für die Wohngemeinschaften in Pankow die Mitarbeiterinnen eingestellt haben, kamen hoch qualifizierte Leute, und es war dramatisch, ihnen erklären zu müssen, dass 80 Prozent dessen, was sie gelernt haben und auch hervorragend beherrschen, in diesem Zusammenhang nicht gebraucht wird. Dass 80 Prozent andere Fähigkeiten benötigt werden, die sie aber nicht gelernt haben, die sie erst einmal noch nicht besitzen.

Ich muss zum Beispiel spontan und spielerisch sein können, ich muss gehen lassen, sein lassen können. Ich muss flexibel sein und mit dem Chaos leben können, das heißt Situationen aushalten, die nicht strukturiert sind. Und ich darf nicht versuchen, sie zwanghaft strukturieren zu wollen. Ich muss einfach da sein, frei flottierend mit diesen Menschen den Tag verbringen, mich also ohne tausend geplante Geschichten im Kopf einfach auf jede Situation spontan einlassen können.

Das sind natürlich ganz neue Ansätze, und wenn ich als Pflegende 20 oder 30 Jahre lang das Gegenteil gelernt und auch verinnerlicht habe, ist das eine enorm schwierige Arbeit. Deshalb ist das, was ich sage, auch nicht als Vorwurf gemeint, denn dieses Umdenken sind wir meist nicht gewohnt. Viele können sich spontan darauf einlassen und sind im Lernprozess, andere haben nicht die Bereitschaft und kommen damit nicht klar, weil sie, und das ist auch legitim, aus ganz bewussten Gründen bestimmte Sachen können und sich darauf konzentriert haben.

Recktor: Welche weiteren Veränderungen brauchen wir, um person-zentrierte Pflege zu ermöglichen?

Wißmann: Wir müssen andere Wohnformen schaffen, das heißt, wir müssen weg von der Funktionalpflege in großen Einheiten und hin zu kleinen Wohngruppen, ob im ambulanten oder stationären Bereich. Das sind ganz wichtige Voraussetzungen, denn person-zentrierte Pflege können wir nicht in Masseninstitutionen realisieren. Wir brauchen eine andere personelle Ausstattung, denn für 30 Leute kann nicht nur eine einzige Kraft zur Verfügung stehen. Es gibt inzwischen aber erfreuliche Tendenzen, denn gerade in den letzten Jahren hat sich eine ganze Anzahl von Einrichtungen auf den Weg gemacht, umzustrukturieren oder es in Richtung kleinerer Einheiten zu versuchen. Besonders hier in Berlin ist diese Tendenz stark ausgeprägt, etwa durch ambulante Wohngemeinschaften, die zum Teil von Angehörigen initiiert werden. Es gibt auch Einrichtungen, die im Zwischenzustand sind, die erkannt haben, dass es so nicht weiter geht, aber noch nicht wissen, welchen Weg sie einschlagen sollen.

Recktor: Was könnte passieren, wenn auf gesellschaftlicher Ebene keine Veränderung in der Sichtweise von Demenz erfolgt?

Wißmann: Es wird immer mehr Menschen mit Demenz geben, die immer „schwieriger" zu pflegen sein werden, denn wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen, wenn keine person-zentrierte Pflege durchgeführt wird, Ghettos und große Institutionen die Regel sind, wird das geschehen, was zum Teil auch heute passiert: die Leute werden „verhaltensauffällig", aggressiv, es wird mehr sogenannte Wegläufer geben. Betreuungs- und Pflegekräfte werden verzweifelter, Burnout wird zunehmen, die Leute werden diesen Bereich schließlich meiden oder verlassen. Man kann den Menschen auch nicht zumuten, unter solchen Bedingungen zu arbeiten, weder den Engagierten, die etwas ändern wollen und nicht können, noch denen, die nach dem alten Bild lieber Funktionspflege machen möchten. Die Leute leiden doch unter den sich verschlimmernden Zuständen.

Die Kosten für die Verwahrung werden steigen, die Medikation wird stärker, denn ich muss zunehmend mehr Menschen mit Demenz irgendwie ruhig stellen. Und ich befürchte, auch die Diskussionen über den Erhalt und die Erhaltenswürdigkeit von Leben werden Aufschwung nehmen. Wir müssen uns auch fragen, was wir für Angehörige von Menschen mit Demenz tun können, denn da passiert noch relativ wenig. Was können wir tun, damit sie nicht zusammenbrechen und dann noch mehr Menschen in Heime kommen.

Person-zentrierte Pflege ist nicht zum Nulltarif erhältlich, und der entscheidende Punkt ist, ob wir sie finanzieren wollen oder nicht. Dass es möglich ist, zeigen ja die nicht wenigen ambulanten und stationären Wohngruppen. Und wenn wir über Kosten reden wollen, müssen wir in unserere Überlegungen auch all jene Kosten einbeziehen, die durch schlechte Betreuung, durch ausgebrannte Angehörige und berufliche Helfer entstehen. Die Frage lautet also: Was ist der Gesellschaft eine hochwertige menschengerechte Betreuung wert?

Die Not wird uns einfach zwingen, qualitativ umzuorientieren und Neues zu denken. Und es gibt inzwischen viele gute Beispiele, die hoffen lassen. Gehen Sie in eine Wohngemeinschaft und schauen Sie sich an, wie die Menschen dort aufgebaut werden, wie sie aufblühen. Hier in Pankow sind Leute in die Wohngemeinschaften eingezogen, die zum Teil bettlägerig waren, nicht ansprechbar, im klassischen Sinne schwer pflegebedürftig, laut Diagnose weder aktivierbar noch zu Kommunikation fähig.

Diese Menschen sehe ich jetzt, die meisten von ihnen fühlen sich wohl, ich kommuniziere mit ihnen, sie laufen herum, singen, machen wunderbare Sachen. Dieselben Leute waren zum Teil über lange Zeit in anderen Einrichtungen und galten als Schwerstdemente. Hier in den Wohngemeinhaften und überall dort, wo person-zentrierte Betreuung praktiziert wird, zeigt einfach das Umfeld, welche Fähigkeiten in diesen Menschen stecken.

Recktor: Haben Menschen mit Demenz uns vielleicht auch etwas voraus? Können wir von ihnen lernen?

Wißmann: Wenn wir es als eher negativ betrachten, dass man sich sein Leben lang sehr zwanghaften Strukturen unterordnen muss, die von uns verlangen, nur zu funktionieren, wir aber eigentlich diese anarchischen und auch archaischen Impulse in uns haben, die wir aber natürlich nicht komplett ausleben können, denke ich, dass Menschen mit Demenz sehr bewundernswerte Eigenschaften haben. Ein Mensch mit Demenz kann nicht taktieren, er trägt seine Gefühle im Gesicht. Wenn er Glück oder Liebe empfindet, wird er das auch unmittelbar ausdrücken. Genauso bewundernswert finde ich, dass er drei Minuten später wieder anders sein kann. Er sagt sich nicht: „Ich darf jetzt nicht nett zu ihr sein, die habe ich ja gerade erst angebrüllt." Sondern er tut es, weil es so ist. Es ist authentisch. Einfach spontan sein zu können, nicht immer alles zu planen, sich spontan freuen zu können, halte ich für sehr beneidenswert. Davon können wir uns eigentlich etwas abgucken.

Recktor: Hätte es vielleicht für uns alle positive Auswirkungen, wenn uns ein stärkerer Zugang zu Menschen mit Demenz gelänge?

Wißmann: Ich glaube, Demenz macht einfach deswegen Angst, weil es an den Grundfesten der westlichen Gesellschaft der letzten Jahrhunderte rüttelt. Worauf unsere rationale durchorganisierte Gesellschaft seit der Aufklärung aufbaut, ist ja die Ratio, das Denken. In vielen Kulturen, zum Beispiel im Zen-Buddhismus, aber auch in der christlich-mystischen Praxis, eigentlich in jeder meditativen Praxis, wird gesagt, ich muss meinen Geist manchmal zur Ruhe bringen, nur dann komme ich zu mir als Mensch, nur dann komme ich zum Urgrund der Dinge, kann ich die Seinserfahrung der Verschmelzung machen. Das heißt, die Überbewertung des Kopfes und des Denkens muss kritisch in Frage gestellt werden. Vielleicht wird der Zugang zu Menschen mit Demenz auch ein Zugang zu uns selbst sein, zu Anteilen von uns, die nicht mehr zugelassen sind.

Stand: 08.11.03

Ende

Peter Wißmann, 1956 in Dinslaken geboren, studierte in Berlin Dipl. Sozialpädagogik und beginnt nach Abschluss des Studiums seine berufliche Tätigkeit im Jugendbereich, unter anderem in der Jugendverbands- und Jugendbildungsarbeit. 1986 Wechsel in den Bereich Altenarbeit/Gerontologie. Seine Schwerpunkte sind bis heute Gerontopsychiatrie, d.h. psychisch veränderte alte Menschen, und soziale Rehabilitation.

Von 1986 bis 1992 Sozialdienstleiter eines ambulanten Pflegedienstes; von 1992 bis 2001 Leiter einer Koordinierungsstelle für ambulante Rehabilitation älterer Menschen sowie Fachbereichsleiter der Altenhilfe bei Albatros e.V. in Berlin, gleichzeitig verantwortlich für die Konzeptentwicklung und Koordinierung von Bundesmodellprojekten wie der Sozialen Datenbank Hilfelotse, der Wohnraumberatungsstelle und Netzwerk im Alter.

Seit 2001 Fortbildungsreferent am Zentrum für Pflege, Fortbildung und Praxisforschung bei Demenzerkrankungen (Stiftung Schönholzer Heide / Berlin). Ab Januar 2004 Fortbildungsreferent für Gerontopsychiatrie und Demenz beim Verein für integrative Angebote (VIA e.V.).

Kontinuierliche Mitarbeit in den Bereichen Beratung und Konzeptentwicklung für soziale Träger und Bauträger sowie in der Fort-, Weiterbildungs- und Lehrtätigkeit für Einrichtungen, Wohlfahrtsverbände, Ausbildungsstätten und Fachhochschulen.

Bettina Recktor, Studium der Biologie, Englischen Literatur und Linguistik an der Freien Universität Berlin; als freie Autorin im kritischen Wissenschaftsjournalismus tätig. Schwerpunkte ihrer Arbeit: Geschlechterforschung, Psychologie; kritische Betrachtung von Transplantationsmedizin und Gentechnik; Thanatologie; Bewusstseinsprozesse und Lernfähigkeit bei Menschen im Koma; Biographiearbeit/Erinnerungspflege sowie Sterbebegleitung bei Menschen mit Demenz.